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Konjunktur:Neue Rückschläge befürchtet

Spaziergang Stadtbäche

Flaute in der Münchner Innenstadt: Für die Konjunktur, die sich gerade erholt hatte, ist der Teil-Lockdown eine neue Belastungsprobe.

(Foto: Florian Peljak)

Längerer Teil-Lockdown dürfte deutsche Wirtschaft belasten, so Ökonomen.

Die nächste Impfstoff-Meldung, der nächste Kursanstieg im Dax: Der deutsche Leitindex profitierte am Montag erneut von einer Mitteilung über positive Testergebnisse bei einem potenziellen Impfstoff. Die von der Universität Oxford und dem Pharmaunternehmen Astra Zeneca entwickelte Corona-Impfung ist nach vorläufigen Studien zu 70 Prozent effektiv. Das ist zwar deutlich weniger als bei den Wettbewerbern Pfizer und Moderna, die eine Effektivität von 90 Prozent meldeten. Und doch sorgte es bei Anlegern zumindest für etwas Zuversicht.

Mittelfristig drohen der deutschen Wirtschaft durch die geplante Verlängerung des Teil-Lockdowns aber weitere Rückschläge. "Wenn das so kommt, steigt die Wahrscheinlichkeit eines leichten Rückgangs des deutschen Bruttoinlandsproduktes im vierten Quartal", sagte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Ähnlich sieht das ING-Chefvolkswirt Carsten Breszki: "Eigentlich ist ein Double Dip definitiv nicht mehr zu vermeiden" - also ein erneuter Rückgang der Wirtschaftsleistung wie schon in den beiden ersten Quartalen 2020.

Die Dienstleister schwächele bereits schon seit September. Der Lockdown habe diesen Trend noch verstärkt. "Hinzu kommt der psychologische Effekt. Nie zu unterschätzen, denn Wirtschaft ist zu einem großen Teil Psychologie", sagte Brzeski. "Unsicherheit und Undeutlichkeit, das Fehlen einer Perspektive, wie lange die Maßnahmen dauern sollen, wird auf Verbraucher- und Unternehmensvertrauen wiegen."

Bund und Länder werden am Mittwoch mit großer Sicherheit weiterreichende Corona-Maßnahmen beschließen. In einer Ländervorlage von Sonntag, die Reuters vorliegt, ist von einer weiteren Schließung von Gastronomie und Freizeiteinrichtungen bis zum 20. Dezember die Rede. Die exportabhängige Industrie allein dürfte die Einbrüche dort nicht wettmachen können, trotz eines guten Starts ins vierte Quartal. "Gründe dafür sind Nachholbedarf und der starke Aufschwung in Asien", sagte Brzeski zum positiven Quartalsauftakt der Industrie. "Angesichts der Tatsache, dass sich fast die gesamte westliche Welt zum Jahresende wieder in einer Form des Lockdowns befindet, ist es schwer vorstellbar, dass China den deutschen Double Dip im vierten Quartal verhindern kann."

Europas größte Volkswirtschaft war im Frühjahr wegen der ersten Welle der Pandemie in die Knie gegangen: Sie schrumpfte mit 9,8 Prozent so stark wie noch nie. Dem folgte im Sommer eine kräftige Erholung mit einem Wachstum von 8,2 Prozent. Auch diesmal rechnet Schmieding mit einer raschen Erholung. "Sobald die Restriktionen gelockert werden, wird die Wirtschaft das wieder aufholen", sagte der Chefvolkswirt.

© SZ vom 24.11.2020 / SZ/dpa
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