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Mittwochsporträt:Die Zahlen-Künstlerin

Die deutsche Kunsthistorikerin Cheyenne Westphal organisiert beim Auktionshaus Sotheby's in London Rekord-Versteigerungen. Sie ist eine der mächtigsten Frauen im Kunstbetrieb.

Der Saal im ersten Stock von Sotheby's in London ist voll, die Kunstfreunde sitzen dicht gedrängt. Neben dem Pult des Auktionators ist vorne ein raumgreifendes, buntes Gemälde zu bewundern, Los 37 bei dieser Versteigerung. Es ist drei Meter hoch, 2,50 Meter breit und wurde vor 16 Jahren schon einmal von dem Auktionshaus verkauft - für gut 600 000 Dollar. An diesem Abend wird es ein höherer Preis sein. Ein deutlich höherer: 18 Millionen Pfund sind geboten, die Zahl ist groß auf dem Bildschirm zu lesen, der über dem Gemälde hängt. Praktischerweise wird unter dem Pfund-Betrag direkt angegeben, was das in Dollar und Euro, Rubel und Yen bedeutet. Kunst ist ein internationales Milliarden-Geschäft.

An der einen Längswand steht eine blonde Frau mit Telefonhörer in der Hand, sie bietet für einen abwesenden Interessenten. Und ruft nun "20, bitte" in den Saal. Raunen in den Stuhlreihen. Die Frau lächelt ein wenig verschreckt. Anstatt wie üblich um eine halbe Million hat jener unbekannte Kunstliebhaber am Telefon gleich um zwei auf 20 Millionen Pfund erhöht. Doch gewonnen hat er damit noch nicht. Erst als die Sotheby's-Mitarbeiterin 27 Millionen Pfund bietet, erhält der anonyme Interessent den Zuschlag - und ist inklusive Käufer-Provision 30,4 Millionen Pfund los. Das sind umgerechnet 41 Millionen Euro für jenes Werk namens "Abstraktes Bild", das der Deutsche Gerhard Richter 1986 malte. Nie hat das Werk eines lebenden europäischen Künstlers mehr eingebracht. Richter selbst sagt später dazu, diese Summe habe etwas "Schockierendes".

Die Frau, die im Saal für den unbekannten Richter-Sammler bot, war auch für die Versteigerung verantwortlich: Cheyenne Westphal, 47, leitet von London aus zusammen mit einem Kollegen in New York das Geschäft mit zeitgenössischer Kunst bei Sotheby's, einem der größten Auktionshäuser der Welt. Die Deutsche ist damit eine der mächtigsten und am besten verdrahteten Frauen im Kunstbetrieb. Sie überzeugt Sammler, ihre Werke bei dem 1744 gegründeten Handelsplatz zu verkaufen. Sie überzeugt andere Sammler, für jene Preziosen zu bieten. Für gute Kunden steht sie höchstselbst im Saal, den Telefonhörer am Ohr, und ruft deren Gebote aus.

So wie kürzlich bei jener Auktion für zeitgenössische Kunst in London. "Der Kunde hat sehr lange nach dem richtigen Richter-Bild für sich gesucht", sagt sie. "Aber dass er mit solchen Millionen-Sprüngen bieten würde, wusste ich vorher nicht. Aufregend!" Sie selbst schätze Richters Arbeit sehr. Es mache sie "stolz", dass die von ihr und ihrem Team organisierte Versteigerung diesen Rekordpreis erzielte.

Westphal empfängt in ihrem Büro im zweiten Stock von Sotheby's in London. Das Gebäude in der teuren New Bond Street ist verwinkelt, der Weg zum Zimmer der Kunsthistorikerin führt durch das Großraumbüro ihrer Abteilung. Ein weißer Schreibtisch, auf dem ein Foto ihres Sohnes steht, ein weißer Besprechungstisch. An der Wand hängt ein Gerhard Richter: Porträts des Düsseldorfer Galeristen Alfred Schmela. Die Wand gegenüber des Schreibtischs ist gerade leer. "Dort hängt vor den Versteigerungen immer eins der Bilder, die zum Verkauf stehen", sagt sie.

