Lehren aus dem Crash:"Die Krise hat alle traumatisiert"

Ein Jahr nach Lehman: Wie die großen internationalen Ökonomen heute über die Fehler der Vergangenheit denken - und was sie für die Zukunft empfehlen.

N. Piper

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Jagdish Bhagwati, AP

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Jagdish Bhagwati:

Warnung vor falschen Schlüssen

Jagdish Bhagwati ist Professor für Ökonomie an der Columbia University in New York und Mitglied des Council on Foreign Relations. Bhagwati gilt als einer der weltweit einflussreichsten Handelstheoretiker.

"Vor einem Jahr hat die Krise alle traumatisiert. Heute ist die Lage gekennzeichnet durch frische Triebe der Konjunktur, steigende Aktienkurse und einen neuen Optimismus. Selbst mein brillanter Schüler Paul Krugman (Nobelpreisträger des Jahres 2008), der immer zuerst das Negative sieht, steht vor dem Problem, irgendwann seinen Pessimismus fallen zu lassen. Die Zwickmühle, in der er steckt, hat das Magazin New Yorker in einem schönen Cartoon so dargestellt: Man sieht einen ungewaschenen Landstreicher, der ein Schild trägt mit der Aufschrift: "Das Ende der Welt ist immer noch nah". Eine Passantin fragt darauf ihren Mann: "War das nicht Paul Krugman?"

Zweifellos hat uns die Krise gelehrt, dass der Finanzsektor extrem volatil ist. Zwar hat der freiere Welthandel und der freie Fluss der Investitionen vielen Ländern, reichen wie armen, Prosperität gebracht. Es war aber ein Fehler, diese Erfolgsbilanz unkritisch auf den Kapitalverkehr und die Deregulierung der Finanzmärkte zu übertragen. Wir sind uns heute dessen bewusst, dass Finanzinnovationen, anders als Innovationen im Rest der Wirtschaft, die Form "zerstörerischer Schöpfungen" annehmen können. Die Risiken neuer Finanzinstrumente müssen künftig besser abgeschätzt werden. Sie können enorm sein und werden oft übersehen, weil die Spieler auf den Märkten tendenziell gleichzeitig in Euphorie verfallen.

Wir sollten aber auch darauf achten, dass wir nicht der populistischen Kritik am Kapitalismus und der Globalisierung zum Opfer fallen. Ökonomen wie mein Kollege Joseph Stiglitz vergleichen die jetzige Krise mit dem Fall der Berliner Mauer 1989, eine törichte Analogie. Als die Mauer fiel, wurde eine Öde sichtbar, politisch ebenso wie ökonomisch. Die Finanzkrise dagegen ist eine Pause in einem beispiellosen Zuwachs an Prosperität, durch den es in zwei Jahrzehnten fast eine halbe Milliarde Menschen geschafft haben, ihr Einkommen über die Armutsschwelle zu heben. Den Fall der Mauer damit zu vergleichen ist so, als würde man einen Tsunami mit dem Monsun vergleichen, der Regen über ein ausgedörrtes Land bringt."

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Joseph Stiglitz

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Joseph Stiglitz:

Lehman war Folge, nicht Ursache

Joseph Stiglitz ist Wirtschaftsprofessor an der Columbia University in New York. Für seine Forschungen über Märkte mit unvollständiger Information wurde er 2001 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Stiglitz leitet die Kommission der Vereinten Nationen über die Reform des Internationalen Währungsfonds und des Finanzsystems (Stiglitz-Kommission").

"Aus dem Bankrott von Lehman Brothers sind zwei wichtige Lehren zu ziehen: Erstens darf man es Banken nicht erlauben, dass sie so groß und verwoben werden, dass ihr Untergang eine Krise auslöst. Sind sie einmal so groß, müssen ihre Risiken streng reguliert werden. Vorsorge tut not. Zweitens gibt es viele Handlungsalternativen sowohl zum Ansatz von Henry Paulson, Ben Bernanke und Timothy Geithner, Lehman einfach untergehen zu lassen und zu hoffen, dass alles gut geht, als auch zur Blankoscheck-Politik der Regierung Obama. Es hätte zum Beispiel gesetzliche Vorschriften gegeben, um Banken unter staatliche Zwangverwaltung zu stellen. Sie wurden aber nicht genutzt, stattdessen schüttet man Hunderte Milliarden Dollar in die Banken.

