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Nahaufnahme:Der Vielschreiber

Thomas Middelhoff: „Ich danke Gott, dass er mich ins Gefängnis geführt hat.“

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Thomas Middelhoff schreibt an seinem Lebenskrimi - doch so bald wird das Buch nun doch nicht erscheinen.

Von Uwe Ritzer

Er schreibt und schreibt und schreibt. Zwischendurch füllt er große Säle und gibt Interviews, häufig in christlichen Medien. Dort erzählt Thomas Middelhoff, 66, von seinem Scheitern und seiner Läuterung. Dem Absturz von einem der bestbezahlten deutschen Manager in die Zelle A 115 der Justizvollzugsanstalt Essen. Es fallen dann Sätze wie: "Ich danke Gott, dass er mich ins Gefängnis geführt hat." Denn aus dem Knast sei er als neuer Mensch gekommen, der sich und Gott wiedergefunden habe, nach einem Leben hektischer Höhenflüge an der Spitze des Medienriesen Bertelsmann und des Handelskonzerns Arcandor.

Es ist eine fesselnde Lebensgeschichte. Middelhoff ist einer der Menschen, die nicht nur eine glatte Karriere hinter sich haben, sondern eine pralle Biografie mit Brüchen. Er gehört auch zu denen, die polarisieren und bei Menschen Hass oder Häme hervorrufen. Ein süffiger Stoff also für Vielschreiber, zu denen auch der runderneuerte Thomas Middelhoff selbst gehört. Denn seit mit der Verurteilung zu drei Jahren Knast wegen Untreue im November 2014 seine Managerkarriere ihr unwiderrufliches Ende fand, schreibt er Bücher. Nach eigenen Angaben fast täglich von acht bis 18.30 Uhr, abzüglich Mittagspause.

Um ein Haar wären gleich zwei Schmöker von ihm kurz hintereinander in zwei konkurrierenden Verlagen erschienen: bei Langen-Müller der Wirtschaftskrimi "Das System", dessen Handlung Middelhoff aus seinem Berufsleben ableiten will, wie John Grisham, der US-Bestsellerautor und Jurist das vormacht, und im christlichen Adeo-Verlag das autobiografische Buch "Schuldig: Vom Scheitern und Wiederaufstehen".

Aus der Perspektive von Verlagsleuten wäre ein solcher Doppelschlag ein Super-GAU, da ein Buch dem anderen die öffentliche Aufmerksamkeit geraubt hätte. Doch so weit wird es nicht kommen. Der Krimi, dessen Cover und Inhaltsangabe bei Amazon bereits abrufbar sind und der dort auch vorbestellt werden kann, wurde verschoben auf den fernen 1. September 2022.

Das ist ungewöhnlich lange für ein augenscheinlich weit gediehenes Buch. Was prompt Spekulationen ins Kraut schießen lässt, es könnte mit Middelhoffs Privatinsolvenz zu tun haben. Oder genauer: Mit Thorsten Fuest, der seit 2015 als Insolvenzverwalter hartnäckig daran arbeitet, sich einen Überblick über Middelhoffs Vermögen zu verschaffen. Und der den Verdacht hegt, der Ex-Manager könnte vor der Insolvenz Vermögen unerlaubt auf die Seite geschafft und so seinen Gläubigern entzogen haben. Weshalb Fuest Middelhoff und dessen Anwalt 2018 auf Zahlung von 5,1 Millionen Euro verklagt hat.

Fuest hat auch ein Auge auf die Einkünfte des Schriftstellers Middelhoff geworfen. Der gab an, die Rechte für seinen 2017 erschienenen erfolgreichen Erstling "A 115 - Der Sturz" über seine Zeit im Knast bereits 2012 an eine US-Gesellschaft abgetreten zu haben. Was kurios wäre, da Middelhoff erst 2014 verurteilt wurde und zwei Jahre vorher nicht wissen konnte, dass er im Gefängnis landen und darüber ein Buch schreiben würde. Fuest sagt, Middelhoffs Buchprojekte, auch die neuen, seien "Gegenstand meiner Ermittlungen". Denn: "Generell fließen alle Wertschöpfungen, die während des Insolvenzverfahrens entstehen, dem Insolvenzverfahren zu."

Der Autor, der inzwischen in Hamburg lebt, ließ auf Anfrage dementieren, dass die Verschiebung des Krimis mit seiner Privatinsolvenz zu tun habe. Sein Krimi-Text sei einfach noch nicht gut genug für eine Veröffentlichung. Der Verlag Langen-Müller hüllte sich auf Anfrage in Schweigen. Der Adeo-Verlag hingegen versichert, "Schuldig. Vom Scheitern und Wiederauferstehen" werde plangemäß Anfang September erscheinen.

© SZ vom 06.06.2019

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