bedeckt München
vgwortpixel

Konjunktur:Ernüchtert ins neue Jahr

Exportwirtschaft

Schwache Export-Zahlen: Container im Hamburger Hafen.

(Foto: Axel Heimken/dpa)

Deutsche Exporteure und Maschinenbauer melden schlechte Zahlen, die Weltbank senkt ihre Prognose. Es gibt aber auch optimistische Stimmen.

Verfrühter Optimismus? Noch vor wenigen Wochen hatte Claus Michelsen, Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), einen "Silberstreif am Horizont" ausgemacht. Die Auftragslage der kriselnden Industrie habe sich zum Jahresende leicht verbessert, die Erwartungen hellten sich auf. Für 2020 rechnete das DIW mit einer leicht positiven Entwicklung. Nun liegen neue Exportzahlen vor - und die geben erneut Anlass zur Sorge: Im November sind die deutschen Exporte im Vergleich zum Vorjahresmonat um 2,9 Prozent gesunken. Auch die Weltbank korrigierte ihre Konjunkturprognose für 2020 um 0,2 Prozentpunkte nach unten.

Nach dem Krisenjahr 2019 soll die Weltwirtschaft zwar wieder um 2,5 Prozent wachsen, allerdings kommen die Impulse vor allem aus den Schwellen- und Entwicklungsländern. Die Volkswirtschaften der Industrieländer legen im Durchschnitt nur um 1,4 Prozent zu.

In den deutschen Unternehmen ist die Stimmung vorsichtig optimistisch. Der Geschäftsklimaindex des Münchener Ifo-Instituts stieg im November und Dezember, nachdem er zwölf Monate lang kontinuierlich gesunken war. Zur Zeit liegt er bei 96,3 Punkten. Die Experten verweisen vor allem auf die stabile Binnennachfrage. Durch Rentenerhöhungen und Steuersenkungen werden die deutschen Haushalte im kommenden Jahr entlastet und haben mehr Geld für den Konsum zur Verfügung. Die Bundesregierung rechnet deswegen für 2020 mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 1,0 Prozent, die Wirtschaftsforschungsinstitute liegen mit 1,1 Prozent knapp darüber.

Das Jahr 2019 war für die deutsche Wirtschaft eine Zäsur. Erstmals seit Ende der Finanzkrise fiel das Wirtschaftswachstum deutlich unter ein Prozent. Die Entwicklungen in den einzelnen Branchen waren dabei sehr unterschiedlich. "Den hellsten Lichtblick lieferte die chemische Industrie", erklärte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe der Nachrichtenagentur Reuters. Besonders für die Exportindustrie war 2019 aber ein Krisenjahr. Im vergangenen November lieferten die Unternehmen Waren mit dem Label "Made in Germany" im Wert von 112,9 Milliarden Euro ins Ausland. Das waren 2,9 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Besonders betroffen war die deutsche Automobilindustrie, die schon seit Längerem in der Krise steckt. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) den deutschen Herstellern "schwere Versäumnisse" vorgeworfen, nachdem die Autoexporte im Jahr 2018 um 8,8 Prozent gesunken waren. Ein Jahr danach zeigt sich ein fast unverändertes Bild. Der Negativtrend konnte nicht gestoppt werden. Im Gegenteil: Die Exporte brachen zwischen Januar und November um weitere neun Prozent ein. Durch den schwachen Export sank auch die Zahl der in Deutschland produzierten Personenwagen auf den niedrigsten Wert seit mehr als 20 Jahren. Auch der Maschinenbau leidet, was sich besonders beim Auftragseingang bemerkbar macht. Wie der Branchenverband VDMA bekannt gab, lag er im November 15 Prozent unter dem Wert des Vorjahres. Die Eskalation des Handelsstreits zwischen den USA und China und die lange andauernde Ungewissheit über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union belasteten weltweit die Konjunktur.

Deutschland leidet als exportorientiertes Land besonders unter der sinkenden Nachfrage. Eine Rückkehr zu den starken Wachstumszahlen früherer Jahre ist aktuell wenig wahrscheinlich. "Handelskonflikte und die eintrübende Weltkonjunktur werden deutliche Spuren in der Gesamtbilanz 2019 hinterlassen", sagt Holger Bingmann, Präsident des Außenhandelsverbandes BGA. Die politische Zuspitzung des Konflikts zwischen den USA und Iran hätten die Risiken für die Weltwirtschaft zu Beginn des Jahres verschärft. Der drohende Krieg im Nahen Osten sei ein weiterer Unsicherheitsfaktor für die Unternehmen, die sich ohnehin schon mit Investitionen zurückhielten. Auch Nils Jannsen vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel bleibt vorsichtig: "Insgesamt dürften zwar die stärksten Einbrüche hinter uns liegen, die Industrierezession ist aber noch nicht überwunden."

© SZ vom 10.01.2020
Zur SZ-Startseite