Der Finanzsektor will uns glauben machen, dass alles gut geworden wäre, wenn man nur Lehman gerettet hätte. Das ist reiner Unsinn. Lehman Brothers war eine Folge, keine Ursache. Der Zusammenbruch war die Konsequenz verfehlter Leihepraktiken und unangemessener Aufsicht durch die Behörden, einschließlich der Notenbank Fed. Die Finanzmärkte haben ihre Kredite aus einer Spekulationsblase heraus gegeben, die sie selbst geschaffen haben. Sie hatten Anreizstrukturen, die übermäßige Risikoaufnahme und kurzsichtiges Verhalten förderten. Die Branche hat in harter Lobbyarbeit all die Regulierungen beseitigt, die die Fehlentwicklungen hätten verhindern oder zumindest begrenzen können. Ebenso wurde verhindert, dass die Regulierung an die veränderten Finanzstrukturen angepasst wurde, an die Einführung der ganzen neuen Finanzprodukte wie Credit Default Swaps und an den Erfindungsreichtum der Branche bei der Ausbeutung armer oder schlecht informierter Schuldner oder Anleger.

Auch wenn Lehman nicht untergegangen oder gerettet worden wäre, hätten der Weltwirtschaft Schwierigkeiten bevorgestanden. Das sieht man schon allein daran, wie die Welt jetzt in einen schwachen Aufschwung hineinstolpert. Der Fall von Lehman hat den Prozess des Kreditabbaus beschleunigt und die dahinterliegenden Probleme offengelegt."

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Robert Shiller

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Robert Shiller:

Den Kapitalismus verbessern

Robert Shiller ist Professor für Ökonomie an der Universität Yale. Er erfand den Case-Shiller-Index, heute der wichtigste Maßstab für den US-Immobilienmarkt. Außerdem gehört er zu den Gründern der Finanzfirma Macromarkets, die sich auf die Entwicklung neuer Finanzprodukte spezialisiert hat.

"Die Krise gehört zu jenen historischen Ereignissen, die uns die Chance geben, vorwärts zu schreiten und unsere Institutionen zu reparieren und zu verbessern. Kapitalismus ist keine einfache Sache, er muss organisiert werden und braucht Regeln. Unsere Finanzinstitutionen sind unvollkommen.

Es kommt jetzt darauf an, den Kapitalismus zu verbessern und nicht ihn zu verlassen. Eine Lehre ist zum Beispiel, dass es in der Marktwirtschaft schlechte Gleichgewichte geben kann. Die Zeiten sind schlecht, alle stellen sich darauf ein, und so wird daraus eine Erwartung, die sich selbst erfüllt. Das wussten wir auch schon früher. Aber die Krise hat uns daran erinnert, dass wir das Problem durch Regulierung anpacken müssen.

Wenn Unternehmen nicht mehr pleite gehen können, setzen sie nicht nur die Regierung unter Druck, sie behindern auch kleinere, innovative Unternehmen. Wie wollen Sie mit jemandem konkurrieren, der eine Staatsgarantie hat? In der Finanzkrise wurde das Problem noch verschärft. Die amerikanische Regierung hat nicht nur große Banken belohnt, sie hat sogar das Entstehen noch größerer Banken gefördert. Das Gegenteil wäre richtig: Wir müssen über die Aufspaltung großer Banken nachdenken."

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Edmund Phelps, AP

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Edmund Phelps:

Sich gegen den Zeitgeist stellen

Edmund Phelps ist Professor für Politische Ökonomie an der Columbia University in New York. Für seine Forschungen über die Rolle von Erwartungen und unvollständigen Informationen in der Makroökonomie wurde er 2006 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

"Aus zwei oder drei Gründen sind die Banken der Versuchung erlegen - oder wurden dazu getrieben -, zu hohe Risiken durch übertriebene Verschuldung einzugehen. Die Schlussfolgerung ist, dass unser Finanzsystem umstrukturiert werden muss, um dem spekulativen Zusammenbruch von Aktien-, Immobilien- und anderen Vermögenspreisen weniger ausgesetzt zu sein. Kurzfristige Verschuldung sollte besteuert und das klassische Modell der Geschäftsbanken erneuert werden. Die Gesetze, die es Banken verbieten, Aktien in ihren Büchern zu halten, sollten auf hypothekengedeckte Wertpapiere ausgedehnt werden. Mit mehr Transparenz in den Banken und der Beschränkung von Boni, die Banker bisher zu verantwortungslosen Geschäften ermuntert haben, sollten wir auf bessere Ergebnisse hoffen können.

