Lebensmittel Königin Erdnuss

Sie schmeckt, liefert Energie und hat reichlich Vitamine - doch viele Millionen Menschen sind gegen sie allergisch und leben gefährlich. Da wittert die Industrie ein Geschäft.

Von Helga Einecke, Frankfurt

Die Supernuss ist, streng botanisch gesehen, ein Samen. Doch was sie kann, die Erdnuss, das ist beeindruckend: 13 Vitamine stecken in ihr, 26 Mineralstoffe, reichlich Proteine und mehr Kalorien als in Zucker. Und wer sie nicht essen will, der kann aus der Erdnuss Briketts herstellen, Katzenstreu, Reinigungsmittel oder Sprengstoff.

Vor Jahrtausenden schon kultivierten die Ureinwohner von Peru und Paraguay die anspruchslosen Pflanzen, spanische Entdecker schätzten die Nüsse als Reiseproviant. Zumindest in Europa und in Amerika müssen die Qualitäten der Erdnuss irgendwann in Vergessenheit geraten sein, denn lange Zeit wurde sie nur noch als Tierfutter verwendet. Erst in der Großen Depression der Dreißigerjahre erinnerte man sich wieder an die Erdnuss, ein amerikanisches Regierungsprogramm forcierte ihren Anbau, als Nahrungsmittel für die Ärmsten. Auch heute noch wird Erdnusspaste in Hungerkrisen eingesetzt: haltbar, kalorienreich, billig.

Bei einem Paar wurde die Allergie durch Küsse ausgelöst. Der Notarzt kam zu spät

Doch die Supernuss kann nicht nur Leben retten, sie kann auch töten. Eine 15 Jahre alte Kanadierin kostete ihre Erdnuss-Allergie das Leben. Sie tauschte mit ihrem Freund Zärtlichkeiten aus und bekam plötzlich keine Luft mehr. Was sie nicht wusste: ihr Freund hatte Erdnussbutter gegessen und mit seinem Speichel Nussallergene übertragen. Der Notarzt kam zu spät.

Kirsten Beyer, Medizinerin an der Berliner Charité, bestätigt diesen Fall. "Das Zeug ist extrem klebrig und haftet lange", sagt sie. Die Erdnussallergie zählt zu den gefährlichsten Unverträglichkeiten von Lebensmitteln, greift auch in Deutschland um sich und trifft vor allem Kinder. Schlimmstenfalls versagt das Herz-Kreislauf-System oder der Betroffene erstickt. Starke Allergiker müssen sich mit einer Adrenalin-Spritze behelfen, die die Luftwege frei hält, bis ein Krankenhaus erreicht ist.

Viele Millionen Menschen sind gegen Erdnüsse allergisch und leben gefährlich. Pharmaunternehmen wittern das große Geschäft.

(Foto: Colourbox)

Nun versprechen gleich zwei Pharmaunternehmen mit neuen Gegenmitteln Abhilfe. Die französische DBV Technologies mit Sitz in Bagneux will Ende dieses Jahres eine umfassende Studie mit Kindern im Alter von vier bis elf Jahren beginnen. Entwickelt wurde ein Pflaster für Allergiker, das über die Haut Wirkstoffe an den Körper abgibt. Auch die amerikanische Firma Aimmune will demnächst mit einer Studie der Phase drei für ihren Wirkstoff AR101 loslegen. Die Studien der Phase drei sind die letzten vor einer Zulassung eines Medikaments und finden deshalb in der Fachwelt am meisten Beachtung.

Bei Aimmune schätzt man, dass 5,4 Millionen Menschen in den USA und Europa an einer Erdnussallergie leiden, darunter mehr als zwei Millionen Kinder. Über die Hälfte der Betroffenen reagieren bereits auf weniger als 100 Milligramm Erdnussprotein. Eine normale Erdnuss enthält 250 bis 300 Milligramm. Das Mittel AR101 könnte die Sensibilität heruntersetzen, eine Verträglichkeit von drei bis vier Erdnüssen bringen. Dennoch müssten die Allergiker weiter Erdnüsse meiden und eine Notfall-Spritze bereit halten.

Sollte eine der beiden Pharmafirmen den Durchbruch schaffen, können sie mit ihrem Mittel Milliarden verdienen, schätzen Finanzanalysten. Sie beobachten die Entwicklung genau, die Börsenwerte der Unternehmen steigen.

Denn die Erdnuss ist in der modernen Lebensmittelindustrie allgegenwärtig. Als billiger Füllstoff und Geschmacksträger steckt sie in Riegeln, in Müslis, Schokolade, asiatischen Soßen und Fertiggerichten.

