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Nahaufnahme:Aus 25 wird eins

Christof Schminke

Christof Schminke: Unsere Vision sind Städte, die vernetzt sind.

(Foto: oh)

Christof Schminke schafft mit einer neuen App die Basis für ein Novum in Berlin: Erstmals integriert eine europäische Stadt dieser Größe ein vollständiges Mobilitätsnetzwerk.

Von Jan Willeken

Wer in Berlin bald mit der neuen App "Jelbi" unterwegs ist, der wird Christof Schminke vermutlich nur am Rande wahrnehmen. Dabei stellt der Deutschland-Chef von Trafi mit seiner neuen App die Grundlage für etwas Einmaliges in Europa: Zum ersten Mal integriert eine europäische Stadt dieser Größe ein vollständiges Mobilitätsnetzwerk. Schluss soll sein mit dem Chaos von verschiedenen Apps für Bahn, Taxi und Carsharing. Die Möglichkeiten, von A nach B zu kommen, sind derzeit schier endlos. "Das ist schön, wird aber sehr schnell sehr kompliziert", sagt Schminke.

Gemeinsam mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) kündigte Trafi am Montag in Berlin eine Kooperation an, deren Kernstück die App "Jelbi" ist - abgeleitet von der Berliner Aussprache von "Gelb", Markenfarbe der BVG. Im Sommer kann dann, wer will, die Apps der S-Bahn und fürs Carsharing vom Handy löschen und fortan alles über die eine App machen: Seine Route durch Berlin planen, Fahrten reservieren und sie schließlich auch bezahlen - mit einem einzigen Nutzerkonto.

Es habe vorher schon Angebote gegeben, wo dann beispielsweise ein Leihrad eines anderen Anbieters in der App angezeigt wurde, aber dann habe man sich doch bei der anderen App anmelden müssen. Damit gibt sich Schminke, der auch schon bei McKinsey und Zalando gearbeitet hat, nicht einfach so zufrieden. "Der Anspruch ist, dass ich mich aus dieser App nicht mehr herausbewegen muss", sagt Schminke. Das heißt, wer eine Verbindung sucht, bekommt eine übersichtliche Liste von Preisen und Fahrtzeiten für die verschiedenen Möglichkeiten. Also zum Beispiel für die S-Bahn, Leihfahrrad oder Taxi.

Später soll dann sogar noch mehr Vernetzung möglich sein. Dann soll der Routing-Algorithmus auch Kombinationen von verschiedenen Angeboten hinbekommen können. Und während zunächst noch jede Fahrt einzeln abgerechnet werden wird, gibt es auch die Überlegung eines Flatrate-Modells - also ein Abo für alle Anbieter gleichzeitig. Trafi und die BVG machen klar, dass sie während der Zusammenarbeit dazulernen und die Mobilitätsplattform weiterentwickeln wollen. 25 Partner hat die BVG an Land gezogen hat. Davon werden im Sommer, wenn die App startet, aber wohl zunächst nur etwa sechs verfügbar sein, vermutet Schminke.

Der Start in der Bundeshauptstadt ist ein großer Schritt für Trafi: Es handele sich um eine Stadt mit einer sehr komplexen Mobilitätsstruktur, was sie für das Unternehmen aus Vilnius in Litauen sehr interessant mache sagte Schminke. Aus den Daten, die sie so gewinnen, wollen sowohl Trafi als auch die BVG lernen. Die BVG wisse fast nichts darüber, wie beispielsweise Abokunden ihre Karte nutzen, sagt BVG-Digitalvorstand Henrik Haenecke.

Trafi wiederum plant, das Nutzerverhalten anonymisiert auszuwerten und Muster zu erkennen, um den Service zu verbessern. Dazu sollen die Nutzer auch selbst Routenvorschläge bewerten können. Wer gar nicht möchte, dass bestimmte Partnerunternehmen seine Daten bekommen, brauche sich keine Sorgen zu machen, sagt Schminke: "Der Kunde entscheidet selber, mit wem er seine Daten teilen möchte." Und wer überhaupt nicht möchte, für den werden weiterhin die regulären Apps der einzelnen Anbieter zur Verfügung stehen.

Für die BVG und andere Mobilitätsunternehmen bedeutet die Plattform natürlich auch mehr Konkurrenz. Schminke jedoch glaubt dass es gut für die Anbieter ist, dass sie sie sich Kunden teilen - wenn also etwa jemand so auf die Idee kommt, ein Leihrad zu benutzen. Das Wasser abgraben will Trafi jedenfalls nur einem. "Jelbi" soll eine "Alternative zum eigenen Auto werden", sagt Schminke.

© SZ vom 19.02.2019

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