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Industrie:Künftig haben Amerikaner bei Linde das Sagen

Linde-Mitarbeiter in Marl

Gemeinsam werden Linde und Praxair Weltmarktführer für Gase wie Stickstoff, Sauerstoff, Argon, Helium oder Wasserstoff.

(Foto: Jasper Juinen/Bloomberg)
  • Der Münchner Konzern Linde, weltweit einer der größten Anbieter von Industriegasen, fusioniert endgültig mit dem amerikanischen Konkurrenten Praxair.
  • Jetzt hat die amerikanische Wettbewerbsaufsicht Federal Trade Commission (FTC) nach langem Hin und Her das milliardenschwere Vorhaben genehmigt.

Es ist das Ende für ein deutsches Traditionsunternehmen: Der Münchner Konzern Linde, weltweit einer der größten Anbieter von Industriegasen, fusioniert endgültig mit dem amerikanischen Konkurrenten Praxair. Am Montag hat die amerikanische Wettbewerbsaufsicht Federal Trade Commission (FTC) nach langem Hin und Her das milliardenschwere Vorhaben genehmigt. Der Weg für einen der größten deutsch-amerikanischen Unternehmenszusammenschlüsse ist damit frei. Die Aktien beider Unternehmen legten zu.

Allerdings machte die FTC erheblich striktere Auflagen für das Geschäft als erwartet: So müssen sich beide Seiten von verschiedenen Geschäftsteilen trennen, die Bedingungen sollen innerhalb von vier Monaten umgesetzt werden. Bis dahin müssen die Geschäfte weltweit weiter unabhängig und getrennt voneinander geführt werden. Teilweise gibt es bereits Verhandlungen mit Interessenten. Die geplanten Synergien würden trotzdem erreicht, hieß es am Montag von den Unternehmen.

Gemeinsam werden Linde und Praxair Weltmarktführer für Gase wie Stickstoff, Sauerstoff, Argon, Helium oder Wasserstoff, die in vielen industriellen Prozessen eingesetzt werden. Zudem ist Linde, anders als Praxair, auch im Anlagenbau tätig. Hier gibt es Befürchtungen, dass der Geschäftsbereich nach der Fusion irgendwann zur Disposition stehen könnte.

Viel Kritik am Zusammenschluss

Linde ist Gründungsmitglied des deutschen Aktienindex Dax. 1873 hatte Carl von Linde die Kältemaschine erfunden, 1879 gründete er mit anderen Unternehmern in Wiesbaden die "Gesellschaft für Linde's Eismaschinen Aktiengesellschaft", aus der später der Linde-Konzern mit Sitz in München wurde. Das Unternehmen unterstützt derzeit unter anderem das Deutsche Museum, die Staatsoper in München und die Technische Universität München. Ob das alles so bleibt, ist offen.

An dem Zusammenschluss hatte es bis zuletzt viel Kritik gegeben. Linde ist nach Umsatz deutlich größer als Praxair, zuletzt waren die Amerikaner aber ertragsstärker. Am Ende einigten sich beiden Seiten auf eine "Fusion unter Gleichen", also auf einen Zusammenschluss gleichberechtigter Partner. Linde habe sich damit deutlich unter Wert verkauft, kritisierten Aktionäre auf der vergangenen Hauptversammlung. Der neue Konzern soll zwar künftig ebenfalls Linde heißen, darüber hinaus aber bleibt kaum etwas vom Traditionsunternehmen: Die Sitzungen des Verwaltungsrats sowie die Hauptversammlung würden künftig nicht mehr in Deutschland, sondern in Großbritannien stattfinden, heißt es, aus steuerlichen Gründen. Die Amerikaner haben in der neuen Firma zudem die Führung: Neuer Vorstandsvorsitzender soll der bisherige Praxair-Chef Steve Angel werden, auch der Finanzchef wird von Praxair kommen. Der offizielle Sitz wird in Irland sein, die Hauptverwaltung wird aber weitgehend in den USA sein. Der bisherige Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle soll neuer Verwaltungsratsvorsitzender werden.

Ihm wurde immer wieder vorgeworfen, er habe die Fusion nur deshalb verfolgt, um so an einen neuen mächtigen Posten zu kommen. "Die Fusion von Linde und Praxair ist ein überzeugender und zukunftsweisender Zusammenschluss, mit dem sich einzigartige Möglichkeiten für unsere Kunden, Aktionäre und Mitarbeiter eröffnen", teilte Reitzle nun mit. "Dieser Zusammenschluss rechnet sich nicht, weder für die Aktionäre, noch für die Beschäftigten, noch für den Industriestandort Deutschland", erklärte Michael Vassiliadis von der Chemiegewerkschaft. Die IG Metall sieht durch die Fusion Arbeitsplätze gefährdet.

© SZ vom 23.10.2018/hgn
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