bedeckt München 22°

Lebensversicherungen:Kunde zu verkaufen

Wegen der Corona-Krise könnten immer mehr Versicherer Verträge loswerden wollen - oft zum Ärgernis der Kunden.

Von Jonas Tauber, Berlin

Die Grünen befürchten, dass wegen der Pandemie mehr Lebensversicherer Vertragsbestände an spezialisierte Abwicklungsplattformen verkaufen, im Jargon externer Run-off genannt. Sie argumentieren, dass die Kunden dann schlechter behandelt werden. "Die Zahl der von der Bafin erfassten Beschwerden liegt für Versicherte, die von Run-offs betroffen sind, teils deutlich über dem Durchschnitt", sagt der Bundestagsabgeordnete Stefan Schmidt zur Antwort der Regierung auf seine Kleine Anfrage.

Die höchste Beschwerdequote verzeichnet die Heidelberger Lebensversicherung, die zum Abwickler Viridium gehört. Hier haben sich rund siebenmal so viele Kunden beschwert wie im Schnitt. Vier der sieben Gesellschaften mit den höchsten Beschwerdequoten befinden sich im externen Run-off. Immer öfter stellen Versicherer das Neugeschäft für einen bestimmten Vertragsbestand ein. Dann wird der Bestand abgewickelt und ist im internen Run-off. Wenn der Versicherer die Verträge an spezialisierte Abwicklungsplattformen verkauft, wird der Vorgang zum externen Run-off.

Die Plattformen versuchen, über eine Senkung der Kosten einen Gewinn zu erzielen. Weil sie kein Neugeschäft machen, sparen sie die Vertriebsausgaben ein. Und der ursprüngliche Versicherer muss sich keine Gedanken mehr machen, wie er die einst gegebenen hohen Zinsgarantien von bis zu vier Prozent bei den heutigen Niedrigzinsen bedienen soll. Verbraucherschützer warnen, dass das Geschäftsmodell auf Kosten des Kundenservices und der Beteiligung der Versicherten am Unternehmenserfolg gehen könnte.

Während die Versicherer im externen Run-off bei der Beschwerdequote schlecht dastehen, gilt das nicht für die Kündigungsquoten. Unter den zehn Versicherern mit den höchsten Kündigungsquoten findet sich keine von den Run-off-Gesellschaften.

Die Grünen prophezeien, dass Bestandsverkäufe angesichts von Niedrigzinsen und Corona-Krise künftig zunehmen. Die Regierung hält trotzdem wenig von einem außerordentlichen Wechsel- und Kündigungsrecht für Betroffene, wie es Verbraucherschützer fordern. Die daraus folgenden Auszahlungen könnten "erhebliche Nachteile" für verbleibende Kunden bedeuten, erklärte die Regierung in ihrer Antwort auf die Anfrage.

© SZ vom 23.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite