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Mittwochsporträt:Der Computerflüsterer

Der KI-Forscher Bernhard Schölkopf könnte sich die gut bezahlten Jobs in den USA aussuchen. Doch er bleibt in Deutschland und versucht, andere Talente zu halten. Auch wenn das heißt, sich mit Amazon einzulassen.

Von Stefan Mayr, Tübingen

Gleich geht es los, die Wissenschaftsministerin und der Uni-Rektor sitzen schon in der ersten Reihe. Da stellt sich Bernhard Schölkopf plötzlich auf die Sitzfläche seines Stuhles und schaut über die Köpfe der wartenden Menschen hinweg nach hinten. Er sucht jemanden in dem überfüllten Raum. Ministerin Theresia Bauer schaut leicht amüsiert nach oben und lächelt. So ist er, der Professor. Er steht halt über den Dingen in seiner schlabbrigen Cordhose mit ihrer undefinierbaren Farbe irgendwo zwischen grün und braun. Wenn er etwas sucht, dann ist ihm jedes Mittel Recht, dann vergisst er die Welt um sich - bis er es gefunden hat.

Sein Sakko ist eine Mischung aus Strickjacke und Pulli, seine langen Haare hat er hinter dem Kopf zusammengebunden, sein Gesicht schmückt ein Dreitagebart und eine runde Brille Modell John Lennon Spätphase. In modischer Hinsicht gehört der 51-jährige Informatiker sicherlich nicht zur Avantgarde, aber in seinem Forschungsgebiet Maschinelles Lernen bewegt er sich weltweit an der Spitze. 2018 hat er den bedeutendsten deutschen Wissenschaftspreis bekommen, den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 2,5 Millionen Euro Forschungsmitteln. 2019 kam der mit einer Million Euro dotierte Körber-Preis hinzu.

Bernhard Schölkopf ist eine Art "Computerflüsterer". Er gilt als Wegbereiter der künstlichen Intelligenz (KI), also von Computern, die selbständig dazulernen und Probleme lösen. Laut DFG hat er "entscheidende Beiträge zur Theorie und zum Erfolg" des maschinellen Lernens geleistet. Und obwohl er jederzeit einen lukrativen Vertrag bei einem Konzern oder einer Elite-Uni in den USA unterschreiben könnte, ist der verheiratete Vater dreier Söhne in seiner Heimat geblieben und gilt als Garant dafür, dass nicht alle hoffnungsvollen KI-Talente aus Deutschland und Europa nach Nordamerika abwandern.

2011 hat er in Tübingen das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme als Gründungsdirektor mitaufgebaut. In der schwäbischen Universitätsstadt hat er 2016 das sogenannte Cyber Valley initiiert, das ist ein Verbund der Universitäten Tübingen und Stuttgart mit Unternehmen wie BMW, Daimler, Porsche, Bosch und Amazon und anderen. Gemeinsam will man anwendungsnahe Spitzenforschung betreiben und fördern, auch um Nachwuchs-Wissenschaftler in Europa zu halten respektive anzulocken. Heute gilt das Cyber Valley als eine Art Hotspot der europäischen KI-Szene.

Verleihung des Körber-Preises

Bei der Verleihung des Körber-Preises trug Bernhard Schölkopf Anzug und Krawatte. Sonst tritt er eher leger auf.

(Foto: Axel Heimken/dpa)

Bernhard Schölkopfs Anziehungskraft ist so stark, dass auch der Internetkonzern Amazon aus dem fernen Seattle in der schwäbischen Provinz eine Außenstelle aufbaut, die es so sonst nirgends gibt: Im Technologiepark "Obere Viehweide" über den Dächern der Stadt soll bis 2021 ein KI-Labor mit 100 Forschern und Ingenieuren entstehen. Das Projekt ist in der Studentenstadt umstritten. Es gab Proteste gegen die Ansiedlung des US-Konzerns, dem Steuervermeidung, Ausbeutung von Mitarbeitern und Missbrauch seiner Marktmacht vorgeworfen werden. Auch der Gemeinderat hat lange diskutiert, ob Amazon willkommen ist oder nicht. Inzwischen hat das Gremium grünes Licht gegeben (siehe Kasten), wenige Tage später lud Amazon Forscher und Politiker ins aktuelle Domizil, in dem bereits 30 Mitarbeiter tätig sind.

