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Markteinführung von Google Glass:Nur nicht gruseln!

Google - Datenbrille

"Don't be a Glasshole", ermahnt Google seine Besitzer

(Foto: dpa)

Google startet den freien Verkauf seiner Datenbrille. Dabei ist das Gerät noch gar nicht ganz ausgereift. Wird das Wunderding nun entzaubert - oder ist dies womöglich erst der Beginn einer neuen vernetzten Welt?

Von Varinia Bernau und Johannes Kuhn, San Francisco

Google hat sogar ein paar Benimmregeln beigelegt. Der wichtigste Punkt für all diejenigen, die sich eine Datenbrille auf die Nase setzen: Grusle dein Gegenüber nicht und sei nicht unhöflich (auch bekannt als "Glasshole")!

Glasshole - dieses Schimpfwort geben sie inzwischen jener sonderbaren Spezies, die sich seit einiger Zeit im schummrigen Licht der Bars von San Francisco tummelt. Sie ist jung, weiß, männlich. Und sie trägt einen Computer im Gesicht. Bei Google ahnt man, dass diese Spezies nicht der beste Botschafter für das Gerät ist, das der Konzern ganz gern zum nächsten großen Ding machen würde. An diesem Dienstag wird die Datenbrille erstmals in den freien Verkauf kommen. Zugreifen kann allerdings nur, wer in den USA wohnt, im Internet ordert - und sich dabei beeilt. Die Zahl der verfügbaren Geräte ist begrenzt. Mit einem allgemeinen Marktstart zumindest in den USA wurde bisher für dieses Jahr gerechnet. In Europa dürfte es deutlich länger dauern.

Mit dieser Brille sieht man nicht besser (aus), sondern anders. Man streichelt sie nicht nur, um sie zu putzen, sondern um sie zu bedienen. Sie ist zwar kein Haustier, aber will man sie sinnvoll nutzen, muss man auch mit ihr sprechen. Was mal besser gelingt und - in lauten Umgebungen - mal schlechter.

Volle App-Sicht

Wie funktioniert nun Glass genau? Die gesamte Technik steckt in einem etwas dickeren Brillenbügel. Ein winziger Projektor wirft ein Bild auf ein Rechteck aus transparentem Kunststoff. Dieses liegt nicht etwa direkt vor dem rechten Auge, sondern bloß im oberen Rand des Blickfeldes. Das Bild erscheint etwa so groß wie ein kleinerer Fernseher aus einigen Metern Entfernung. Das heißt: Von Webseiten ließen sich allenfalls Überschriften lesen, aber die zeigt das Gerät gar nicht an. Was kann man also mit der Brille Sinnvolles machen? Wichtigstes Merkmal - und zugleich auch dasjenige, das am ehesten Ärger hervorruft - ist die Kamera. Sie nimmt auf mündlichen Befehl ("OK, Glass. Take a picture!") Bilder oder Videos auf. Wie bei Handys sind es bei Glass erst die Apps, die zusätzliche Funktionen ermöglichen. So lassen sich bei Fitnessgeräten die aktuellen Werte einblenden oder Gesichter mit denen aus einer Datenbank abgleichen - was zum Beispiel die britische Polizei interessant findet.

Bedient wird die Glass mit einer berührungsempfindlichen Fläche ähnlich wie die Touchpads bei Laptops. Sie sitzt in Höhe der Schläfe, außerdem reagiert das Gerät auf gesprochene Befehle. Da nur wenig Platz für den Akku ist, hält der nicht lange durch. Die Internetverbindung liefert ein Smartphone, über das die Brille mit dem Kurzstrecken-Funkstandard Bluetooth verbunden wird.

Seit etwa einem Jahr lässt Google seine Datenbrille durch einen ausgewählten Kreis von etwa 10 000 Mitarbeitern, Entwicklern und Technologiebegeisterten testen. Sie haben faszinierende Szenarien zusammengetragen: Kranke Kinder machen einen virtuellen Ausflug in den Zoo; Amateure trainieren mit einer Profitennisspielerin für Wimbledon; ein Koch kreiert mit Tipps aus dem Netz außergewöhnliche Rezepte. Doch die Pioniere, die sich mit der Brille in die Wirklichkeit wagen, ins Nachtleben der Bay Area zum Beispiel, werden von anderen Gästen mit Missachtung gestraft - im besten Fall. Vor einigen Wochen kam es in der Szene-Kneipe Molotov zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen einer Frau mit Google Glass und anderen Gästen, die sie in der Bar gefilmt hatte. Der Vorwurf "Du tötest unsere Stadt!" ist auf dem - natürlich mit der Datenbrille aufgezeichneten - Video zu hören, bevor eine unschöne Rangelei beginnt. Inzwischen haben einige Bars der Stadt den Zutritt für Google-Glass-Träger bereits verboten.

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