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Kommunikation:Vom Stammtisch in die Netzwerke

Früher gab es Telefonapparate mit Wählscheibe, und bevor man den Hörer abhob, machte man sich Gedanken darüber, ob es ein Orts- oder Ferngespräch (je ferner, desto teurer) wird. Dann kamen Tastentelefone, die, angeschlossen an ein pfeifendes Modem, sogar den Weg ins World Wide Web zuließen, aber nicht gleichzeitig ("Hör auf zu telefonieren, ich muss ins Internet!"). Heute geht alles zusammen in einem Gerät, das aus gutem Grund Smartphone heißt. E-Mail, Instant-Messaging, Video-Telefonie: so viele Möglichkeiten mehr, mit anderen Leuten zu sprechen.

Leider hat das Internet damit aber auch Menschen eine Stimme gegeben, die sie zuvor nicht so laut und penetrant genutzt haben. Diskussionen verlagern sich vom Stammtisch in die Netzwerke und zwar auf dem gleichen Niveau. Eine der hässlichsten Folgen ist ein Phänomen namens Hatespeech, Hassrede. Wer sich zu bestimmten Themen kritisch oder überhaupt öffentlich äußert, wird schnell heftigst durchbeleidigt. Politisch gesehen sind das, von links nach rechts, Vorwürfe wie "Nazi" und "linksgrünversiffter Gutmensch". Ein Tiefpunkt war im November erreicht: Das Berliner Landgericht urteilte, dass die Grünen-Politikerin Renate Künast sich Bezeichnungen wie "Drecksfotze" und "Schlampe" gefallen lassen müsse: Es handele sich um "zulässige Meinungsäußerungen", wenn auch überspitzte. Was darauf, wie auch auf andere Aufreger folgte, ist der berüchtigte "Shitstorm", ein Wetterphänomen, das im Internet immerhin nur verbal auftritt.

© SZ vom 24.12.2019 / Katharina Kutsche
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