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Konzerne:Das große Streichen

Joe Kaeser posiert während des Besuchs einer Siemens-Fabrik im bayerischen Amberg mit Mitarbeiterinnen für ein Selfie: Er ist seit 40 Jahren im Unternehmen, jetzt wird er seinen Vertrag nicht mehr verlängern.

(Foto: Armin Weigel/AFP)

Deutschlands große Unternehmen kämpfen mit dem Umbruch in ihrem Geschäft und haben im langen Aufschwung zu sehr aufgebaut.

Von Caspar Busse, Thomas Fromm

"Unsicherheit" sei für die deutsche Wirtschaft das Wort des Jahres, sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Handelsauseinandersetzungen, Brexit, Konjunkturabschwung, es gebe viele Probleme. Deshalb hat der DIHK jetzt auch seine Prognose für die Exporte deutlich gesenkt, statt eines Wachstums von 2,5 Prozent wird jetzt nur noch ein Prozent erwartet. Und das habe Folgen für Investitionen und Beschäftigung.

Schon jetzt wird kräftig gestrichen - zum Beispiel in der Autoindustrie, die gerade auch noch vor einem beispiellosen Umbruch steht. Konzerne wie Volkswagen hatten in den vergangenen Jahren eine gefährliche Abhängigkeit von China entwickelt. 40 Prozent ihres Absatzes fuhren die Wolfsburger in China ein. In guten Zeiten nimmt man das gerne mit, in schlechten Zeiten aber - der Autoabsatz in China geht derzeit rasant zurück - haut das kräftige Lücken in die Bilanz. VW hat bereits den Abbau tausender Jobs angekündigt, auch in der Verwaltung. Die Konzerntochter Audi kämpft ebenfalls: Einerseits werden Milliarden in E-Autos investiert, andererseits wird ein harter Sparkurs mit kräftigen Stellenstreichungen gefahren. Spekuliert wird derzeit über 10 000 Jobs, die auf der Kippe stehen. Audi-Chef Bram Schot gilt als einer, der nicht nur am Band kürzt, auch etliche hoch dotierte Management-Stellen sollen weg. Der US-Autobauer Ford plant einen regelrechten Kahlschlag: 12 000 Stellen in Europa und sechs Standorte sind überflüssig. Die Amerikaner, so die Lesart des bevorstehenden Abbaus, wollen künftig weniger europäisch sein. Auch bei Opel wurde kräftig abgebaut.

Aber nicht nur in der Autoindustrie wird gerade geholzt. BASF-Chef Martin Brudermüller will 6000 Stellen im Konzern einsparen, besonders betroffen sind der Standort Ludwigshafen und die Verwaltung des Konzerns. Bei der Deutschen Bank wird über 20 000 Stellen spekuliert, die weg sollen - das wäre fast ein Fünftel der Belegschaft insgesamt. Und der Bayer-Konzern, der sich mit der 62-Milliarden-Dollar-Übernahme des Skandal-Konzerns Monsanto kräftig verhoben hat und dem Milliarden-Schadenersatzzahlungen drohen, will bis Ende 2021 an die 12 000 Arbeitsplätze einstampfen. Der Personalbestand ist in den vergangenen Boom-Jahren offenbar bei einigen auch sehr üppig geworden.

Siemens saniert gerade seine Kraftwerkssparte - und streicht. Die weltweite Nachfrage nach großen Kraftwerksturbinen ist eingebrochen. Und das Stahlunternehmen Thyssenkrupp, schon seit Jahren in schweren Turbulenzen, muss die Zahl der Mitarbeiter auch in der Zentrale zusammenkürzen. Nur so könne man die Kosten in den Griff bekommen. Abbau von Jobs - das ist auch ein Thema beim Reiseunternehmen Tui und bei den fusionierten Warenhauskonzernen Karstadt und Kaufhof.

Verschiedene Branchen, unterschiedliche Sorgen, und doch haben alle eines gemeinsam: In den Vorstandsetagen geht die Sorge vor einem schweren, weltweiten Wirtschaftseinbruch um. Das Gift der Unsicherheit, es wirkt langsam.

© SZ vom 03.07.2019
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