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Nahaufnahme:Der Provokateur

"Wenn man junge Menschen in das Erwerbsleben integriert, verwandelt sich ein demografischer Nachteil in eine demografische Dividende." Reiner Klingholz

(Foto: Robert Haas)

Für den Demografen Reiner Klingholz kommen die Flüchtlinge nicht überraschend. Er empfiehlt, junge Menschen in das Erwerbsleben zu integrieren.

Der Mann mit den provozierenden Ansichten zur Migration über das Mittelmeer ist Bevölkerungswissenschaftler, studiert hat er allerdings Chemie. Der Lebenslauf von Reiner Klingholz, 61, weist Besonderheiten auf. Er schrieb auch als Wissenschaftsredakteur für die Wochenzeitung Die Zeit, das war von 1984 bis 1989. Heute leitet Klingholz das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung, eine private gemeinnützige Forschungseinrichtung mit knapp einem Dutzend Mitarbeitern und einem sehr viel größeren Kreis von Förderern, Unterstützern und öffentlichen Auftraggebern.

Klingholz betrachtet die Jahre bei der Wochenzeitung als eine Art Studium Generale. Nach Tätigkeiten in der Entwicklungshilfe entdeckte er sein Faible für Menschen, die als Wanderer zwischen Staaten unterwegs sind. Die Berufung wurde Beruf: Das Werk des Demografen mit den klaren Botschaften umfasst mittlerweile 90 wissenschaftliche Papiere zur Migration, einem Thema von höchster Aktualität und politischer Brisanz, seit Hunderte von Menschen auf ihrem Weg von Afrika nach Europa im Mittelmeer ertrunken sind.

Bei den vom Ifo-Institut und der Süddeutschen Zeitung veranstalteten Münchner Seminaren schlägt Klingholz einen mit Zahlen belegten weiten Bogen, wie die Zuwanderung der Gastarbeiter in der Mitte des vorigen Jahrhunderts Deutschland verändert hat, wie sich seitdem die Migranten verändert haben und dass sich die Zuwanderung einer administrativen Steuerung entzieht - wie gerade in Europa zu beobachten ist.

Typisch für Deutschland ist laut Klingholz, dass zwei Drittel der ins Land Gekommenen wieder in ihre Heimat zurückkehren, nach dem Job auf Zeit oder am Lebensabend. Willkommen als sogenannte Gastarbeiter waren gering qualifizierte Zuwanderer, die Tätigkeiten übernahmen, die Deutsche nicht machen wollten. Wer länger blieb, der holte seine Familie nach, mit dem Effekt, dass die durchschnittliche Qualifikation der Gruppe weiter absank. Migranten zu integrieren und zu qualifizieren, der Gedanke setzte sich erst Ende der 1980er-Jahre durch, als Spätaussiedler aus Osteuropa aufgenommen wurden.

Die Reisefreizügigkeit in Südosteuropa und die Staatskrisen in Südeuropa brachten einen neuen Typ Migranten: den Gutgebildeten. Seit der Jahrtausendwende ist der Akademiker-Anteil unter Migranten höher als in der einheimischen Bevölkerung. Sie zu halten erfordert den Einsatz des Gastlandes. Klingholz verweist auf Asien als positives Beispiel: "Die Tigerstaaten haben vorgemacht, wenn man junge Menschen in das Erwerbsleben integriert, verwandelt sich ein demografischer Nachteil in eine demografische Dividende."

Auf den Schiffen im Mittelmeer seien Angehörige einer Mittel- oder Oberschicht ihres Landes unterwegs, die sich eine solche teure Reise überhaupt nur leisten können. Beunruhigend: Was sich zurzeit abspielt an der Südgrenze der Europäischen Union ist laut Klingholz erst der Anfang. Denn jetzt verlassen viele Menschen eher kleine Länder wie Syrien und Eritrea, andere Dimensionen bekäme das Problem, wenn Bewohner großer afrikanischer Staaten wie Nigeria, Kongo oder auch Ägypten sich zur massenhaften Auswanderung nach Norden entschließen würden.

Ein wenig beruhigend: Eine solche Entwicklung wäre erkennbar, meint Klingholz. Krisenhafte Verhältnisse in einem Staat führten erst mit einer Verzögerung dazu, dass bestimmte Schichten einer Bevölkerung den Weg auf die Schiffe im Mittelmeer finden. Auf drei bis vier Jahre schätzt Reiner Klingholz diese Verzögerung. Es ist der Zeitraum, den Europa gehabt hat, um sich auf die Flüchtlingsströme einzustellen.