bedeckt München

Kommentar:Aussssssssssssm Weg!

Hausautomation kann das Leben bequemer machen, aber auskennen sollte man sich schon damit. Sonst wird's schnell unpraktisch und womöglich auch gefährlich.

Von Helmut Martin-Jung

Man lernt nie aus, auch nicht als Einbrecher. Künftig könnte es sich für diese Berufsgruppe lohnen, zur Arbeit auch eine Decke mitzunehmen. Um sie über ein Gerät zu werfen, das zwar recht unscheinbar aussieht, aber das ist nur Tarnung. Das kleine Kästchen eines großen US-Konzerns, das phänotypisch betrachtet auch ein Luftbefeuchter sein könnte, hat es in sich, oder vielmehr sie: eine kleine Kameradrohne. Vernimmt die ein ungewöhnliches Geräusch, klirrendes Glas zum Beispiel, macht sie sich sogleich auf den Weg, um nach dem Rechten zu sehen.

Da fällt einem beim Essen ein Löffel runter oder ein Glas, und ssssssssssssss, schon ist sie da und glotzt mit ihren Kameras, was da jetzt bloß los ist.

Nein, nein, man kann das bestimmt einstellen, Motto: wenn zu Hause, Kamera aus. Das Problem ist nur: Der ganze Gerätezoo, der nach und nach ein Haus bevölkern kann, erfordert viel Initiative. Zwar soll er einem das Leben erleichtern. Aber dann ist es doch wieder so, dass sich der Roboterstaubsauger an einem Lego-Baustein verschluckt, die Bluetooth-Verbindung zur Lampe aus unerfindlichen Gründen unterbrochen wird, und und und. Und da reden wir nur über Probleme, die sich mancher Nerd halt auch gerne selber schafft. Statt Modelleisenbahn sozusagen.

Das andere Problem, weit schlimmer, ist, dass viele der Geräte wahre Datenschleudern sind. Fernseher telefonieren nach Hause, melden dem Hersteller, was ihre Besitzer so gucken. Überwachungskameras, die eigentlich der Sicherheit dienen sollen, erlauben es Hackern, ins häusliche Wlan einzudringen. So können die Bilder, die die Kamera aufnimmt, ausgespäht werden. Es wurden aber auch schon Kameras massenweise für Hackerattacken auf Server missbraucht, ohne dass deren Besitzer etwas gemerkt hätten. Zwei Beispiele von vielen. Die erste Frage vor einem Kauf sollte daher immer sein: Brauch ich's wirklich? Und dann: Kommt auch der Rest der Familie gut damit zurecht?

Nichts gegen den technischen Fortschritt, aber man muss nicht jedem Trend hinterherlaufen

Weil es noch keine einheitlichen Standards gibt, sondern viele konkurrierende, passen nicht alle Geräte zu allen anderen. Das mag Anbieter freuen, die so hoffen, die Kundschaft hübsch im Gärtlein ihres eigenen Systems halten zu können. Das ärgert aber die Kunden, die - aus welchen Gründen auch immer - gerne ihre Waschmaschine mit ihrem Kühlschrank verbinden wollen.

Genau so, nur so werde es auch funktionieren, heißt es aus der Industrie. Nicht in einem einzelnen Gerät könne die gesammelte Intelligenz stecken, sondern die vielen müssten über ein gemeinsames Basis-System zusammenarbeiten. Solche Systeme gibt es auch schon, flächendeckend durchgesetzt hat sich aber noch keines.

Es ist aber auch zweifelhaft, ob man das überhaupt wollen soll. Dann müsste man den Anbietern viel Vertrauen schenken. Vertrauen, dass die einzelnen Gerätschaften wirklich nur das ausplaudern können, was ihr Job ist, und dass die Verbindung nach außen sowie untereinander so gut abgeschottet ist, dass es keinen Gewinn verspricht, ein Gerät zu hacken. Aber die traurige Realität sieht heute so aus: Bohrt man bei Geräten fürs sogenannte Internet der Dinge mal intensiv nach, tun sich erschreckend viele Lücken auf.

Und leider ist es eben so, dass Daten, die auf den ersten Blick völlig banal und belanglos erscheinen, in der Summe doch viel verraten können, zum Beispiel, wann ein Hausbesitzer zu Hause ist und wann nicht. Da mag das Licht noch so schön zufallsgesteuert aus- und angehen und eine Speziallampe einen laufenden Fernseher simulieren. Wenn der technisch versierte Einbrecher die Kamera des Roboterstaubsaugers hacken kann, sieht er halt trotzdem, dass keiner daheim ist. Aber auch aus bloßen Daten der Waschmaschine lässt sich einiges ablesen. Wenn die drei Wochen nicht gelaufen ist, wird aller Wahrscheinlichkeit nach keiner zu Hause sein.

Nichts gegen den technischen Fortschritt. Die Digitalisierung wird zunehmen, schon weil der Druck zu höherer Produktivität dazu zwingt, aber auch, weil sie ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man blind jedem Trend hinterherrennen muss. Nicht nur stellen sich die beworbenen Segnungen der vernetzten Haustechnik in der Praxis als doch nicht so dolle heraus. Wer nicht genau durchblickt, reißt auch womöglich ein Einfallstor auf.

Und dann sind da ja noch die Konzerne, die auch nur unser Bestes wollen, unsere Daten. Jedes Sprachkommando für Alexa und Co. zum Beispiel wird in den Rechenzentren der Anbieter ausgewertet, wenn man nichts dagegen tut, sogar gespeichert. Wie viel einem das alles wert ist, muss jede und jeder selbst abwägen.

© SZ/kö
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