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Währungsumstellung in Kuba:Die reformierte Revolution

Cubans Face New Reality As Ties With U.S. Renewed After Years Under Strict Embargo

Sie waren auf dem Großmarkt "El Trigal", um Obst und Gemüse zu besorgen. Lebensmittel sind sehr teuer auf Kuba. Nun beginnt eine der größten Wirtschaftsreformen des Landes.

(Foto: Chip Somodevilla/Getty Images)

Kuba führt zum 1. Januar seine beiden Währungen zusammen. Eine Abwertung ist unvermeidlich, die Reform aber ebenso.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Wenn am 31. Dezember um Mitternacht das Jahr 2020 zu Ende geht, werden weltweit wohl weniger Raketen in den Himmel steigen als sonst, sei es wegen strenger Vorschriften zur Pandemiebekämpfung, sei es wegen fehlender Scheine im Geldbeutel. Böllerschüsse werden also seltener durch die Nacht hallen, dafür aber wohl umso lauter die Seufzer der Erleichterung. Denn mal ehrlich: 2021 kann ja eigentlich nur besser werden als 2020 - oder?

Zumindest in Kuba aber mischen sich unter diese Wünsche auch drückende Sorgen. Denn mit dem Jahr 2020 endet auf der sozialistischen Karibikinsel auch eine Ära - und es beginnt eine der größten Wirtschaftsreformen, die das Land seit der Revolution von 1959 erlebt hat.

Vom 1. Januar an sollen die beiden Währungen, die derzeit noch landesweit gelten, zusammengelegt werden. Übrig bleiben soll nur noch ein Zahlungsmittel, der kubanische Peso, auch CUP genannt. Die Devisenwährung peso convertible oder CUC soll dagegen abgeschafft werden. Die Regierung will so die angeschlagene Wirtschaft stärken. Obgleich man natürlich wisse, dass die Währungsreform keine Zauberformel sei, sagte Präsident Miguel Díaz-Canel in einer Sondersendung im Fernsehen, genauso wie man sich bewusst sei, dass die Maßnahmen dazu auch noch ganz erhebliche Risiken bergen. Nicht ohne Grund saß während der gesamten Übertragung neben dem kubanischen Präsidenten auch noch Raúl Castro, Parteichef und Revolutionslegende. Die Aussage war klar: Auch die alte Garde steht hinter der Reform, allen Gefahren zum Trotz.

Der CUC wurde 1994 als Zahlungsmittel für Importeure und Touristen eingeführt

Tatsächlich sind sich die meisten Experten und kubanischen Ökonomen darüber einig, dass der Regierung kaum etwas anderes übrig bleibt als eine Währungsreform. Diese kommt ohnehin alles andere als unerwartet. Schon vor Jahren hatte die Regierung angekündigt, den peso convertible abschaffen zu wollen. Eingeführt worden war die Devisenwährung 1994; Kuba befand sich damals nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in einer schweren Wirtschaftskrise, ausgerechnet der US-imperialistische Dollar war mehr und mehr zum dominierenden Zahlungsmittel auf der Insel geworden. Der peso convertible sollte dieser Entwicklung Einhalt gebieten, sein Kurs war 1:1 an den des Dollar gekoppelt. Der CUC sollte den herkömmlichen CUP nicht abschaffen, sondern ergänzen, als Zahlungsmittel für Importeure und Touristen, Otto-Normal-Kubaner sollten dagegen weiterhin in pesos bezahlen. So zumindest die Theorie.

In der Realität jedoch entstand bald eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Wer CUCs in der Tasche hatte, beispielsweise weil er im Tourismus arbeitete, konnte sich Dinge kaufen, zu denen kubanische Normalbürger keinen Zugang hatten. Zunächst waren das nur bescheidene Luxusgüter, bald aber auch Dinge des alltäglichen Lebens. Die Popularität des CUC und die Unbeliebtheit des CUP verschärfte sich immer mehr, je dramatischer die wirtschaftlichen Probleme Kubas wurden.

Hochsubventionierte Staatsbetriebe arbeiten seit Jahren ineffizient und unproduktiv. Ein Großteil der Güter muss importiert werden und hierfür braucht es Devisen. Lange kamen sie vor allem aus der Entsendung von Ärzten und medizinischem Personal ins Ausland, beispielsweise nach Brasilien. Doch seitdem dort der Rechtspopulist Jair Bolsonaro im Präsidentenpalast sitzt, ist diese Geldquelle versiegt. Der boomende Tourismus hätte diese Lücke vielleicht ein wenig ausgleichen können, statt Besucher aus dem Ausland kam aber das Coronavirus.

Die Währungsreform ist eine verzweifelte Flucht nach vorne

Kuba steckt heute in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 90er-Jahre, die Währungsreform ist darum auch als verzweifelter Schritt zu werten, zumindest aber als eine Flucht nach vorne. Mit der Abschaffung des convertible soll die Privatwirtschaft gestärkt werden, so die Regierung, man will Investoren anlocken. Kuba hat viel zu bieten, und Optimisten fragen, warum die Karibikinsel mit ihren Traumständen und ihrer einzigartigen Kultur nicht ein Wirtschaftswunder erleben könnte, ähnlich derer, die es auch in anderen sozialistische Bruderstaaten gegeben hat, beispielsweise in Vietnam.

Pessimisten dagegen fürchten, die Insel könnte in einer Inflationsspirale versinken. Schon jetzt ist klar, dass die Währungsreform mit erheblichen Preisanstiegen einhergehen wird. Viele Staatsbetriebe, die vorher vom künstlich niedrigen Kurs des CUC profitiert haben, könnten nun pleitegehen, und die Kluft zwischen denen, die Dollar besitzen, und denen, die nur Peso im Portemonnaie haben, noch weiter steigen.

Die Regierung hat versprochen, die Folgen der Währungsumstellung abzufedern. Es werde keine Hauruckreformen geben, sagte Präsident Díaz-Canel, Löhne und Renten sollen angehoben werden, es soll Preiskontrollen geben und Strafen für vermeintliche Wucherer. Wie nervös die Regierung allerdings ist, zeigte sich, als es vor ein paar Wochen Proteste gegen die Inhaftierung von Regimegegnern gab. Erst kündigte die Regierung einen Dialog an, der dann aber abrupt abgebrochen wurde, stattdessen stationierte man Polizisten vor den Wohnungen von Kritikern. Die Normalität, so viel ist schon mal klar, wird auch nächstes Jahr nicht einkehren in Kuba.

© SZ
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