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Landwirtschaft:Unterm Durchschnitt

Die Ernte fällt in diesem Jahr schwächer aus, aber nicht enttäuschend - auch weil weniger Flächen bestellt wurden. Die Bundesregierung schlägt damit andere Töne an, als zuletzt die Bauern bei ihrer Bilanz.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Deutschlands Bauern ernten in diesem Jahr etwas weniger Getreide - aber auch, weil sie weniger angebaut haben. Das geht aus der offiziellen Erntestatistik hervor, die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) am Freitag vorgestellt hat. Demnach dürften deutsche Äcker in diesem Jahr knapp 43 Millionen Tonnen Getreide abwerfen, drei Prozent weniger als im Vorjahr. Allerdings sei auch die Anbaufläche um rund fünf Prozent gesunken, beim ertragsstarken Winterweizen sogar um ein Zehntel. Je Hektar erzielten die Landwirte also sogar einen leichten Zuwachs. "Die Ernte ist etwas unterdurchschnittlich, aber dennoch zufriedenstellend", sagte die Ministerin.

Das ist ein anderer Zungenschlag als zuletzt beim Bauernverband. Der hatte zehn Tage zuvor zwar nur geringfügig weniger Getreide prognostiziert, deshalb aber Alarm geschlagen. Die Spuren des Klimawandels würden deutlicher, hatte Bauernpräsident Joachim Rukwied gewarnt - und bei der Gelegenheit noch einmal die Idee einer staatlich geförderten "Mehrgefahrenversicherung" eingespeist. Über einige Jahre hinweg müssten Bund und Länder dafür 300 bis 400 Millionen Euro zuschießen. Klöckners Ministerium ließ den Vorstoß seinerzeit abtropfen.

Dass die Bauern es vermehrt mit den Folgen der Erderwärmung zu tun bekommen, zieht allerdings auch Klöckner nicht in Zweifel. "Die Rahmenbedingungen für gute Ernten sind herausfordernder geworden", sagt sie. Landwirte müssten stärker auf klimaresistentere Pflanzen setzen, oder auf eine passgenauere Bewässerung. "Der kritische Faktor ist das Wasser, der Regen", sagte sie.

Der allerdings verteilt sich ungleichmäßig aufs Land, und ergo auf die Äcker. So gingen die Hektarerträge beim Getreide im Saarland um mehr als drei Prozent gegenüber dem Durchschnitt der letzten sechs Jahre zurück - während sie im benachbarten Rheinland-Pfalz um drei Prozent zulegten. Ähnlich verhält es sich mit der Rapsernte, auch sie fällt regional unterschiedlich aus. Allerdings liegen die Hektarerträge insgesamt über dem Durchschnitt der Vorjahre. Auch stieg die gesamte Anbaufläche hier um fast zwölf Prozent. Das allerdings nach einem Einbruch im vorigen Jahr. Seit den späten Neunzigerjahren war jedes Jahr auf mehr als einer Million Hektar Raps angebaut worden - dieses Niveau wurde auch 2020 nicht erreicht. Die Erntebilanz beruht auf Erhebungen von knapp 7000 Getreide- und gut 900 Rapsfeldern, die dann hochgerechnet werden.

Auch die Corona-Pandemie hinterlässt ihre Spuren in der Erntebilanz - beim Obst. Bei Äpfeln, Pflaumen, Erdbeeren oder Kirschen war die Ernte bescheidener oder wird bescheidener erwartet, teilweise wegen späten Frösten, aber teils eben auch in Ermangelung von Erntehelfern. Andererseits sei durch die Pandemie aber auch ein neues Bewusstsein für die "Ernährungssicherung" entstanden, lobte Klöckner. Die Landwirte wiederum hätten "weitergemacht, wenn andere aufgehört haben".

© SZ vom 29.08.2020

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