Aber bessere Anreize sind nicht die ganze Lösung. Wir brauchen eine neue Agentur, die in der Lage ist, systemische Risiken zu erkennen, und die sich auch gegen den Zeitgeist stellt, wenn die Preise von Vermögenswerten so stark über den historischen Durchschnitt steigen, dass die Gefahr eines Crashs besteht. Dabei wird eine gute Politik in Rechnung stellen, dass starke Auf- und Abschwünge in den Preisen von Vermögenswerten normal sind in einer Volkswirtschaft, die von innovativem Geist getrieben ist. Kreative Volkswirtschaften schwanken, ähnlich wie kreative Menschen, von Phasen des Nachdenkens und der Ruhe zu solchen der Vitalität, der Schöpferkraft und der Hochgefühls."

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Allan Meltzer, AP

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Allan Meltzer:

"Zu groß" darf es nicht mehr geben

Allan Meltzer ist Professor für Ökonomie an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh. Er schrieb ein viel beachtetes Buch über die Geschichte der amerikanischen Notenbank Federal Reserve und leitete die "Meltzer-Kommission", die 1998 einen Bericht zur Reform des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank vorlegte.

"Die wichtigste Lehre, die ich ziehe, ist, dass nur wenige Notenbanken, wenn überhaupt, ein vernünftiges Konzept für den Umgang mit Bankzusammenbrüchen haben. Drei Maßnahmen sind jetzt notwendig: Erstens darf keine Bank mehr so groß werden, dass man sie nicht untergehen lassen kann. Wenn ein Institut zu groß ist, um zu scheitern, dann ist es zu groß. Die Öffentlichkeit muss dann Verluste tragen, die weit größer sind als die Größenvorteile, die große Banken gegenüber kleineren haben. Zweitens sollten Banken jenseits einer mittleren Größe überproportional mehr Eigenkapital vorhalten müssen, wenn ihre Bilanzsumme steigt. Das wirkt als Kostenbremse und schützt die Öffentlichkeit. Drittens sollten die Federal Reserve und der Gesetzgeber Kriterien für die Kreditvergabe der Notenbank in Krisenzeiten formulieren. Die Devise des legendären britischen Wirtschaftsjournalisten Walter Bagehot wäre ein guter Anhaltspunkt: Unbegrenzt Geld verleihen, aber zu empfindlich hohen Zinsen und gegen gute Sicherheiten.

Die gegenwärtige Politik, große Zusammenbrüche oder den Zusammenbruch 'wichtiger' Institute zu verhindern, ist falsch. Dadurch können die Banker den Gewinn ihrer riskanten Geschäfte einstreichen, während die Öffentlichkeit die Verluste tragen muss. Eine Anmerkung zu Lehman selbst: Ich wende mich zwar gegen das Konzept des "Zu-groß-zum-Scheitern", trotzdem halte ich den Sturz von Lehman für einen riesigen Fehler. Der Irrtum lag darin, dass mit der Entscheidung 30 oder mehr Jahre der Bankenrettung revidiert wurden - aber ohne Vorwarnung und mitten in einer Rezession. Wenn die Federal Reserve der Meinung war, dass Lehman nicht genügend Sicherheiten hatte (das jedenfalls behauptet sie), dann hätte sie den Kongress um ein Eingreifen bitten müssen. Lehman untergehen zu lassen, war ein kolossaler Irrtum, der aus einer Rezession eine globale Katastrophe machte. Glücklicherweise reagierten die Federal Reserve und andere Zentralbanken entschlossen, um das folgende Desaster einzugrenzen."

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Jeffrey Sachs, AP

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Jeffrey Sachs:

Washington gegen Wall Street

Jeffrey Sachs ist Wirtschaftsprofessor und Präsident des Earth Institute an der Columbia University in New York. Er forschte vor allem über Fragen der ökonomischen Entwicklung der Dritten Welt.

"Was haben wir gelernt? Wir haben vor allem neu gelernt, dass Finanzmärkte strenge Regeln brauchen, um den Verschuldungsgrad, die Anreizsysteme für die Manager und das Risiko für andere unter Kontrolle zu halten. Zu einem erheblichen Umfang sollten große Banken wie öffentliche Versorgungsunternehmen behandelt werden; sie arbeiten mit öffentlicher Rückendeckung und Garantien, um die Liquidität und das Funktionieren des Zahlungssystems sicherzustellen. Zum Ausgleich werden sie der aktiven regulatorischen Aufsicht und der Risikobegrenzung unterworfen.

All dies scheint fast selbstverständlich zu sein. Aber die Aufgabe ist noch nicht erledigt, zum Teil, weil Wall Street eine aggressive politische Lobbyarbeit betreibt. Wir haben die Ära der unverantwortlichen Deregulierung noch nicht hinter uns, wie sie von Ronald Reagan, Alan Greenspan und Robert Rubin (Ex-US-Finanzminister) verfolgt wurde. Und wir befinden uns mitten in einer Schlacht um die Frage, ob Washington die Wall Street reguliert, oder ob die Wall Street Washington an der Leine führt."

