Kolumne "Das deutsche Valley" Geh doch raus!

Die besten Ideen hat man nicht im Büro. Deshalb suchen immer mehr etablierte Firmen eine kreative Heimat auf Zeit.

Von Ulrich Schäfer

Ganz oben in den Highlight Towers, den gläsernen Doppeltürmen auf dem Weg von der Münchner Innenstadt in Richtung Allianz Arena, war einst Deutschlands wichtigster Unternehmensberater zuhause. 32. Stock, ein sehr, sehr weitläufiges Eckbüro mit sehr, sehr hohen Decken, hinter dem Schreibtisch ein Gemälde von Georg Baselitz. Roland Berger, der Gründer der nach ihm benannten Unternehmensberatung, hatte sich das schönste Büro in einem der beiden Türme gesichert. Auf den Etagen darunter: seine Berater.

Vor ein paar Jahren sind die Berater dann aber ausgezogen, in ein bescheideneres Quartier nahe dem Englischen Garten, und lange war danach unklar, wer denn in Bergers Büro einziehen würde. Als Chef ganz oben im Hochhaus residieren: Das ist bei vielen Konzernen nicht mehr zeitgemäß, auch nicht bei IBM, dem amerikanischen IT- und Software-Konzern. Die Amerikaner bezogen in dem Turm die unteren Etagen und siedelten dort ihr weltweites Hauptquartier für das Internet der Dinge und den Supercomputer Watson an. Aber ganz oben?

Da zog schließlich Michael Schmutzer mit seinem Unternehmen Design Offices ein. Wobei das im Grunde nur halbrichtig ist: Denn Schmutzer schafft Büroräume, die er selber gar nicht nutzt, sondern anderen überlässt - manchen für ein paar Wochen, anderen für ein paar Monate, oft aber gleich auch für ein Jahr. Coworking Space nennen sich solche Arbeitsräume, die man flexibel anmieten kann, in der Sprache der digitalen Arbeitswelt. In Berlin gibt es diese hippen, flexibel buchbaren Büros zuhauf, im Silicon Valley sowieso, aber immer häufiger eben nun auch in München und anderen deutschen Städten.

Das Überraschende dabei: Diese Flächen werden längst nicht mehr nur von Start-ups genutzt, von Kreativen und Gründern, die sich noch kein eigenes Büro leisten können - sondern immer häufiger mieten sich dort auch etablierte Unternehmen ein, sogenannte Corporates, wie sie in der digitalen Welt genannt werden.

"Das sind unsere wichtigsten Kunden", sagt Schmutzer, der im Jahr 2008 in Nürnberg damit begonnen hat solche Büros zu schaffen. "Heute sind wir der größte Corporate-Coworking-Anbieter für die deutsche Industrie und den Mittelstand." Nirgends sonst mieten sich also so viele Teams aus alten, teils sehr alten Unternehmen ein, darunter große Autohersteller ebenso wie namhafte Industriekonzerne, um neue Produkte zu entwickeln, neue Arbeitsabläufe, neue Geschäftsmodelle.

13 Standorte in neun Städten betreibt Design Offices, mit insgesamt 2500 flexibelen Arbeitsplätzen auf bald 60 000 Quadratmetern. Und nicht selten schicken Schmutzers Kunden eigens zusammengestellte Teams mit 100, 150 und gelegentlich sogar 300 Leuten. Für ein paar Monate sollen sie außerhalb ihrer gewohnten Büros arbeiten, Innovationen hervorbringen und später dann die Ideen ins Unternehmen zurücktragen.

"Die Stunden außerhalb des Büros", schrieb Franz Kafka, "fresse ich wie ein wildes Tier."

"Manchmal ist es eben leichter, in einem überschaubaren Team Veränderungen zu beginnen, als gleich in einem ganzen Unternehmen", sagt Schmutzer. Damit das gelingt, unterscheiden sich die meisten Coworking Spaces deutlich von dem, was Innenarchitekten früher in Büros geschoben haben: In den beiden oberen Etagen der Highlight-Towers findet man eine Mischung aus modernen Design-Möbeln und Vintage-Produkten. Hier ein paar alte Sessel, dort ein schickes Sofa. Hier ein hoher Besprechungstisch, umsäumt von Barhockern, dort eine Sitzecke mit stylishen Lampen, wie man sie normalerweise eher in ein Wohnzimmer stellen würde. Die einst weißen Wände - auch jene Wand, wo Bergers' Baselitz hing - wurden übertüncht mit einem stählernen Grauton, der für ein wenig Loft-Atmosphäre sorgt. "Arbeiten", so lautet die Philosophie von Schmutzer, "soll nicht mehr nach Arbeiten aussehen".

In der Tat zeigen Studien, dass die kreativsten Ideen meist nicht in der gewohnten Arbeitsumgebung entstehen. So befragte zum Beispiel die Stuttgarter Beratungsfirma Iquodo, die sich auf kreative Arbeitswelten spezialisiert, vor zwei Jahren 502 Menschen, die in einer der innovativsten Gegenden der Welt tätig sind: im Viertel South of Market in San Francisco, der Heimat von Firmen wie Twitter, Airbnb und Salesforce. 84 Prozent der Befragten sagten, sie entwickelten die besten Ideen nicht an ihrem Arbeitsplatz, sondern anderswo: vor allem beim Baden (13,5 Prozent), auf dem Sofa (12,1 Prozent) oder beim Joggen (7,1 Prozent). Und wer dennoch die besten Ideen im Büro hat, führte das meist auf ein kreatives Arbeitsumfeld und den Austausch mit inspirierenden Kollegen zurück.

Das lehrt einen auch die Lebenserfahrung: Wenn man vor die Tür geht, sich aus der täglichen Routine von Konferenzen heraus begibt, schafft man oft mehr. Nicht selten haben Mitarbeiter die größten Geistesblitze beim Wandern oder Spazieren gehen, beim Joggen, Mountainbiken oder beim gemeinsamen Bier nach Feierabend. Wie heißt es so schön: Man muss den Kopf frei bekommen! Und ist der erst mal frei, fließen die Gedanken oft auch schneller.

Wie sehr das Arbeiten in einem monotonen Büro lähmen kann, hat im Jahr 1907 auch Frank Kafka aufgeschrieben, der große Schriftsteller, der zunächst als Versicherungsangestellter arbeitete. In einem Brief beklagte er sich damals: "Die Bürozeit nämlich lässt sich nicht zerteilen, noch in der letzten Stunde spürt man den Druck der acht Stunden wie in der ersten. Alle Menschen, die ähnlichen Beruf haben, sind so. Das Sprungbrett ihrer Lustigkeit ist die letzte Arbeitsminute."

Und dann? "Die Stunden außerhalb des Büros", schrieb Kafka, "fresse ich wie ein wildes Tier."