Bei den Auktionen von Sotheby's und dem etwas größeren Rivalen Christie's wurden in den vergangenen Jahren reihenweise Rekordpreise erzielt. Die Umsätze auf dem weltweiten Kunstmarkt haben sich vom Einbruch nach der Finanzkrise erholt. Kritiker sehen hier bereits eine Blase, die zu platzen droht: Die niedrigen Zinsen machen es unattraktiv, Geld bei der Bank anzulegen. Reiche Sammler und Spekulanten investieren ihre Millionen daher lieber in Kunst, treiben so die Preise hoch und hoffen zugleich, dass dieser Trend anhält.

Westphal hält die Furcht vor einer Blase für unbegründet - von Seiten einer Sotheby's-Managerin ist diese Einschätzung allerdings wenig überraschend, schließlich verdienen Auktionshäuser umso besser, je mehr und je teurer gehandelt wird. Westphal sagt, heute würden neben Interessenten aus Europa und den USA auch viele reiche Käufer aus Asien, den arabischen Staaten und Lateinamerika mitbieten: "Und diese neuen Kunden spielen von Anfang an bei den teuersten Werken mit." Bei der Auktion, die den Richter-Rekord hervorbrachte, kamen die Bieter aus 42 Staaten. Diese neue Klientel konzentriere sich auf "Blue Chips"-Künstler, sagt die Deutsche, also auf bekannte Namen. Bei zeitgenössischen Werken sind das etwa Andy Warhol, Gerhard Richter oder Francis Bacon. Und hier ist das Angebot eben begrenzt.

Als Westphal 1990 bei Sotheby's anfängt, ist die Lage deutlich unfreundlicher: Just in dem Jahr brechen die Preise für Kunst weltweit ein. "Das war ein ziemlicher Schrecken", sagt die Apothekertochter aus Baden-Baden. "Es wurden viele Stellen gestrichen, aber als Trainee war ich so kostengünstig, dass ich geblieben bin." Westphal, die ihren Vornamen der Karl-May-Begeisterung der Mutter verdankt, studierte zuvor Kunstgeschichte an der Universität St. Andrews bei Edinburgh.

Mit einem Begabtenstipendium wechselt sie von dort zur Universität Berkeley in Kalifornien, wo sie sich auf zeitgenössische Kunst spezialisiert. Die meisten ihrer Kommilitonen aus St. Andrews gehen nach dem Studienabschluss nach London - daher bewirbt sich auch Westphal in der britischen Hauptstadt. Beim Londoner Auktionshaus Christie's und bei Sotheby's, dem börsennotierten Rivalen aus New York, der in London gegründet wurde. Sotheby's gibt ihr sofort eine Stelle.

Auch im Zimmer ihres Sohnes hängen Gemälde. Die will er nun raushaben

Im Jahr 1999 steigt sie zur Europa-Chefin des Bereichs für zeitgenössische Kunst auf, im vergangenen Jahr übernimmt sie dann die weltweite Führung dieses Geschäfts, zusammen mit dem Österreicher Alexander Rotter in New York. "Deswegen bin ich nun noch mehr auf Reisen", sagt sie.

Doch Westphals Heimat ist London. Sie wohnt mit ihrem zwölfjährigen Sohn Jesper im schicken Stadtteil Notting Hill, und ihr Haus ist das Haus einer Kunstbegeisterten. "Auch privat lebe ich mit der Kunst", sagt sie. "Sogar im Zimmer meines Sohnes hängt so manches, nicht immer zu seinem Wohlgefallen." Ihr Sohn wolle seinen Raum nun umgestalten, die Kunst müsse raus, damit die Devotionalien seines Londoner Lieblings-Fußballklubs Chelsea besser zur Geltung kämen, sagt die verständnisvolle Mutter. "Nur ein signiertes Poster von Banksy kann bleiben." Diesen englischen Graffiti-Künstler finde ihr Sohn "cool".