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Nouriel Roubini, AP

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Nouriel Roubini:

Die nächste Krise verhindern

Nouriel Roubini ist Professor für Ökonomie an der New York University und Gründer von RGE Monitor, einer Firma für Finanz- und Wirtschaftsanalyse. Er warnte als einer der ersten Experten vor der großen Finanz- und Wirtschaftskrise.

"Wir brauchen ein besseres System, um Banken und andere Finanzinstitute zu regulieren und zu überwachen. Das bisherige System, basierend auf Selbstregulierung, Marktdisziplin, internen Risikomodellen, Ratingagenturen und Grundsätzen (anstelle von Regeln), ist auf schreckliche Weise gescheitert. Wir brauchen ein neues System, strengere und einfachere Regeln: Der Verschuldungsgrad der Banken muss viel niedriger werden, die Kapital- und Liquiditätsreserven müssen steigen und die Eigenkapitalvorschriften stärker antizyklisch wirken. Wir müssen auch mit dem Problem umgehen, dass viele Banken zu groß geworden sind, um sie untergehen zu lassen. Das Problem wurde zuletzt noch dadurch verstärkt, dass die Regierungen viele großen Finanzinstitute retten mussten. Das hat neue Fehlanreize geschaffen und führte zur Entstehung noch gigantischerer Institute. Diese sollten zerschlagen werden. Außerdem ist ein neues Insolvenzrecht notwendig, das es möglich macht, große, systemisch wichtige Institute auf geordnete Weise abzuwickeln. Diese Institute sollten auch strengere Eigenkapitalanforderungen unterworfen werden als kleinere; ihr Geschäft muss auf internationaler Ebene überwacht und reguliert werden.

Auch das Problem der Bezahlung von Bankmanagern und Händlern steht an. Fehlanreize haben in der Vergangenheit dazu geführt, dass die Banken exzessive Risiken und Schulden auf sich geladen haben. Das trieb kurzfristige Gewinne und Boni in die Höhe, gefährdete aber ernsthaft die mittelfristige Lebensfähigkeit der betreffenden Institutionen. Auch die Geldpolitik muss sich ändern. Die Notenbanken müssen sich aktiv den Risiken von Spekulationsblasen stellen und daher die Preise von Vermögenswerten bei der Bestimmung von Leitzinsen und Kreditgrenzen berücksichtigen. Die globalen Ungleichgewichte müssen auf systematischere Weise reduziert werden, um zu verhindern, dass weiter außenwirtschaftliche Defizite und Schulden angehäuft werden.

Wegen der impliziten und expliziten Rettungsaktionen der Regierungen und der Subventionen aus Steuermitteln hat sich die Lage auf den Finanzmärkten normalisiert, und die Banken machen wieder Gewinne. In dieser Situation lässt der politische Wille nach, Regulierung und Bankenaufsicht zu reformieren, während gleichzeitig riskante Geschäftspraktiken wieder zunehmen und der Verschuldungsgrad der Banken steigt. Um eine noch gefährlichere Spekulationsblase und eine noch größer Finanzkrise zu verhindern, sollten die Reformen jetzt schnell umgesetzt werden."

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Hans-Werner Sinn, ddp

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Hans-Werner Sinn

Banken können nicht pleitegehen

Hans-Werner Sinn ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität München und Präsiden des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung München.

"Als die Staathilfe für Lehman Brothers ausfiel, stürzte für die Banker eine Welt zusammen. Der Interbankenmarkt kollabierte, weil die eine Bank der anderen nicht mehr über den Weg traute. Die Banken horteten die Spargelder, anstatt sie als Kredite an die Investoren weiterzureichen . Deswegen brach die Investitionsgüternachfrage ein, und die Realwirtschaft ging in die Knie. Rezessionen werden stets durch den Aufbau von Geldhorten erklärt, aber diesmal wäre es deshalb fast zur Kernschmelze gekommen.

Die Lehre ist, dass der Staat große Banken nicht pleitegehen lassen darf. Weil das aber so ist, muss er sie stärker regulieren. (Auf kleine Banken zu setzen, hat wegen der Größenvorteile im Bankengeschäft keinen Sinn.) Der Staat muss die Banken zwingen, mit viel mehr Eigenkapital zu arbeiten als heute. Wenn dann einmal doch Verluste das Eigenkapital unter die regulatorischen Mindestgrenzen drücken sollten, muss der Staat die Lücke mit eigenem Eigenkapital schließen, um die betroffene Bank zu retten. Aber er darf in diesem Falle nicht die Bankaktionäre retten, indem er Geschenke verteilt. Das würde für die Zukunft nur neue Anreize zu einem unvorsichtigen Geschäftgebaren liefern."

