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Kommentar:Notwendige Pleiten

Für Kunden und die Branche wäre die eine oder andere Versicherer-Pleite ein Segen. Denn sie könnte zu einem effizienteren und preisgünstigeren Markt führen. Das gilt auch, wenn große Unternehmen betroffen sind.

Von Herbert Fromme

Nach außen scheint alles ruhig bei den Versicherern. Aber intern brodelt es gewaltig. Die hohen Zinszusagen der Neunzigerjahre zehren an den Lebensversicherern. Damals hatten sie ihren Kunden eine Verzinsung bis vier Prozent auf ihr Erspartes versprochen - bis an das Vertragsende. Heute fällt es ihnen wegen der Niedrigzinsen immer schwerer, das zu verdienen. Dazu kommen striktere Aufsichtsregeln der EU. Die Finanzaufsicht Bafin hat eine ganze Reihe von Gesellschaften in "Manndeckung" genommen, wie sie es nennt. Sie begleitet jeden Schritt und versucht, die Risiken zu reduzieren.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass einzelne Gesellschaften dem Druck nicht mehr lange standhalten. Was passiert dann? In der Versicherungswirtschaft gibt es dazu eine klare Meinung: Der Staat muss die notleidenden Versicherer retten. Schließlich habe er mit der von der Bundesregierung gewollten Niedrigzinspolitik den Schlamassel erst angerichtet. Und außerdem müssen vor allem in der Lebensversicherung die Kunden geschützt werden. Es geht immerhin um einen Teil ihrer Altersvorsorge, argumentieren die Befürworter staatlicher Hilfen um jeden Preis.

Jeder Verbraucher ist für seine Auswahl selbst verantwortlich

Die Bundesregierung sollte sich darauf nicht einlassen. Seit Jahrzehnten gilt in Deutschland der Grundsatz, dass Versicherer nicht Pleite gehen. Sie werden immer irgendwie gerettet, aufgefangen oder fusionieren rechtzeitig - fast immer unter Mithilfe der Finanzaufsicht. Die wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel. 2002 musste die kleine Mannheimer Lebensversicherung aufgeben, weil sich der Konzern an der Börse verzockt hatte. Dazu kommt eine Reihe von Gesellschaften mit Mini-Umsätzen, die insolvent wurden. Aber für die große Mehrzahl gilt, dass den Gesellschaften - und ihren Managern - eigentlich nichts passieren kann, egal wie schlecht sie wirtschaften.

Die Existenz dieses Naturschutzparks ist in jeder Hinsicht schädlich. Der deutsche Versicherungsmarkt ist vergleichsweise teuer und ineffizient. Bei Gebäude-, Hausrat- oder Unfallpolicen gehen weit mehr als ein Drittel der Beiträge für Kosten drauf. Weil selbst sehr schlechtes Management nicht bestraft wird, können sich auch Gesellschaften und ihre Vorstände im Markt halten, die mit überhöhten Kosten ihre Kunden ausnehmen. Die IT-Systeme zahlreicher Anbieter sind veraltet, aber damit sind sie jahrelang durchgekommen. Beispiele gibt es genug. Da spucken Systeme großer Versicherer regelmäßig falsche Summen bei der Berechnung von Lebensversicherungsauszahlungen aus, Mitarbeiter müssen manuell kontrollieren. Andere haben Programme, die prinzipiell nur einmal in der Woche ausdrucken können. Erst die beginnende Digitalisierung sorgt dafür, dass auch diese Anbieter umdenken.

Es spricht vieles dafür, dass der Staat schlechte Versicherer pleitegehen lassen sollte, statt sie im Notfall zu retten. Natürlich ist das schrecklich für die Mitarbeiter, die an den Zuständen keine Schuld tragen. Doch so funktionieren strukturelle Veränderungen in einer Marktwirtschaft immer. Die Mitarbeiter haben recht, wenn sie für Abfindungen und Übergangshilfen kämpfen. Sie haben unrecht, wenn sie dafür sind, dass der Staat auch schlecht wirtschaftende Unternehmen um jeden Preis erhalten soll.

Und was ist mit den Kunden? Nach der Erfahrung mit der Mannheimer hat die damalige Bundesregierung ein staatliches Auffangsystem eingerichtet, um Lebensversicherungskunden bei Pleiten zu schützen. Mit dieser Aufgabe ist zurzeit Protektor betraut, eine brancheneigene Gesellschaft. Einen Notfallfonds für Opfer von Verkehrsunfällen gibt es auch, sollte der Versicherer des Verursachers insolvent sein. Das ist alles geregelt.

Aber für andere Schäden, auch am eigenen Auto, gilt dasselbe wie für alle Entscheidungen in der Marktwirtschaft: Jeder Verbraucher ist für seine Auswahl selbst verantwortlich. Wer meint, seinen Wagen bei einem Billiganbieter mit dubiosem Hintergrund versichern zu müssen, muss auch für die möglichen Konsequenzen geradestehen: Wenn er nach dem Blechschaden keine Entschädigung für den demolierten Kotflügel erhält, weil es den Versicherer nicht mehr gibt.

Für Kunden und Versicherer wäre die eine oder andere Pleite ein Segen. Sie kann zu einem effizienteren und preisgünstigeren Versicherungsmarkt führen. Dabei geht es nicht um den Widerspruch zwischen großen und kleinen Gesellschaften. Auch so mancher Versicherungsriese arbeitet höchst ineffizient. Viele kleine Gesellschaften sind technisch weit vorne und gut geführt. Sie können sich noch besser entfalten, wenn gescheiterte Schwergewichte verschwinden.

© SZ vom 25.07.2016

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