So ließe sie sich für Allergiker vielleicht noch vermeiden, doch häufig sind nur Spuren der Nüsse in Lebensmitteln versteckt. Zwar wurde Ende 2014 die Kennzeichnung in Europa geändert. Neben verpackter Ware müssen auch lose Produkte beim Bäcker oder in der Eisdiele mit Inhaltsstoffen gekennzeichnet werden. "Diese Neuerung der Kennzeichnungspflicht für lose Ware ist für den Verbraucher von Vorteil", sagt Beyer. Die Frage sei aber, wie gut das umgesetzt werde. "Jede Eisdiele muss dem Verbraucher sagen, was im Eis enthalten ist", ergänzt sie. Untersuchungen vor der geänderten Kennzeichnungspflicht hätten zu erschreckenden Ergebnissen geführt. Das größte Problem für die Verbraucher aber sei die Angabe "kann Spuren von Erdnüssen" enthalten. "Spuren klingt nach wenig, ist aber irreführend", sagt Beyer.

SZ-Grafik: Eiden; Quelle: International Nuts & Dried Fruit, jüngst verfügbarer Stand, Zahlen von 2012 und 2013

Spuren von Erdnüssen finden sich neuerdings in deutschen Haushalten offenbar überall, selbst in den Betten. Wenn Eltern Erdnussprodukte essen, übertragen sich die Spuren bis ins Schlafzimmer.

35 Millionen Tonnen Erdnüsse wurden 2014 nach Angaben der International Nut and Dried Fruit Council Federation produziert, über die Hälfte davon in China und Indien. In Asien wird die Erdnuss überwiegend selbst verbraucht, meist in Ölen oder Soßen. Die Einfuhren an Erdnüssen in Deutschland erhöhten sich in zehn Jahren auf fast 100 000 Tonnen im Jahr um mehr als die Hälfte. Noch schneller nahm der Konsum zu, um das Zweifache auf 85 600 Tonnen binnen fünf Jahren.

Vor allem Menschen mit Neurodermitis sind anfällig für die Allergie

Der Vormarsch der Erdnuss, die als proteinreiches Nahrungsmittel von vielen geschätzt und sogar empfohlen wird, hinterlässt global allergische Spuren. Davon gibt es in den USA, England und Australien weit mehr als in Europa. Als tödliche Gefahr ist diese Allergie aber schwer zu fassen, denn als Todesursache gelten meist Asthma oder Herz-Kreislauf-Versagen.

"Die wahre Ursache für die Erdnussallergie ist noch nicht gefunden", sagt Beyer. Betroffen seien in erster Linie und zunehmend Kinder. Vor allem Menschen mit Neurodermitis leiden unter dieser Allergie. Die Erdnussproteine scheinen über die gestörte Barriere der Haut Einlass in den Körper zu finden. Die Reaktion auf Erdnüsse kann dann aber nicht nur die Haut, sondern jedes Organ treffen und potenziell tödlich verlaufen. Beyer ist gleichwohl optimistisch: "Wir sind mit unseren Forschungen viel weiter als vor fünf Jahren, und zwar parallel bei Vorbeugung und Therapie".

Die Charité arbeitet an zwei Studien. Zur Vorbeugung erhalten Kinder mit Neurodermitis regelmäßig Erdnussprodukte, um zu untersuchen, ob dies besser ist, als Erdnüsse zu meiden. Die zweite Studie setzt bei der Therapie an, ähnlich wie es die Pharmafirmen in Frankreich und den USA tun. Hierbei wird den Kindern eine immer höhere Dosis von Erdnussmehl verabreicht. Das Ziel ist, dass die Kinder Erdnüsse irgendwann vertragen.

Die Stiftung Warentest verweist auf eine britische Studie mit allergiegefährdeten Kindern, die zum Umdenken anrege. Diese belege eindrucksvoll, dass Entsagung eher schade als nütze. Kinder, die früh regelmäßig Erdnussprodukte verzehrten, entwickelten deutlich seltener eine Allergie als jene, die konsequent darauf verzichteten. In westlichen Ländern leiden nach Angaben der Tester heute doppelt so viele Kinder an einer Erdnussallergie wie noch vor zehn Jahren: Etwa 1,4 bis 3 Prozent der Kinder sind betroffen.

SZ-Grafik: Eiden; Foto: Imago; Quelle: International Nuts & Dried Fruit, jüngst verfügbarer Stand, Zahlen von 2012 und 2013

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Alle Allergien gegen Nahrungsmittel entwickelten sich in den ersten Lebensjahren. Als besonders gefährdet gelten Kinder, deren beide Elternteile Allergiker sind. Die Erdnuss enthält hitzestabile Allergene. Das wichtigste davon ist das Eiweiß Ara h2. Die Stiftung Warentest erwähnt auch einen möglichen Auslöser. Eine Vermutung lautet, dass das in westlichen Ländern verbreitete Rösten von Erdnüssen schuld sein könnte. Dadurch ändere sich die chemische Zusammensetzung der Nüsse, was womöglich Allergien befördere.

Ein Gegenmittel gegen die Erdnussallergie würde nicht nur den Herstellern ein Milliardengeschäft bescheren. Es wäre auch eine Erleichterung für Millionen Allergiker.