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Peter Bofinger, AP

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Peter Bofinger:

Europa braucht eine Ratingagentur

Peter Bofinger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg. Er ist Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage und hat vor allem über Geldpolitik geforscht.

"Die wichtigste Lehre aus der Krise besteht darin, dass ein so gravierendes Ereignis nicht monokausal erklärt werden kann, sondern auf ein Bündel falscher Entscheidungen zurückzuführen ist. Es gab die amerikanische Notenbank, die sich in der Phase 2003 bis 2005 auf das Ziel der Geldwertstabilität konzentrierte, ohne die Auswirkungen ihrer Zinspolitik auf das Finanzsystem zu berücksichtigen. Die Lehre daraus: Notenbanken müssen die Stabilität des Geldes und die des Finanzsystems gleichermaßen im Blick haben. Es gab nationale Bankaufsichtsbehörden, die nicht einmal im eigenen Land den Überblick über das Geschehen hatten (und zudem gesamtwirtschaftliche Risiken zu wenig beachteten). Die Lehre daraus: Bankenaufsicht muss in einer Hand liegen, für den Euroraum wäre eine gemeinsame Aufsicht erforderlich. (Zudem sollte die Aufsicht eng mit der Notenbank verzahnt werden).

Es gab Ratingagenturen, die ohne wirksamen Wettbewerb und ohne Haftung für Fehlurteile prächtig an ihren Bewertungen verdienten. Die Lehre daraus: Es bedarf einer staatlichen europäischen Ratinggentur als wirksames Gegengewicht. Bilanzierungsregeln, die dem Gläubigerschutz verpflichtet waren, wurden durch Zeitwert-Bilanzen ersetzt, mit dem Ergebnis, dass in der Krise vielfach keine Haftungsmasse mehr vorhanden war. Die Lehre daraus: Die für Gewinnausschüttung, Vergütungen und Aufsicht relevante Bilanz sollte keinen Ausweis unrealisierter Gewinne ermöglichen. Das von den Banken für ihre Kredite vorzuhaltende Eigenkapital wurde davon abhängig gemacht, wie riskant sie diese einschätzten mit dem Ergebnis, dass im Boom zu wenig Eigenkapital vorgehalten wurde. Die Lehre daraus: Man braucht einfache Regeln, die eine feste Relation zwischen der Bilanzsumme und dem dafür zu haltenden Eigenkapital vorschreiben.

Leider spielen die meisten dieser Punkte in der aktuellen Diskussion keine entscheidende Rolle, so dass die Chance auf eine wirklich stabile Finanzmarktarchitektur wohl nicht genutzt werden wird."

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Wolfgang Franz, AP

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Wolfgang Franz:

Basel II revidieren

Wolfganz Franz ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim und Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Seit März steht er außerdem dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage vor.

Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers findet in Pittsburgh ein Finanzgipfel der G-20-Staaten statt. Über die aktuelle Krise hinaus muss dort die Reform der Finanzmarktarchitektur beherzt weitergeführt werden, um die Lehren aus der Finanzkrise zu ziehen. Dabei gilt es, vier Probleme in den Griff zu bekommen. Erstens müssen die systemischen Risiken im Finanzsektor vermindert werden. Im Hinblick auf die Systemrelevanz einzelner Banken beispielsweise auf Grund ihrer schieren Größe muss die Eigenkapitalregulierung entsprechend angepasst werden. Dringend erforderlich ist ein Restrukturierungsregime, das Insolvenzverfahren selbst bei systemisch wichtigen Banken ermöglicht.

Zweitens muss die Prozyklizität der Eigenkapitalunterlegung reduziert werden. Eine Konsequenz ist, dass die bisherigen Eigenkapitalvorschriften, die unter dem Namen "Basel II" bekannt wurden, zu revidieren sind.

Drittens muss die Corporate Governance im Finanzsystem gewährleisten, dass eine effektive Risikokontrolle vorhanden ist, unter anderem durch eine entsprechende Ausgestaltung der Vergütungssysteme. Viertens müssen die Aufsichtskompetenzen auf internationaler, zumindest auf europäischer Ebene weiter zu einer einheitlichen Bankenaufsicht, einschließlich der Ratingagenturen, ausgebaut werden."

Foto: AP (aus der SZ vom 15.09.2009/mel)

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