Westphal kauft für ihre private Sammlung jedes Jahr ein Werk; 2014 war es ein Gemälde des Rumänen Adrian Ghenie, das sie in einer Berliner Galerie gefunden hatte. Als Top-Managerin eines Auktionshauses muss sie alles dafür tun, dass Werke erfolgreich verkauft werden - und vielleicht im Wohnzimmer eines reichen asiatischen Sammlers verschwinden, weil Museen oft nicht mithalten können. Schmerzt das die Kunsthistorikerin Westphal nicht? Sie verneint. "Die meisten wirklich wichtigen Bilder landen früher oder später im Museum und können dann von allen bewundert werden", sagt Westphal. Sie habe ihren "Traumjob", schätze den engen Kontakt zu Sammlern und zu Künstlern.

Etwa zu Damien Hirst. Im Jahr 2008 organisieren der englische Künstler, U2-Sänger Bono sowie Westphal und ihr Team zunächst eine Wohltätigkeits-Auktion von zeitgenössischer Kunst für den Kampf gegen Aids in Afrika. Später in dem Jahr mischen Westphal und Hirst ihre Branche dann kräftig auf. Üblicherweise verkaufen Künstler neue Werke über Galerien. Auktionshäuser hingegen bieten Werke an, die schon einen Vorbesitzer hatten. Hirst und die Deutsche scheren sich nicht um derlei Konventionen. Der geschäftstüchtige Brite schafft 244 Werke, die er direkt bei Sotheby's versteigern lässt - für zusammen 198 Millionen Dollar.

Versteigerungen zu organisieren, beschäftigen Westphal und ihr Team über Monate. So müssen sie erst einmal sicherstellen, dass es für jeden Auktionstermin genug hochkarätige Werke gibt. Der Wettbewerb mit Christie's ist hart. Beide Unternehmen wollen ihre Versteigerungen mit Rekordpreisen schmücken.

Westphal steckt daher viel Zeit in Kontaktpflege. "Ich rufe Sammler an oder besuche sie und unterhalte mich über neue Auktionen und Trends auf dem Markt", sagt sie. Dass die Preise in den vergangenen Jahren so kräftig gestiegen sind, dient dabei durchaus als Verkaufsargument. "Ich empfehle Sammlern, dass sich jetzt ein Verkauf bestimmter Werke lohnen würde", erläutert Westphal. "Wenn ein Werk früher zwei Millionen wert war und nun acht Millionen wert ist, bringt das viele zum Nachdenken." Trotzdem vergehen manchmal Jahrzehnte zwischen dem ersten Gespräch mit einem Sammler und dessen Entscheidung, sich von Bildern zu trennen - und sie über Sotheby's zu verkaufen.

In den Wochen vor der Versteigerung muss der Katalog entworfen werden, es gibt Pressetermine und Präsentationen. Zugleich spricht Sotheby's mögliche Interessenten für die Werke direkt an. Auch Westphal ruft Sammler an und versucht zu vermitteln, wieso bestimmte Werke aus der Auktion gut zu ihnen passen würden.

Dank dieser Gespräche kann Sotheby's vor der Auktion recht genau abschätzen, wer im Saal, am Telefon oder via Internet wie hoch für welche Arbeit bieten wird. Die Versteigerungen folgen dann einer bewährten Choreografie: "Wir fangen mit erschwinglichen und populären Losen an, bei denen wir recht sicher sind, dass sie sich über ihrem oberen Schätzpreis verkaufen werden", sagt Westphal. "Das sorgt für gute Stimmung im Saal." Vor allem über die ersten drei oder vier Lose diskutiere das Team vorher sehr lange. Die teuren Höhepunkte verteilt Westphal so, dass die Spannung gehalten wird. Zwischen teuren Losen müssten wieder erschwinglichere kommen, der Saal brauche "Verschnaufpausen", sagt die Managerin.

Doch trotz aller Planung gibt es häufig Überraschungen. So wie beim ungestümen Gerhard-Richter-Fan, der die Gebote in Zwei-Millionen-Schritten erhöhte.

Er muss das Werk wirklich sehr mögen.

© SZ vom 03.06.2015
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