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Luftfahrt:Das große Geldverbrennen

Coronavirus - Düsseldorf

Besonders kritisch ist die Lage beim Ferienflieger Condor.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Die Corona-Epidemie wird für die Fluggesellschaften immer dramatischer.

Anfang dieser Woche sollte eine Boeing 737 der Tuifly Urlauber aus Hurghada nach Hannover zurückbringen. Flug X3 6703 war nicht ganz voll, weil einige Pauschalreisende sich inmitten der Corona-Krise schon vorher andere Rückflüge besorgt hatten, es gab also noch Plätze. Der Kapitän entschied kurzfristig: Auch die Kunden anderer Fluggesellschaften und Veranstalter werden mitgenommen. So war X3 6703 plötzlich doch voll.

Die deutschen Fluggesellschaften versuchen irgendwie, diese außergewöhnlichen Zeiten zu überstehen - manchmal auf unkonventionelle Weise und indem sie zusammenarbeiten, wie sie es in normalen Zeiten niemals tun würden. Die wenigen Flüge, die noch möglich waren, mussten sie zuletzt unter absurden Bedingungen durchführen: In andere Länder durften sie keine Deutschen bringen, aus anderen Ländern keine Staatsbürger der Zielländer mitnehmen - es war eine Lizenz zum Geldverlieren. Und der Lobbyverband International Air Transport Association (IATA) klagt, dass nicht einmal massive Preisnachlässe etwas bringen. Die Leute bleiben daheim.

50 Millionen Euro hat die Bundesregierung an die Lufthansa, Tuifly und Condor gezahlt, mit deren Maschinen gestrandete Urlauber zurückgeflogen wurden. Die Airlines haben ihre Maschinen anfangs losgeschickt, ohne genau zu wissen, was sie eigentlich für die Flüge bekommen.

Andererseits gibt es Beschwerden: Zum Beispiel über Tuifly, die die Preise für die letzten Plätze von den Kapverden Anfang der Woche stark erhöht haben soll. Und wer Flüge im verbliebenen Liniennetz der Lufthansa buchen will, wird auch oft feststellen, dass die Flüge deutlich teurer sind als in normalen Zeiten. Das Angebot ist extrem verknappt, die verbliebene Nachfrage ist im Verhältnis dann doch deutlich größer und viele Konkurrenten haben ihre Flüge auf den betroffenen Strecken gestrichen. Lufthansa versucht, angesichts von Milliarden an Cash, die sie wohl in den nächsten Monaten verbrennen wird, wenigstens mit dem mickrigen Rest von Verbindungen ordentlich Geld zu verdienen.

In besonders dramatischer Lage ist weiterhin Condor. Nach dem Zusammenbruch ihrer Muttergesellschaft Thomas Cook flog sie im Schutzschirmverfahren erfolgreich weiter und fand mit der polnischen Staatsholding PGL einen neuen Eigentümer, der sie eigentlich Ende des Monats offiziell übernehmen soll. Bis ungefähr Ende nächster Woche muss PGL, die Muttergesellschaft von LOT Polish Airlines, dem Vernehmen nach laut Kaufvereinbarung handeln. Insider glauben, dass LOT und PGL weiter an dem Deal festhalten wollen, obwohl auch LOT derzeit nicht fliegt. Das Bankenkonsortium, das den Deal finanzieren sollte, wackelt allerdings nach Informationen aus Branchenkreisen bedenklich. PGL müsste bei einem Ausstieg zwar eine hohe Vertragsstrafe zahlen. Condor würde das aber nicht helfen.

Lange Zeit war die Ferienfluggesellschaft vor den Einbrüchen besser geschützt als andere, doch mit den Reiserestriktionen implodierte das Geschäft. An Spitzentagen im Sommer führt Condor etwa 130 Flüge pro Tag durch, derzeit sind es noch zehn bis 15 pro Woche. Zwar ist vom ursprünglichen Überbrückungskredit, den die Bundesregierung und das Land Hessen im vergangenen Herbst zur Verfügung gestellt haben, noch ein guter Teil übrig, aber es ist mittlerweile klar, dass es ohne weitere Hilfen nicht mehr lange geht. Wie Tui und andere in der Branche hat deswegen auch Condor bestätigt, weitere Staatshilfen (in Form eines Kredites) beantragt zu haben. Die gute Nachricht aus Sicht von Condor: Flughäfen und Reiseveranstalter haben weiter ein enormes Interesse an ihrem Überleben, sie wollen es künftig nicht mit einem Quasi-Monopolisten Lufthansa zu tun haben. Und in Berlin wird die Anfrage angeblich wohlwollend geprüft.

© SZ vom 26.03.2020
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