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Mikroplastik:Umweltgefahr Fußballfeld

Fußballzentrum Horsthausen Sportvereinigung Herne Horsthausen 1912 26 e V DJK Falkenhorst Herne

Schön gleichmäßig grün und ganzjährig bespielbar. Das Fußballzentrum der Sportvereinigung Herne- Horsthausen 1912/ 26 im Ruhrgebiet.

(Foto: Hans Blossey/imago)

Kunstrasenplätze setzen einer Studie zufolge mehr Mikroplastik frei als Kosmetika. Schuld daran ist Granulat, das zwischen die Halme gestreut wird. Auch wenn die Zahlen zu hoch gegriffen sein könnten - das Problem bleibt.

Nichts kann einem Fußballer schneller die Laune verderben als ein kleines Schild mit der Aufschrift: "Platz gesperrt". In den meisten Fällen heißt das nämlich: ab auf das allseits unbeliebte Aschefeld. Zur Freude der Spielerinnen und Spieler sind mittlerweile viele der roten Sandwüsten verschwunden; ersetzt wurden sie durch Kunstrasen. Rund 3000 Fußballfelder aus Kunststoff gibt es mittlerweile in Deutschland und es sollen mehr werden. Doch das robuste Grün ist als Quelle von Mikroplastik in Verruf geraten.

Laut einer Studie des Fraunhofer Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Umsicht) steht das Kunststoffgranulat, das zum Schutz der Spieler zwischen den Halmen verfüllt ist, im Verdacht die Umwelt stark zu belasten. 11 000 Tonnen des Gummigranulats, das aussieht wie körniger Instantkaffee, sollen der Studie zufolge pro Jahr von deutschen Kunstrasenplätzen in die Umwelt gelangen, deutlich mehr als etwa durch Kosmetika oder Wasch- und Reinigungsmittel.

Als Mikroplastik gelten kleinste Kunststoffteilchen, die über Wind, Regen oder auf anderen Wegen in die Umwelt gelangen. Dort werden die Partikel unter Umständen von Fischen und anderen Lebewesen aufgenommen. Vergangenes Jahr haben Forscher der Universität Wien zum ersten Mal Mikroplastik im Menschen nachgewiesen. Über die Auswirkungen auf den menschlichen Organismus ist bislang wenig bekannt.

Frank Dittrich, Chef der Sport Group Holding, des weltweit führenden Herstellers für Sportoberflächen, kritisiert die Studie. "Es ist wichtig, dass das Thema Mikroplastik angegangen wird. Aber klar ist auch: Die Standards weltweit unterscheiden sich von den Standards in Deutschland", sagt der 50-Jährige. Seiner Meinung ist der Austrag an Gummigranulaten von deutschen Kunstrasenplätzen deutlich geringer als in der Studie angegeben. Der Weg zur Sport-Group-Tochter Polytan führt über eine rote Kunststoffbahn mit weißen Linien. Mit einem Marktanteil von etwa 60 Prozent ist die Firma der führende Kunstrasenhersteller in Deutschland. Laut Dittrich baut Polytan jährlich rund 150 Spielfelder in der Republik, unter anderem auch das Nachwuchszentrum des FC Bayern. Kunstrasen ist gefragt, weil sich, argumentieren die Hersteller, die Spielfläche besser auslasten lässt, schon weil er anders als Naturrasen das ganze Jahr bespielbar sei. Dass die Spielunterlage nun generell als Umweltsünder herhalten soll, kann Dittrich nicht verstehen.

Auch die Alternativen Kork oder Sand haben ihre Nachteile

Er greift zum Miniaturmodell eines Kunststoffrasens. Aus dem viereckigen Stück Grün ragen in fingerbreiten Abständen etwa zigarettenlange Kunststoffhalme heraus. "Spielfelder wie diese gibt es massenhaft weltweit", erklärt Dittrich. Aufgefüllt mit geschredderten Autoreifen, stelle dies die günstigste Möglichkeit dar, ein Kunstrasenfeld zu bauen. "Bei solchen Feldern ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass Material ausgetragen wird", erläutert Dittrich. Er ist jetzt in seinem Element. Mit einer schnellen Handbewegung streicht er über das Grün. Die Granulat-Teilchen springen aus dem eckigen Modell wie Maiskörner aus einer heißen Pfanne.

