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Klimaschutz:Nicht ganz sauber

Fast bei allen Produkten, die unter dem Label "umwelt­freundlich" verkauft werden, müsste eigentlich "weniger umweltschädlich" stehen. So auch beim Shell-Konzept "klimaneutrales Tanken". Jeder zusätzliche Kilometer ist einer mehr, der die Umwelt belastet.

Große und kleine Firmen überbieten sich derzeit mit Ideen, wie sie in Zukunft grüner werden wollen. Der Konzern Shell will nun ab April "klimaneutrales Tanken" anbieten, in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Angebot soll freiwillig sein und einen Cent pro Liter Treibstoff kosten.

Klingt erst einmal gut: Umweltaktivisten fordern schon lange, Umweltschäden einzupreisen. Wenn es tatsächlich im Geldbeutel spürbar ist, wie viel CO₂ durch den Konsum ausgestoßen wird, könnte das im Idealfall das Bewusstsein dafür steigern, dass das eigene Verhalten Folgen für die Umwelt und auch für Menschen in anderen Teilen der Erde hat.

Wirklich neu ist die Idee von Shell aber nicht. Ähnliches gibt es schon, beispielsweise mit der Karte der Arktik GmbH, mit der man statt der EC-Karte bezahlt und dabei 2,5 Cent zusätzlich pro Liter an Projekte gibt, die CO₂ sparen. Auch bei Flügen und Schifffahrten gibt es solche Angebote.

Die eigentliche Idee dahinter ist vermutlich ohnehin nicht der große Bewusstseinswandel, sondern die Abschaffung des schlechten Gewissens. Oder wie es ein Anbieter bewirbt: "Klimaschutz kann so einfach sein." Dieser Slogan offenbart das Problem beim Tanken wie bei allen anderen Angeboten, die unter dem Schlagwort Nachhaltigkeit auf den Markt geworfen werden: Fast überall, wo "umweltfreundlich" drauf steht, müsste wohl korrekterweise "weniger umweltschädlich" stehen. Denn so, wie das umweltfreundlichste Kleidungsstück eben nicht ein neu produziertes Superfairtradeökoteil ist, sondern ein bereits vorhandenes, ist jeder zusätzlich gefahrene Kilometer einer mehr, der die Umwelt belastet. Und dahinter wiederum steht die viel größere philosophische Frage, ob Verzicht oder Innovation in Herstellung und Konsum die Lösung aus der Krise sind.

Dass sich der tankende Fahrer künftig philosophische Fragen stellt, ist unwahrscheinlich, das lassen andere Zahlen vermuten. Laut Umweltbundesamt kompensieren nur ein Prozent der Deutschen CO₂. In einer Umfrage, die das Amt mit dem Marktforschungsinstitut OnePoll und dem Unternehmen Viking durchgeführt hat, halten viele Menschen es für zu teuer, finden, sie sollten dafür nicht verantwortlich sein, vertrauen dem System Kompensation nicht oder verstehen es nicht. Selbst, wenn sie kein Geld zahlen, sondern beim Umweltschützen sparen können, überzeugt das nur eine knappe Mehrheit: 57 Prozent sind bereit, kürzere Strecken per Rad zu oder zu Fuß zu bewältigen. Theoretisch.

© SZ vom 06.02.2020