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Alexander Holzknecht: "Ich habe lange genug Produkte an Leute verkauft, die die gar nicht haben wollten."

(Foto: oh)

Alexander Holzknechts Firma rettet Lebensmittel und bietet sie online an. Er sagt: Alles findet einen Abnehmer

Von Vivien Timmler

Zwölf Schokoriegel für einen Euro, sechs Flaschen Marken-Limo für zwei Euro und 46 Cent, zehn Linsenburger für vier Euro: All das sind Preise, die es im Einzelhandel eigentlich gar nicht geben kann, nicht mal im Sonderangebot. Und nicht nur das: All diese Produkte hätten es niemals in den Einzelhandel und von dort aus in den Einkaufskorb des Konsumenten geschafft. Sie wären beinahe weggeschmissen worden.

Dass sie am Ende doch noch jemand isst, haben sie einem Umweg zu verdanken, nämlich Motatos. Das Geschäftsmodell des Start-ups, das 2014 in Schweden gegründet wurde und dort Matsmart heißt: Es nimmt Lebensmittelkonzernen ihre fehlerhafte, überschüssige oder nahezu abgelaufene Ware ab und verkauft sie über einen Online-Shop weiter - und das mit erheblichen Rabatten.

Der Mann, der die Deutschen für dieses Konzept begeistern soll, heißt Alexander Holzknecht. Mit der Vermarktung von Überbeständen kennt der 38-Jährige sich aus. Fast zehn Jahre arbeitete er für brands4friends, eine Firma, die Markenklamotten stets für nur wenige Tage und stets zu extrem niedrigen Preisen anbietet. Irgendwann habe er jedoch begonnen, dieses Geschäftsmodell zu hinterfragen, so Holzknecht: "Ich habe lange genug Produkte an Leute verkauft, die die gar nicht haben wollten, sondern nur gekauft haben, weil sie günstig waren."

Auch heute verkauft er Produkte, zu denen die Menschen im Supermarkt vielleicht nicht gegriffen hätten. Aber er hat dabei das Gefühl, er tue so etwas Gutes. Jedes Jahr landen in Deutschland etwa zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Ein Teil davon wird im Supermarkt verschmäht, ein Teil verkommt daheim im Kühlschrank. Vieles jedoch macht sich gar nicht erst auf den Weg in den Handel.

"Es gibt ganz unterschiedliche Gründe, warum Ware bei uns landet", sagt Holzknecht. So komme es beispielsweise vor, dass eine Keksmaschine nicht auf Anhieb das richtige Produkt ausspucke, sondern erst nach einigen Zehntausend Exemplaren. Hier nimmt Motatos die brüchigen Kekse ab. Häufig handele es sich bei den Produkten auch um "Limited Editions" oder Produkte in saisonalen Verpackungen, die nach einem bestimmten Werbezeitraum einfach ausgelistet würden, etwa Weihnachtlicher Bratapfel-Tee im März. Immer wieder aber seien die Produkte auch schlicht zu nah am Mindesthaltbarkeitsdatum, als dass ein Händler noch größere Mengen davon abnehmen würde, sagt Holzknecht.

Am liebsten kaufen die Kunden derzeit Snacks, egal ob süß oder salzig

Motatos hingegen tut es, und das schon ein halbes Jahr nach dem Deutschland-Start mit Erfolg: Etwa 500 Bestellungen gehen jeden Tag ein. Das sind im Jahr umgerechnet etwa 1500 Tonnen geretteter Lebensmittel. Für 2020 erwartet das Unternehmen einen Umsatz von etwa zehn Millionen Euro - und das trotz durchschnittlicher Rabatte von 15 bis 30 und manchmal sogar bis zu 80 Prozent.

Am liebsten kaufen die Kunden derzeit Snacks, egal ob süß oder salzig. Am Ende aber findet bei Motatos so gut wie alles einen Abnehmer, selbst wenn die Geschmackssorte noch so abenteuerlich oder die Verpackung nach so gewöhnungsbedürftig sei, sagt Holzknecht. Gleichzeitig dürfe der Kunde nicht erwarten, zu finden, was er wirklich suche. Schließlich sei das Sortiment jeden Tag ein anderes. "Motatos ist nicht der Shop, wo man seinen Wocheneinkauf machen kann", so Holzknecht. Zwar gebe es mit Unilever, Dr. Oetker und Sodastream mittlerweile feste Partner, von denen so gut wie immer Produkte im Angebot vorhanden sind. Auch Softdrinks und Snacks gibt es in der Regel zuhauf. Mit einem Vollsortiment wie im normalen Supermarkt habe das jedoch nichts zu tun. Und das solle es auch gar nicht: "Ich will nicht proaktiv Sortimente bauen", sagt Holzknecht, "wir nehmen, was wir retten können".

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