Kommentar:Platz zwei ist gut genug

Elisabeth Dostert
(Foto: Bernd Schifferdecker)

Kein Grund für Tränen: Deutschlands Maschinenbauer verlieren die Exportweltmeisterschaft an China.

Von Elisabeth Dostert

Jetzt bitte nicht weinen. Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau ist nicht mehr Exportweltmeister, das ist nun China. 2020 entfiel knapp ein Sechstel des gesamten weltweiten Außenhandelsvolumens mit solchen Gütern auf die Volksrepublik. Es ist ein weiterer Beleg, falls es überhaupt noch eines bedurfte, für die Wirtschaftsmacht Chinas. Deutschland liegt nur noch auf Rang zwei, aber was heißt schon nur: Das ist, wenn man die Exportzahlen in Bezug setzt etwa zur Bevölkerungszahl der beiden Staaten, weiterhin ein sehr guter Platz.

Mental hatte der Rest der Welt lange Zeit, sich auf den Aufstieg Chinas einzustellen. Der Aufstieg wurde systematisch politisch geplant. Schon 2015 verabschiedete die Regierung in Peking ihre Strategie "Made in China 2025", einen Plan für den Aufbau einer Industriemacht. Dazu, dass es die Volksrepublik schon 2020 zum Exportweltmeister bringt, hat die Corona-Pandemie beigetragen. Die Seuche nahm dort ihren Anfang, aber das Land hat sich schnell und kräftig erholt, während andere Länder noch darbten. Nicht auszuschließen, dass Deutschland im nächsten Jahr China wieder vom Spitzenplatz verdrängt, aber das wäre nur vorübergehend. In absehbarer Zeit wird die Volksrepublik sich dauerhaft an der Spitze festsetzen. Politik und Wirtschaft müssen sich darauf einstellen, damit umzugehen, und zwar besser als bisher.

Zum Aufstieg Chinas zum Exportweltmeister haben andere Nationen maßgeblich beigetragen, weil sie Technologie und damit Wissen transferiert und Produktion dorthin verlagert haben. Gründe dafür gab und gibt es viele: die schiere Größe des neuen Absatzmarktes, billige Produktionsfaktoren, auch wenn dieses Argument in den vergangenen Jahren deutlich an Kraft verloren hat.

Güter, die Unternehmen früher in ihren Fabriken in Deutschland und anderen Industrieländern hergestellt und nach China exportiert haben, produzieren die gleichen Unternehmen heute in ihren Fabriken in China - für den chinesischen Markt und für den Export. Gut ein Zehntel der 3300 Mitglieder des Branchenverbands des Maschinen- und Anlagenbaus (VDMA) produziert in China. Zahlen darüber, welchen Anteil sie an den gesamten Ausfuhren Chinas haben, gibt es allerdings nicht.

China scheint bei der Umsetzung des Plans für 2025 auf gutem Weg zu sein. Technologisch hat der Staat mächtig aufgeholt. Auf den Weltmärkten vor allem für Massenware wie Bau- und Landmaschinen oder Antriebstechnik konkurriert China heftig mit Anbietern aus Deutschland, den USA, Japan oder Italien.

Es gibt Möglichkeiten, im Wettbewerb mit China zu bestehen

Es ist ein extrem unfairer Wettbewerb, weil die Volksrepublik Exporte fördert und sich dabei nicht an die Vorgaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hält, die einen Wettlauf um Konditionen verhindern sollen. Muss China auch nicht, weil es kein OECD-Mitglied ist, könnte es aber. Ein Versuch, China in internationalen Verhandlungen dazu zu bewegen, sich an den OECD-Regeln zu orientieren, dürfte aussichtslos sein.

Da Chinas Stärke zunimmt, ist die Verhandlungsposition anderer Länder und ihrer Organisationen geschwunden. Aber die OECD könnte ihre Regeln ändern und damit die Exportkraft ihrer Mitgliedsländer stützen: Staatliche Exportförderung erhält Arbeitsplätze im Inland.

Deutsche Unternehmen sollten stärker auf die Bedürfnisse von Märkten eingehen, auf denen China stark ist und wo einfache, robuste und preiswerte Produkte gefragt sind. Auch die Entwicklung solcher Produkte ist Ingenieurskunst. Und Käufer, die mit einfachen, preiswerten Produkten und dem dazugehörigen Service gute Erfahrungen gemacht haben, halten dem Anbieter vielleicht auch dann die Treue, wenn sie sich mehr leisten können.

Es ist an der Zeit, den Kriterienkatalog für die Standortwahl deutlich zu erweitern. Die schiere Marktgröße genügt nicht, wenn sich ein Staat wenig um demokratische Werte und faire Arbeitsbedingungen schert. Solche Investitionen stärken nur Autokraten und Diktatoren. Klingt naiv? Vielleicht. Vielleicht war es auch naiv zu glauben, dass sich China durch Investitionen und Handel zu einem demokratischen Staat wandelt. Danach sieht es gerade nicht aus.

© SZ
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