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Kolumne: Das deutsche Valley:Weltmutführer gesucht

Marc Beise, 
Kol. das deutsche Valley

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise, Karoline Meta Beisel (Brüssel), Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Digitalpionier Philipp Depiereux will bewährte Tugenden von Familienunternehmen mit den brachialen Erfordernissen der Digitalisierung zusammenbringen. Dabei kann man scheitern - oder groß rauskommen.

Von Marc Beise

Normalerweise trifft man Philipp Depiereux im Tesla. Er kennt zwar alle Argumente gegen den kalifornischen Newcomer: schlechte Verarbeitung, lange Lieferzeit, mangelhafter Service, viel zu teuer. Nichts davon kann er so bestätigen, im Gegenteil: Er ist Tesla-Fan, der erste in seiner Familie. Eltern, Großeltern - alle saßen ihr ganzes Leben lang nahezu ausnahmslos in deutschen oder europäischen Autofabrikaten. "Mein Tesla-Kauf", sagt er, "war ein absoluter Gamechanger in unserer Familienchronik."

Warum Tesla? "Die Antwort ist einfach: Ich glaube fest daran, dass der Verbrenner bald der Vergangenheit angehört. Auch hat mich Elektromobilität als zukunftsweisende Technologie, neben anderen alternativen Antriebsarten, schon immer sehr beeindruckt. Neben dem Fahrgefühl überzeugte mich auch das Design mit seinem minimalistischen Cockpit und der vom iPhone gewohnten Usability." Depiereux, man merkt es an der Wortwahl, ist Unternehmensberater mit Digital-Fokus.

Sein Tesla ist vollgepackt mit Technik, allein neun Kameras. Auto und Projekt heißen Change-Rider: Philipp Depiereux macht Videos und Podcasts zum digitalen Wandel. Man sitzt also vorne links im Auto, Philipp daneben oder hinten, und redet über Digitalisierung. Wie schnell sie kommt, was sie verändert, ob Deutschland noch eine Chance hat in dieser neuen Welt.

Depiereux glaubt an Deutschland, an ein digitalisiertes Deutschland, aber es muss noch einiges passieren, sagt er. Dafür hat er einen neuen Begriff erfunden, Berater haben das drauf. Häufig allerdings kommt hinter einem mit viel Aufwand geborenen Begriff nix Kluges mehr nach, bei Philipp, auch wenn das jetzt anbiedernd klingen könnte, ist das anders. Sein Thema heißt "Mut".

Okay, klingt jetzt auch nicht sonderlich originell, aber er kleidet es immerhin originell ein. Er will, dass deutsche Unternehmen eines werden: "Weltmutführer".

Welt | mut | füh | rer - das sind, sagt Depiereux, "Unternehmen, die mit neuem Mindset" (na ja) "Bewährtes immer wieder hinterfragen sowie den (digitalen) Wandel aktiv vorantreiben. Sie sind bereit, ihr Geschäftsmodell und Wirken auf unsere Gesellschaft grundlegend zu verändern." Das klingt banal, aber Mut ist tatsächlich kein schlechtes Wort für das, was gebraucht wird.

Denn ein Unternehmen, dem es heute gut geht, zu drehen, damit es ihm morgen auch noch gut geht, das erfordert Weitblick und - Mut. Mut vom Vorstandsvorsitzenden, der von den Investoren abhängig ist; mancher Millionen-Euro-Mann wird da beschämend kleinlaut und eng im Kopf. Mut vom Nachwuchs im Familienunternehmen, wenn der Vater und Patriarch tobt, dass er sich zwar aus dem Geschäft zurückziehen wolle, aber nur wenn alles beim Alten bleibt. Mut vom Technik-Chef, der Geld für Innovationen beantragen muss, von denen er nicht weiß, ob sie sich auszahlen werden.

Weltmutführer, das soll natürlich an die Weltmarktführer erinnern, für die Deutschland berühmt ist. Häufig kleine Firmen, die Großes leisten, nirgends gibt es davon so viele wie in Deutschland. Wie es der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann mal im Fond seines Dienst-Daimlers sagte, als er in entfernten Weiten seines Ländles unterwegs war, die schwäbische Sprachfärbung jetzt bitte mitdenken: "Ha, in jedem Tal hier hascht Du einen Weltmarktführer." (Fürs Protokoll: Nicht selbst erlebt, aber zuverlässig berichtet.)

Technisch hervorragend - nur leider viel zu teuer

"Ja, noch sind wir das Land der Weltmarktführer", sagt Philipp Depiereux, "eine Tatsache, auf die wir zu Recht sehr stolz sind. Sie basiert jedoch zumeist auf herausragenden Innovationsleistungen aus der Vergangenheit. Aber die Zeiten ändern sich, rasend schnell."

Der 43-Jährige kennt Familienunternehmenskultur, er stammt aus einer Weltmarktführer-Familie, sein Großvater mütterlicherseits hat das Sanitär- und Heizungstechnik-Unternehmen Viega aufgebaut, das heute 1,7 Milliarden Euro Umsatz macht. Nach dem klassischen BWL-Studium wurde der Enkel selbst Geschäftsführer eines großen Mittelständlers, des Kunststofffolienherstellers Schoeller-Aldo, der Plastikfolien für Tiefkühlkost, Baumaterialien und Obst und Gemüse fertigte.

Dort war er zunächst erfolgreich, der Öko-Star der Branche, ehe er sein, wie er sagt, "persönliches Innovations-Waterloo" erlebte. Früher als andere setzte er auf Nachhaltigkeit, ließ eine vollständig biologisch abbaubare Folie entwickeln. Das Ergebnis war technisch hervorragend - nur leider viel zu teuer. "Das war vor mehr als fünfzehn Jahren, als Nachhaltigkeit noch kein Trendthema war. In einem hart umkämpften Markt, in dem um jeden Cent gefeilscht wurde, hatten wir keine Chance."

Aus der Niederlage hat er eine Tugend gemacht, begleitet seitdem digitale Transformationen als Berater, und sein Fazit nach Tausenden Projekten heißt: "In Deutschland denken wir gerne langfristig. Wir warten auf den perfekten Zeitpunkt und suchen nach den perfekten Lösungen mit perfekt ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Doch wir müssen loslassen lernen."

Erst das Risiko des Misserfolgs ermöglicht Erfolge, und da können die bewährte Kultur der Weltmarktführer und die neue Technik gewinnbringend zusammenfinden. Wäre ein gutes Thema für den Change-Rider. Nur mag man gerade nicht einsteigen. Zu zweit oder dritt im Tesla, heftig diskutierend, das gibt Corona in diesem Jahr nicht her. Schade eigentlich.

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