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Lebensversicherung:Weiter so oder weg damit

Immer mehr kleine Lebensversicherer erwägen, ihre Verträge weiterzuverkaufen - an einen Abwickler. Die Generali hat sich bereits von vier Millionen Verträgen getrennt.

Von Friederike Krieger, Hamburg

Kleine Lebensversicherer haben es im deutschen Markt nicht leicht. Während Schwergewichte wie die Allianz immer stärker wachsen - die Münchener sollen 2019 einen Anteil von mehr als 50 Prozent am Neugeschäft der Branche gehabt haben - stagnieren viele Gesellschaften bei einem Marktanteil von deutlich unter einem Prozent. Dazu kommt: Der Niedrigzins macht es schwierig, die Garantien zu erwirtschaften, die Anbieter den Kunden in früheren Jahren versprochen haben. Außerdem müssen die Versicherer sich digitalisieren und ihre marode IT modernisieren. Immer mehr Anbieter denken darüber nach, ihre Lebensversicherungsbestände für das Neugeschäft zu schließen und an einen externen Abwickler wie die Frankfurter Leben, Viridium oder Athora weiterzugeben. Dasselbe gilt für Bestände in anderen Sparten, die inzwischen oft verkauft werden. "Wir haben eine Marktsituation, die nach Veränderung und Konsolidierung ruft", sagte Johannes-Tobias Lorenz vom Berater McKinsey bei einer Fachkonferenz der SZ. "Geschlossene Bestände werden hier eine relevante Rolle spielen."

Die Investoren, die Abwickler mit Kapital ausstatten, finden den europäischen Markt immer interessanter, sagt David Schieldrop, Managing Director bei US-Finanzdienstleister Wells Fargo Securities. "Es gibt zu viel Geld, das zu wenigen Geschäftsmöglichkeiten nachjagt", sagte er. Neben den Hauptmärkten USA und Großbritannien könnte das auch Europa zu einer interessanten Zielregion machen. Das Umfeld sei hier nicht so wettbewerbsintensiv, und es seien höhere Renditen möglich.

Der Abwickler Athora, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, im europäischen Markt mit geschlossenen Lebensversicherungen stark zu wachsen, hatte zuletzt 1,8 Milliarden Euro von Investoren für die weitere Expansion eingesammelt. Die Idee der Abwickler: Wenn sie mehrere geschlossene Bestände zusammen verwalten, haben sie geringere Kosten als die Versicherer. Auch bei der Kapitalanlage trauen sie sich zu, besser zu sein.

Kritiker befürchten, dass Kunden bei der externen Abwicklung kein gutes Geschäft machen - und am Ende schlechter behandelt werden als bei ihrem ursprünglichen Anbieter. Die Überschussbeteiligung für Kunden, deren Verträge in geschlossenen Beständen stecken, sinke in der Tat, räumte Analyst Michael Huttner ein. "Es ist vielleicht nicht das Beste für den Kunden, aber das Zweitbeste", glaubt er. So hätten die Kunden wenigstens die Sicherheit, dass ihre Gesellschaft nicht wegen der Belastung durch das Lebensversicherungsgeschäft pleitegeht und ihre Auszahlungen am Ende empfindlich gekürzt werden.

Auch dem italienischen Versicherer Generali schlug viel Protest entgegen, als er seine Deutschlandtochter Generali Leben mit über vier Millionen Kundenverträgen an den Abwickler Viridium verkauft hat. Lorenz von McKinsey sieht die negative Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber der Abgabe von Versicherungsbeständen als größte Hürde im sogenannten Run-off-Markt in Deutschland. Das Beispiel der Generali zeige aber auch, dass es funktionieren kann. Ihr Neugeschäft sei danach nicht eingebrochen. "Das Abendland ist nicht untergegangen." Lorenz rechnet mit einer "kontinuierlichen Beschleunigung" des Marktes.

© SZ vom 12.02.2020
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