"Der demokratische Entscheidungsprozess ist jetzt abgeschlossen und davon wird der Standort Tübingen sehr profitieren", sagt Schölkopf, nachdem er wieder vom Stuhl heruntergestiegen ist. Er begrüße auch die Diskussion über den verantwortungsvollen Gebrauch von KI. Insofern sei das besonders kritische Umfeld in Tübingen vielleicht genau das richtige für das Amazon-Labor. In jedem Falle werde der Standort Tübingen von der Ansiedlung sehr profitieren: "Nur durch das Engagement von Amazon sind Wissenschaftler hier geblieben, die ansonsten nach Nordamerika gegangen wären."

Schölkopf selbst forscht mit einem 20-Prozent-Nebenjob für Amazon, er steht also auf der Gehaltsliste des Konzerns. Die Max-Planck-Gesellschaft erhält von Amazon 420 000 Euro pro Jahr Forschungs-Zuschuss. Schölkopf geht damit mit maximaler Offenheit um: Unter seinem Strick-Sakko trägt er ein dunkelgraues T-Shirt mit dem orangen Amazon-Schriftzug. Diese Art von Commitment kommt in den USA sicher super an, in Deutschland eher weniger. Ein deutscher Professor, der Werbung für Amazon macht? Macht sich da jemand zum Handlanger des Konzerns, indem er die besten Talente vermittelt, die auf Steuerzahlerkosten ausgebildet wurden? So mancher sieht in Schölkopf einen Verräter deutscher Interessen, viele andere dagegen einen Erfolgsgaranten.

"Die Welt verändert sich, und ich verstehe, dass es Vorbehalte gibt", sagt Schölkopf. "Aber wir sollten die Veränderungen aktiv mitgestalten." Er schließt nicht aus, dass deutsche Uni-Absolventen über das Amazon-Labor Tübingen irgendwann in der Konzernzentrale in Seattle landen. Andersherum könnte aber auch ein Amazon-Forscher aus den USA in Schwaben sesshaft werden und ein Startup gründen, das dann zum Weltmarktführer wird.

Die Landesregierung Baden-Württembergs unterstützt Schölkopf jedenfalls. "Es ist ein Glück, so einen Spitzenforscher im Land zu haben. Er zieht viele Talente an", sagt Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen. Das Land fördert das Cyber Valley massiv und begrüßt auch Amazon: "Das ist der Start von etwas Großartigem", sagt die grüne Wissenschafts-Ministerin Theresia Bauer beim Amazon-Empfang. "Wir sind nur erfolgreich, wenn wir mit der Wirtschaft kooperieren."

Amazonien am Neckar

Man hört immer wieder von widrigen Arbeitsbedingungen in den Amazon-Logistikzentren. Diese Frage stellt sich im Tübinger KI-Labor des US-Internetkonzerns nicht: Die 30 Mitarbeiter sitzen in hellen, großen Büros an riesigen, gewölbten Bildschirmen. Betty Mohler-Tesch wirkt sehr zufrieden und stolz auf ihren Job: Sie ist seit 2018 als Leitende Wissenschaftlerin hier tätig, vorher war sie verbeamtete Professorin an der TU Darmstadt. "Wir Amazonier wollen einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft und auf die Kunden haben", sagt die 41-jährige US-Amerikanerin.