In Deutschland sehe die Sache anders aus, sagt der Firmenchef. Seit 1993 gelte eine Norm, die unter der Spieloberfläche eine Elastikschicht fordere. Insgesamt wird dadurch weniger Gummigranulat zur Abfederung benötigt; die Halme sind kürzer. Laut Dittrich falle die Einfüllmenge alleine dadurch um mindestens die Hälfte geringer aus als in den Berechnungen, die der Fraunhofer-Studie zugrunde lägen. Er sagt: "Wir fühlen uns wie der Typ in der ersten Reihe, der Ärger bekommt für den ganz hinten, der den Papierflieger geschmissen hat".

Leandra Hamann, Co-Autorin der Studie, betont, dass es sich bei den Zahlen nur um Schätzungen handelt. Sie bestätigt, dass in die Berechnungen mitunter Vergleichsgrößen aus skandinavischen Studien eingeflossen seien - dort wird zum Großteil ohne Elastikschicht und mit größeren Mengen Gummigranulat gebaut. "Zu der Zeit waren das die Daten, die zur Verfügung standen. Mittlerweile haben wir mehr Informationen von Herstellern und Kommunen", erklärt Hamann und verweist auf eine Veröffentlichung zum Thema, die im Juni erscheinen soll. "Es ist nun wichtig, dass die genaue Menge und die Wege,auf denen das Granulat in die Umwelt gelangt, auf experimentellem Wege ermittelt wird."

Doch selbst wenn der Eintrag von Mikroplastik geringer ausfällt, bleibt das Problem. Denn die Partikel lösen sich in der Natur nicht einfach auf. Rainer Ernst weiß, wie man den Austrag verringern kann. Der Mann ist Landschaftsarchitekt und plant seit 1998 Sportanlagen für Vereine der 1. und 2. Bundesliga. Wenn man sich dazu entscheide, einen Kunstrasenplatz zu bauen, sei planerische Voraussicht das A und O, um unerwünschte Verluste auf den Plätzen zu verhindern, meint Ernst. Ein Mix aus glatten und gekräuselten Halmen, um das Granulat besser zu fixieren; offene Muldenplatten am Spielfeldrand, damit sich ausgetragenes Material sammeln könne; Zaunblenden, wie man sie vom Tennis kennt, um Verwehungen vorzubeugen und eine gewissenhafte Pflege seien die Grundlage. Auch dem Landschaftsarchitekten erscheinen die 11 000 Tonnen, die laut Studie für Deutschland ermittelt wurden, zu hoch angesetzt. "Aber auch wenn es nur die Hälfte ist, ist es immer noch zu viel", sagt Landschaftsarchitekt Ernst.

Dass es ohne Füllstoffe geht, bezweifelt Firmenchef Dittrich. "Ohne einen Puffer wäre das Risiko für Verletzungen deutlich größer", erläutert Dittrich. Natürliche Alternativen hält er nicht für optimal: "Man kann auf Sand spielen, man kann auch auf Kork spielen - beides hat seine Nachteile". Seiner Meinung nach, sei die Gleichwertigkeit von Sicherheit, Spielkomfort und Nachhaltigkeit mit den heutigen Gummigranulaten am besten erfüllt. Das Unternehmen biete ein Kunststoffgemisch an, das zu 70 Prozent aus natürlichen Rohstoffen wie Kreide und Hanf besteht. "Wir arbeiten kontinuierlich daran, die Menge an Kunststoff weiter zu reduzieren", sagt Dittrich.

Auch in Sportvereinen und Kommunen ist der Mikroplastik mittlerweile ein Thema. Über den besten den Belag wird heftig diskutiert. Dittrich muss heute sehr viel mehr erklären als vor ein paar Jahren.