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Nahaufnahme:Die Erste seit 70 Jahren

„Ich glaube, ich habe fachlich und als Führungskraft bereits eine ganze Menge bewirkt“, sagt Annabritta Biederbick.

(Foto: oh)

Annabritta Biederbick zieht in den Vorstand der Debeka ein, des größten privaten Krankenversicherers.

Von Ilse Schlingensiepen

Für Annabritta Biederbick, 46, sind fremde Welten nichts Ungewöhnliches. Eine Trekking-Tour durch die Kälte Grönlands gehört ebenso wie eine ausgedehnte Wanderung durch Oman zu den Abenteuern, von denen sie gerne erzählt. Jetzt zieht die Juristin in den 15. Stock in der Debeka-Hauptverwaltung in Koblenz. Das wird ihr bislang größtes Abenteuer. Ab dem 1. August 2020 ist Biederbick Vorstandsmitglied der Versicherungsgruppe, immerhin der fünftgrößte Versicherer in Deutschland und mit Abstand der größte private Krankenversicherer (PKV).

In den vergangenen 70 Jahren hatte es keine andere Frau so weit nach oben geschafft. 1947 zog Anneliesel Bertsche in den Vorstand des neuen Lebensversicherers der Gruppe ein, aber die promovierte Mathematikerin blieb nur drei Jahre.

Biederbick hat fest vor, länger zu bleiben. Das passt auch zur Tradition der Debeka. Der Versicherer ist bekannt dafür, dass die Vorstandsmitglieder eher für Jahrzehnte als für Jahre ihre Funktion ausüben - und schon vorher viel Erfahrung im Unternehmen gesammelt haben. Vorstandschef Thomas Brahm hat ebenso wie seine beiden Vorgänger Uwe Laue und Peter Greisler seine Karriere als Auszubildender bei der Debeka begonnen und das Unternehmen nie verlassen.

Da ist die Bonnerin anders, die Debeka ist weder der erste Arbeitgeber noch die Ausbildungsstätte. Jurastudium in der Heimatstadt, zwei Jahre Referendariat in Ulm, mit 27 Jahren die Zweite Juristische Staatsprüfung am Oberlandesgericht Stuttgart.

Eigentlich spielten Versicherer keine große Rolle in Biederbicks Karriereplan. Ihr Spezialgebiet war das Arbeitsrecht. Das hätte aber die Arbeit in einer Großkanzlei bedeutet, die sie im Studium kennengelernt hatte. "Ich habe dort gemerkt, dass man Spaß daran haben muss, um 24 Uhr noch eine Pizza ins Büro zu bestellen."

Diese Art Spaß wollte sie nicht. Also keine Großkanzlei, kein Arbeitsrecht. Sie ging als Juristin zum PKV-Verband in Köln. In der Rechtsabteilung machte sie sich mit den Feinheiten der privaten Krankenversicherung und der Beihilfe vertraut. Ganz fremd war ihr das Thema nicht, als Kind aus einer Beamtenfamilie war sie die meiste Zeit ihres Lebens privat versichert.

Biederbick blickt gern auf die sechseinhalb Jahre im Verband zurück. "Es war sehr interessant, ich habe viel gelernt." Allerdings sah sie dort keine großen Karrierechancen. Außerdem glaubt Biederbick, dass sie in einem Unternehmen mehr erreichen kann.

Im Oktober 2007 wechselte sie zur Debeka Krankenversicherung und wurde neun Jahre später, im Januar 2016, Hauptabteilungsleiterin. Jetzt kommt der Sprung in den Vorstand.

Der Aufsichtsrat der Debeka hat sich das eher bescheidene Ziel gesetzt, bis 2022 ein Sechstel der Vorstandsposten mit Frauen zu besetzen. Mit Biederbicks Einzug in das sechsköpfige Gremium ist das Ziel vorzeitig erreicht. Fühlt sie sich als Quotenfrau? "Ich glaube, ich habe fachlich und als Führungskraft bereits eine ganze Menge bewirkt." Allerdings weiß sie: "Wenn schon drei Frauen im Vorstand sitzen würden, sähe die Sache wahrscheinlich anders aus."

In der Führung folgt sie auf Peter Görg, der am 31. Juli in den Ruhestand geht. Biederbick sitzt in den Vorständen der drei Versicherer und der Pensionskasse der Debeka. Angst vor den neuen Aufgaben hat sie nicht - sie traut sich den Job zu.

Biederbick will an ihren Hobbys festhalten. Ganz oben stehen das Segeln - dabei hat sie ihren Lebensgefährten kennengelernt - und Wander- oder Fahrradausflüge. Eine weitere Leidenschaft ist die klassische Musik, Bach und Mozart sind die Favoriten. "Ich bin aber auch ein Fan von Bruce Springsteen."

© SZ vom 29.07.2020

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