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Nahaufnahme:Daten für Spielberg

"Ich sehe keine Werteunterschiede zwischen West und Ost. Der einzige Unterschied ist, dass der Westen die Geschichten besser als wir in China erzählen kann." Jack Ma.

(Foto: Bloomberg)

Alibaba-Chef Jack Ma steigt ins amerikanische Filmgeschäft ein. Seine Währung: Er verschafft der Produktionsfirma Informationen zu Millionen von Chinesen.

Von Christoph Giesen

Das Internet hat ihn reich gemacht, jetzt steigt Alibaba-Chef Jack Ma, 52, mit seinem Unternehmen ins Filmgeschäft ein. Künftig ist Alibaba als Minderheitsaktionär an Steven Spielbergs Firma Amblin Partners beteiligt.

Der Vorteil für den Hollywood-Regisseur: Er erhält Zugang zu den Daten von Alibaba, und das ist ein gewaltiger Fundus. 60 Prozent aller Pakete, die in der Volksrepublik verschickt werden, gehen auf eine Webseite von Alibaba zurück. Außerdem benutzen Millionen Chinesen Tag für Tag das Bezahlsystem von Alibaba und hinterlassen dabei viele Daten. So erfährt man ganz genau, wie China tickt. Alibaba wiederum kann Fuß in Hollywood fassen. Wie so viele andere chinesische Firmen bereits. "Ich sehe keine Werteunterschied zwischen West und Ost", sagte Ma bei einer Veranstaltung mit Spielberg in Peking. "Der einzige Unterschied ist, dass der Westen die Geschichten besser als wir in China erzählen kann." Dabei wäre die Geschichte des Jack Ma womöglich selbst einen Film wert.

Angefangen hat alles 1995. Damals reiste der Englischlehrer Ma Yun, der sich selbst Jack nannte, zum ersten Mal in die USA und lernte dort das Internet kennen. Bei Freunden in Seattle tippte er zwei Wörter in eine Suchmaschine: "Beer" und "China". Es gab keine Treffer. Zurück in der Heimat machte er sich ans Werk, und aus dem Lehrer wurde Chinas erster Internetunternehmer. Sein erster Versuch, eine Art Gelbe Seiten für China zu erstellen, floppte.

Seine zweite Geschäftsidee war jedoch ein Erfolg. Sie war simpel und doch genial: Er wollte China mit einer Webseite an den globalen Handel anschließen, die ein Umschlagplatz für Großhändler ist: Maschinen, Kleidung, Spielzeug - und alles immer in großer Menge. Das gängige Bestellvolumen ist der Schiffscontainer. Käufer aus Übersee können sich bei Alibaba direkt an die Hersteller in China wenden, niemand braucht mehr einen Zwischenhändler. In den folgenden Jahren erweiterte Ma sein Angebot und gründete die Webseite Taobao, Chinas Ebay.

Außerdem führte Ma ein eigenes Online-Bezahlsystem ein: Alipay. Zunächst kam es nur bei Taobao-Transaktionen zum Einsatz, heute aber zahlen Millionen Chinesen jeden Tag mit Alipay. Das Smartphone gezückt, an den Kassenscanner gehalten und schon wird abgebucht. Wer wann wo was kauft, darauf wird bald auch Spielbergs Firma Zugriff haben.

Vor zwei Jahren dann ging Alibaba in New York an die Börse, 25 Milliarden Dollar brachte das ein. Nie zuvor hat ein Unternehmen mehr Geld auf einmal eingenommen. Ma wurde über Nacht zum Multimilliardär. Heute ist er der zweitreichste Chinese, vor ihm liegt nur noch Wang Jianlin. Auch der kauft sich derzeit mächtig in Hollywood ein, zuletzt gab seine Firma Wanda Milliarden-Angebot für die Dick Clark Productions ab, die die "Golden Globes" verleihen.

Im April dieses Jahres übernahm Alibaba die Zeitung South China Morning Post (SCMP) aus Hongkong. Genauso wie sein Rivale also, Amazon-Chef Jeff Bezos, der die Washington Post kaufte. Allerdings mit einem Unterschied: Während die Washington Post seit Bezos Einstieg aufblüht, ist die SCMP, einst das Referenzblatt aller China-Beobachter, nur noch ein Schatten ihrer selbst. Vor ein paar Wochen wurde die chinesischsprachige Webseite eingestellt.

Wegen des Einstiegs von Alibaba haben bei der SCMP etliche Redakteure gekündigt. Denn: Alibaba ist auf das Wohlwollen der Regierung in China angewiesen. Gibt es Ärger mit Peking, steht Mas Lebenswerk auf dem Spiel. Und dabei geht es um Hunderte Milliarden. Keine gute Kombination, um glaubwürdigen Journalismus zu machen.

© SZ vom 11.10.2016
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