Die Expertin für Wahrnehmungssysteme forscht an einer Art virtueller Umkleidekabine. Käufer sollen beim Online-Shopping sogleich erkennen, ob das Kleidungsstück passt oder nicht. "Heute bestellt man und muss hoffen, ob einem das Ding passt und steht." Bald soll dieses Problem verschwinden, sagt Mohler-Tesch: Aus einem Foto soll in einer Sekunde ein dreidimensionaler Avatar des Kunden entstehen. Ihr Fernziel: Konfektionsgrößen werden überflüssig, das System bestellt automatisch das passende Teil. "Dann muss man nie mehr ein Paket zurückschicken."

Das hätte tatsächlich einen positiven Einfluss auf die Lebensqualität in den Städten. Aber auch einen negativen: Die stationären Modehändler würden endgültig verschwinden. Bis Ende 2021 soll der vierstöckige Neubau des künftigen Amazon-KI-Labors in Tübingen fertig sein, 2022 sollen dort etwa 100 Forscher und Ingenieure arbeiten. Langfristig hätten gar 200 Menschen Platz.

In den Stellenanzeigen lässt das Unternehmen erahnen, was es in Tübingen vorhat: Man werde "hervorragende Forschung mit beispiellosen Mitteln" verbinden, "um die Welt zu verändern".

Bernd Engler, Rektor der Uni Tübingen, findet den Aufschlag des US-Giganten in seinem Städtchen gut: "Amazon gibt uns einen Push, um jene internationale Sichtbarkeit zu erreichen, die man braucht, um global erfolgreich zu sein."

Stefan Mayr

Wenn Schölkopf gerade nicht mithilfe der Millionen-Forschungsmittel die Grundlagenforschung an seinem Institut vorantreibt oder auf Stühle klettert, singt er im Uni-Chor oder setzt sich an sein Teleskop. So hat der Hobby-Astronom ganz nebenbei den nicht ganz unbedeutenden Exoplaneten K2-18b entdeckt, auf dem später Wasservorkommen nachgewiesen wurden. Mit seiner Frau, einer Illustratorin aus Spanien, hat er ein Kinderbuch veröffentlicht.

Und weil das Cyber Valley bei aller Exzellenz alleine gegen die globale Konkurrenz null Chancen hat, tüftelt er an einem europaweiten Zusammenschluss aller KI-Forscher. Das Projekt heißt Ellis (European Laboratory for Learning and Intelligent Systems), es vernetzt die führenden europäischen Standorte, um Doktoranden in gemeinsamen Projekten noch besser auszubilden. "Junge Spitzenforscher sollten nicht in die USA gehen müssen, um auf höchstem Niveau zu arbeiten", sagt Schölkopf. Die besten Talente streben ihm zufolge zu Industrielabors wie Google Brain, wo sie beste Bedingungen vorfinden. "Und die wenigsten davon werden zurückkommen."

Dieser Abfluss von Knowhow werde vor allem Deutschland "mit seiner Industrie" treffen, prophezeit Schölkopf. Deshalb gebe es viele Gründe für die Bundesregierung "ambitionierter vorzugehen". Er appelliert an Kanzlerin Angela Merkel: "Deutschland wird von einer Physikerin regiert, das könnte ein großer Vorteil sein." Könnte? "Es wäre eine große Chance für die Zukunft von Europa, wenn sie sich jetzt um die strategische Zukunftsfrage künstliche Intelligenz kümmert."

Nun hat die Bundesregierung 2018 eine KI-Strategie beschlossen. Der Bund will bis 2025 drei Milliarden Euro zur Verfügung stellen und 100 KI-Professuren schaffen. Für Bernhard Schölkopf und Winfried Kretschmann wird das Geld zu breit verteilt - und alles dauert ihnen zu lange. "Was zählt, ist Schnelligkeit und Exzellenz", sagt der Ministerpräsident. "Nur wenn wir Schwerpunkte bilden, werden wir eine Chance haben gegen die großen Player Silicon Valley oder Shenzhen." Deshalb sei Ellis so wichtig: "Wir müssen Exzellenz schaffen. Wenn Berlin das nicht schafft, dann eben Tübingen."

© SZ vom 04.12.2019

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