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Media-Saturn:Chancen für den Dinosaurier

Der Ingolstädter Elektronik-Großhändler Media-Saturn will sich im Zeitraffer zum digitalen Laden wandeln. Alles steht auf dem Prüfstand. Jungunternehmer sollen den Konzern mit Ideen bereichern.

Von Michael Kläsgen, Ingolstadt

Lange wollte Media-Saturn vom Online-Handel gar nichts wissen. Wenn Pieter Haas an diese Zeit denkt, kann er nur mit dem Kopf schütteln. Der niederländische Chef der Elektronikkette sagt, Media-Saturn habe sich verhalten wie ein "nichts ahnender Dinosaurier, während der Meteorit schon vom Himmel rast". Da die Kette aus Ingolstadt aber nicht wie die Urviecher vor Jahrmillionen enden will, treibt Haas die Mutation von Media-Markt und Saturn zu E-Commerce-Händlern mit allen Kräften voran. "Wir wollen ein digitaler Laden mit angeschlossenem Warenverkauf werden", sagt Haas. "Digital galt als das, was uns umbringen wollte. Jetzt ist es unser Freund."

Im ganzen Betrieb, in allen Märkten steht nun alles auf dem Prüfstand. Relikte aus dem technologischen Mittelalter pflügt Haas um. Das Marketing bekommt ein neues Gesicht: die Kommunikation wird digitalisiert, die Läden werden mit digitalen Preisschildern ausgestattet, die Kunden werden dank Beacons, also per Funktechnik, mit ihrem Smartphone oder Tablet durch die Märkte geführt. Die Verkäufer werden selbst mit elektronischen Geräten ausgestattet und präsentierten sich als service- und lösungsorientierte Berater im Dienste des Kunden. In den Geschäften werden Roboter tanzen und Smart-Homes präsentiert, 3-D-Brillen erzeugen virtuelle Kauferlebnisse. So sieht die Zukunftsvision von Haas aus. Es ist ein klarer Bruch mit der Vergangenheit.

Die Kunden wollen nicht mehr lange Strecken zum Media-Markt fahren

Anstatt auf die grüne Wiese zieht Media-Saturn mit kleineren Geschäften in einer Größenordnung von 300 bis 700 Quadratmetern in die Innenstädte. An diesem Donnerstag eröffnet solch ein "Saturn Connect" an der Kölner Schildergasse. "Das Einzugsgebiet ist kleiner geworden", erklärt Haas. "Heute sind die Menschen nicht mehr bereit, lange Strecken mit dem Auto zum Media-Markt zu fahren. Deswegen müssen wir dahin, wo die Kunden sind." Der Meteorit, den Haas fürchtet, ist der Online-Handel generell, ganz konkret aber der US-Konzern Amazon, der fast für die Hälfte aller Online-Käufe in Deutschland steht.

Media-Saturn muss und will bei seiner Mutation die eigene Belegschaft mitnehmen. Deswegen veranstaltete der Händler am Dienstag einen "Digital Campus" auf dem Gelände der Zentrale in Ingolstadt. Dort waren auch viele Start-ups und Gründer unterwegs. Sie stellten neue Geschäftsideen vor und zeigten, wie die Welt von morgen aussehen könnte. "Es gibt eine Menge digitalen Bullshit", sagt Haas, ein Mann der klaren Worte. Media-Saturn hat ein Programm gestartet, um eben jenen "Mist" auszusortieren, um sich aber an den besten Ideen zu beteiligen. Im besten Fall sollen die Jungunternehmer Media-Saturn mit ihren Ideen bereichern.

Die einen bieten an, die Probleme von Computer-Käufern zu lösen, indem sie sich online zuschalten. Andere legen die Anschlüsse für das Smart-Home, und Dritte haben eine Art Glühbirne entwickelt, die vor Einbrechern schützen soll. Media-Saturn könnte sie vertreiben. Es ist eine von vielen Ideen für die Welt von morgen, in der Media-Saturn quicklebendig mitmischen will.

© SZ vom 29.10.2015
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