Finanzinvestor:Lars Windhorst, der ewige Seiltänzer

Betrieb auf FSG-Werft geht weiter

Investor Lars Windhorst.

(Foto: Frank Molter/picture alliance/dpa)

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Finanzinvestor und Anteilseigner von Hertha BSC Berlin. Der Verdacht unerlaubter Bankgeschäfte steht im Raum.

Von Uwe Ritzer

Einen Twitter-Account hat Lars Windhorst schon seit 2017, aber aktiv ist er auf dem Kurznachrichtendienst erst seit Mitte Juni. 29 Tweets hat er, Stand früher Dienstagnachmittag, seither abgesetzt. Meistens solche, in denen sich der Finanzinvestor wehrt. Gegen Gerüchte und Vorwürfe zum Beispiel, er komme seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Bundesligisten Hertha BSC Berlin nicht nach, wo Windhorsts Investmentfirma Tennor mit weitem Abstand größter Geldgeber ist und zwei Drittel der Anteile an der Profisparte hält. Brisanter allerdings ist das Thema, zu dem Windhorst diese Woche gleich drei Tweets in Folge absetzte: Es geht um Ermittlungen der Berliner Staatsanwaltschaft gegen ihn.

Deren Sprecherin bestätigte auf Anfrage, dass die Behörde gegen Windhorst wegen "des Anfangsverdachtes eines Verstoßes gegen das Kreditwesengesetz" ein Verfahren eingeleitet habe. Und zwar auf Grundlage einer Strafanzeige der Finanzaufsicht Bafin. Mehr wollte sie nicht sagen. Es geht offenkundig um 220 Millionen Euro, die Windhorsts in Luxemburg registrierte Firma Evergreen Funding an ihn überwiesen haben soll, obwohl sie selbst nur über 263,5 Millionen Euro an Finanzpapieren verfüge. So berichtete es zumindest die Financial Times und schrieb zudem von Unregelmäßigkeiten bei Bonds, die Evergreen Funding ausgegeben habe. Die Konten des Unternehmens seien von der Staatsanwaltschaft eingefroren worden, hieß es weiter. Womöglich stecke hinter alledem ein illegales Bankgeschäft. Mehr ist bislang nicht bekannt.

Lars Windhorst reagierte per Twitter betont gelassen. "Wir machen uns keine Sorgen und konzentrieren uns weiterhin auf unser Geschäft", twitterte er, die Anschuldigungen würden "jeder Grundlage entbehren". Im Übrigen seien das "alte Geschichten", schließlich wisse er seit Mai von den Untersuchungen. Von Anfang an hätten er und seine Leute der Bafin ihre uneingeschränkte Kooperation angeboten, weshalb man nun maßlos enttäuscht sei, dass die Finanzaufsicht stattdessen die Staatsanwaltschaft eingeschaltet habe. Aber auch die werde er überzeugen, dass die Anschuldigungen falsch seien.

Er mied lange die Öffentlichkeit - bis zum Einstieg beim Fußball-Bundesligisten Hertha BSC

Da ist es wieder, das öffentlich häufig gezeichnete Bild vom halbseidenen Seiltänzer Windhorst, der stets hoch über dem Abgrund balanciert. Einerseits nervenstark wie nur wenige, andererseits in latenter Absturzgefahr. Schon oft wirtschaftlich für tot erklärt, tatsächlich aber ist Windhorst noch immer im Geschäft. Und wieder werden die alten Geschichten bemüht. Wie er als Teenager im westfälischen Rahden seine erste Firma gründete, einen Computerhandel. Wie er, gerade mal 18 Jahre alt, von Bundeskanzler Helmut Kohl als wirtschaftliches Wunderkind protegiert wurde. Wie dann aber ziemlich viel schiefging und er 2003 eine Pleite hinlegte, von der sich andere ihr Leben lang nicht mehr erholt hätten. Zumal ihn auch noch das Landgericht Berlin wegen Untreue zu einer Bewährungs- und einer Geldstrafe verurteilte. Doch Windhorst war schnell wieder zurück im großen Geldgeschäft und jonglierte mit Milliarden. Geld, das ihm auch professionelle Investoren aus der ganzen Welt anvertrauen. Ach, und nicht zu vergessen, die Geschichte mit dem abgerissenen und wieder angenähten Ohr. Lars Windhorst hat es 2007 um ein Haar bei einem Flugzeugabsturz in Kasachstan verloren, den er nur knapp überlebte.

Angesichts von alledem musste Lars Windhorst schon viele unerfreuliche Geschichten über sich lesen und mied daher lange die Öffentlichkeit. Bis zum Einstieg beim Fußball-Bundesligisten Hertha BSC vor zwei Jahren. Einen Weltklub will er aus dem Abstiegskandidaten der zurückliegenden Saison machen, dafür hat seine Tennor bislang 345 Millionen Euro in den Verein gepumpt, Mitte August sollen 29 weitere Millionen folgen. Geld übrigens, dass nur zu einem Teil aus Windhorsts Schatulle stammt, den erklecklichen Rest hat er bei Investoren eingesammelt. Der Profifußball bei Hertha hängt am Tropf des Investors Windhorst, was einige im Verein nicht daran hinderte, in den vergangenen Wochen Meldungen über verzögerte Tennor-Zahlungen und angebliche Pfändungsrechte, die sich daraus für Hertha gegen Tennor ergäben, medial durchzustechen. Als würde es dem Verein nutzen, wenn es tatsächlich so weit käme.

Es geht um anderthalb Milliarden Euro Schulden, die Windhorst in einem Jahr tilgen muss

Aber Lars Windhorst hat eben auch Feinde angesammelt im Laufe seines geschäftlichen Achterbahnlebens. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Finanzinvestor, der des Brexits wegen aus London weggezogen ist und nun in der Schweiz residiert, mit einigen Top-Leuten des Bundesligisten hadert. Er hält manch einen für arg provinziell, vereinsmeierisch und auf öffentliche Selbstdarstellung bedacht, anstatt auf das große Ganze, auf Herthas Erfolg also. Weswegen er Twitter auch als probaten Kanal begreift, um bei Bedarf direkt mit Mitgliedern und Fans von Hertha zu kommunizieren.

Abgesehen vom Hauptstadtklub ist Windhorst über sein Firmenkonglomerat auch an einer Öl-, einer Kohle- und einer Agrarfirma, der Flensburger Schiffswerft FSG und der Dessousmarke La Perla, dem OP-Roboterbauer Avateramedical in Jena sowie einem Immobilienprojekt in New York beteiligt, wo an der Upper West Side ein 236 Meter hoher Wolkenkratzer mit 127 Luxuswohnungen entstehen soll. Vorausgesetzt er und seine Mit-Investoren kriegen das mit den Bürgerprotesten dagegen geregelt. Der Wirtschaftswoche zufolge ist das eher ein kleineres Problem; sie wähnt den Geschäftsmann Windhorst generell im "Endspiel", bei dem es bekanntlich nur zwei Optionen gibt: Sieg oder Niederlage. Es geht um anderthalb Milliarden Euro Schulden, verzinst mit viereinhalb Prozent, die Windhorst binnen eines Jahres tilgen muss. Sie resultieren aus Anleihegeschäften beim britischen Fondsanbieter H2O. Anderthalb Milliarden Euro sind auch für Lars Windhorst enorm viel. Andererseits: Ursprünglich waren es sogar zweieinhalb Milliarden Euro Schulden. Eine Milliarde aber hat er wegverhandelt.

© SZ
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