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Konjunktur:Düstere Aussichten

Die führenden Wirtschaftsinstitute korrigieren ihre Prognosen - leider nach unten. Es wird länger dauern, bis die Wirtschaft wieder läuft. Als größtes Risiko sehen die Ökonomen, dass die Lage unsicher bleibt.

Von Cerstin Gammelin, Berlin

Operations at Busan Port Terminal As Virus Grip on Economy Eases

Der Welthandel stockt, hier der Hafen Busan in Südkorea. Das spüren die deutschen Exporteure.

(Foto: SeongJoon Cho/Bloomberg)

Die Pressekonferenz der führenden deutschen Wirtschaftsforscher machte am Mittwoch schon vor Beginn klar, was sich da gerade im Land verändert. Ihren geplanten Auftritt in Berlin mussten die Ökonomen wegen der stark steigenden Corona-Infektionszahlen kurzfristig absagen. Ihr düsteres Herbstgutachten stellten sie dann nur per Online-Schalte vor.

Zwar sind die führenden deutschen Wirtschaftsinstitute optimistisch, dass die immer größeren Corona-Probleme in Deutschland das wirtschaftliche Wachstum nicht signifikant abbremsen. "Wir haben sehr viel gelernt über das Virus und können jetzt gezielt Hygienemaßnahmen treffen, die gleichzeitig wirtschaftliche Tätigkeit ermöglichen", sagte Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des Ifo-Instituts in München.

Die Herbstgutachter korrigierten ihre Prognose für dieses und nächstes Jahr aber um jeweils gut einen Prozentpunkt nach unten. Sie erwarten nun, dass das Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr um mehr als 5,4 Prozent zurückgeht, bezogen auf den Vorjahreszeitraum. Im kommenden Jahr könnte die Wirtschaft auf niedrigem Niveau um 4,7 Prozent wachsen, 2022 dann um 2,7 Prozent. Frühestens Ende nächsten Jahres werde das Niveau der Wirtschaftsleistung von vor der Pandemie wieder erreicht. Man sei bei den Kalkulationen nicht davon ausgegangen, dass es in der kalten Jahreszeit zu weiteren Lockerungen kommen werde, sagte Wollmershäuser. Aber auch einen zweiten Lockdown habe man ausgeschlossen.

Die Gutachter stellten der Krisenpolitik der Regierung grundsätzlich ein gutes Zeugnis aus. Weitere Finanzhilfen seien sinnvoll, wenn sie zielgerichtet ausfielen. "Solange wir Unternehmen über Hygienemaßnahmen beschränken, so lange sollten wir sie unterstützen", sagte Wollmershäuser. Uneins waren sich die Gutachter über die Wirkung der zeitweilig abgesenkten Mehrwertsteuer und die bis Ende 2021 verlängerte Kurzarbeit. Claus Michelsen, Gutachter des DIW in Berlin, forderte, man solle "das Kurzarbeitergeld an die konjunkturelle Entwicklung knüpfen". Die von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier angeregte Verlängerung und Anpassung von Überbrückungshilfen für kleine und mittlere Firmen sehen die Gutachter positiv. Wenn Gelder bislang nur wenig abgerufen worden wären, seien sie entweder nicht nötig - oder zu bürokratisch und müssten geändert werden, sagte Stefan Kooths, Konjunkturchef des Kieler IfW-Instituts.

Eindringlich warnten die Forscher vor einem zweiten Lockdown und vor unkoordinierten Infektionsschutzauflagen. "Die Konjunktur ist wieder angesprungen, weil die Menschen konsumiert haben", sagte Kooths. Man gehe davon aus, dass es keinen zweiten Lockdown gebe, sondern zielgerichtete Schutzmaßnahmen. "Wir sollten optimistisch sein, was das Lernen im Umgang mit Pandemien gebracht hat."

Bürger und Verbraucher spielen in dem Gutachten der fünf führenden Wirtschaftsinstitute eine herausgehobene Rolle. Auch weil sie im Frühling so viel Geld beiseitegelegt haben wie selten zuvor. Die Sparquote privater Haushalte sei im zweiten Quartal "historisch" emporgeschnellt, auf 21 Prozent des verfügbaren Einkommens, sagte Kooths. Damit seien dem Markt "150 Milliarden Euro Kaufkraft" entzogen worden. Würden Verbraucher dieses Geld jetzt investieren, könnte das der Konjunktur zusätzliche Impulse verleihen. Schon vor der Pandemie war das deutsche Wirtschaftswachstum zuletzt vor allem durch den Konsum privater Verbraucher angekurbelt worden.

Doch die Forscher rechnen zunächst mit einer gebremsten Erholung. Die wirtschaftliche Erholung verlaufe deutlich langsamer als im Frühling angenommen. "Das größte Risiko ist die Unsicherheit", heißt es. Diese betreffe vor allem Dienstleistungsbranchen, wo Menschen mit Menschen zusammenkämen. Dazu gehören Gaststätten, Tourismus und das Veranstaltungsgewerbe, aber auch der Luftverkehr. Viele Menschen zögerten, diese Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, weil sie Sorge hätten, infiziert zu werden. Aber auch die Unternehmer zögerten, in die Vollen zu gehen. Es herrsche Unsicherheit vor, etwa was Lieferketten betreffe, aber auch bei den Absatzmärkten. Die Exporte seien im Zuge der Krise besonders deutlich eingebrochen, schreiben die Gutachter. Ende 2022 könnte die Wirtschaft wieder normal ausgelastet sein. Welche längerfristigen Schäden die Pandemie hinterlasse und wie die massiven politischen Hilfsmaßnahmen wirkten, sei derzeit allerdings nicht abschätzbar.

Die Zahl der Arbeitslosen dürfte nur wenig ansteigen, die Quote sollte sich in diesem und im kommenden Jahr bei 5,5 bis knapp sechs Prozent einpendeln. Trotz der massiven Kurzarbeit seien bis zur Jahresmitte ungefähr 820 000 Stellen verloren gegangen, schreiben die Gutachter. Seither steige die Zahl der Erwerbstätigen wieder leicht an. Die Konjunkturprogramme hätten dazu beigetragen, dass die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte auch in der akuten Krise stabil blieben. Insgesamt führten die staatlichen Hilfen dazu, dass Deutschland in diesem Jahr mit einem Rekorddefizit von 183 Milliarden Euro abschließen werde. Auch in den kommenden beiden Jahren dürften mit 118 Milliarden Euro beziehungsweise 92 Milliarden Euro "beträchtliche Fehlbeträge" auflaufen. Das dürfte allerdings vor allem die nächste Bundesregierung interessieren. Die Koalition, die in einem Jahr nach der Bundestagswahl regieren wird, dürfte sich mit Spar- oder weiteren Schuldenprogrammen beschäftigen müssen.

Die Gutachter verwiesen ausdrücklich auf die Unsicherheiten der Prognose. Grundlage sei, dass die Infektionsschutzmaßnahmen im nächsten Sommer so weit ausgesetzt werden könnten, dass sie die wirtschaftliche Entwicklung nicht mehr nennenswert beeinträchtigen. Wie viele Unternehmen in der Pandemie Insolvenz anmelden müssten, sowohl im In- als auch im Ausland, sei derzeit schwer vorauszusehen, hieß es. Eine Finanzkrise sei - Stand heute - nicht zu erwarten.

© SZ vom 15.10.2020
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