100 Jahre Grundig Der Untergang eines Patriarchen

100 Jahre Max Grundig: Er war Ton- und Bildmeister des Wirtschaftswunders, bis sich die Welt änderte, er aber nicht - von seinem Werk ist deshalb wenig übriggeblieben.

Von Uwe Ritzer

Zur Begrüßung schaltet Alexander Mayer ein Kofferradio ein, nicht irgendein Radio, sondern den Weltempfänger "Satellit 500" von Grundig. "Da! Teheran, die deutschsprachigen Nachrichten", sagt Mayer. Kurzwelle 15,0805 Megahertz. "Luftlinie 3500 Kilometer, das geht noch."

In den siebziger Jahren begann der Niedergang des fränkischen Unternehmens Grundig.

(Foto: Foto: dpa)

Weiches Rauschen umwölkt die Stimme der Nachrichtensprecherin. Es hört sich an wie früher, als Rundfunk noch nicht digitalrein klang, sondern nach Abenteuer. Alexander Mayer drückt weiße und graue Knöpfchen, dreht am Regler, und die wohl einen Meter hohe Antenne des "Satellit 500" holt die Welt in das verglaste Esszimmer am Stadtrand von Fürth.

"Vietnam kriegt man kaum rein", bedauert Mayer. "Auch Thailand ist schwierig." Aber hier, Radio Kairo, das ginge gut. Vorausgesetzt, das Wetter passt. "Das Gerät ist technisch perfekt", sagt der schlanke Mann mit der hohen Stirn. "1989 war es ein echter Trendsetter". Das war das Jahr, in dem Max Grundig starb.

Mit ihm ist Alexander Mayer, 48, quasi aufgewachsen. Wenn seine Familie zu Abend aß, saß Max Grundig unsichtbar mit am Tisch. An Vater Walters Gemütszustand konnte man die Laune seines Chefs ablesen. Viele Geschichten hat er von ihm erzählt.

Zum Beispiel, wie ein zorniger Grundig Prototypen, die ihm nicht passten, im sechsten Stock aus dem Fenster warf. Viele Jahre hat Vater Mayer Grundig für seinen sicheren Instinkt bewundert, den Geschmack der Kundschaft zu treffen.

Am Ende war er enttäuscht darüber, wie Grundig ihn, den Entwicklungsleiter Walter Mayer, kaltgestellt hat, der sogar sonntags mit Technikern an neuen Geräten tüftelte, in Alexanders Kinderzimmer.

Der Junge bekam zur Konfirmation ein Vierspur-Tonbandgerät geschenkt, selbstredend Marke Grundig. Als Student jobbte er bei Grundig am Band. Heute ist er Historiker und pflegt das Andenken an den Unternehmer: als Sohn anstelle des schwerkranken Vaters, und als Stadtheimatpfleger von Fürth.

Mayer hat gerade ein Buch über den berühmten Bürger geschrieben, dessen Geburtstag sich nächsten Mittwoch zum 100. Mal jährt. Max Grundig war der Ton- und Bildmeister des deutschen Wirtschaftswunders. Ein Pionier und Patriarch, ein charismatisches Genie und ein sturer Despot. Sein Aufstieg ist in der Geschichte dieses Landes beispiellos - ebenso wie sein Scheitern daran, dass die Welt sich veränderte, aber er sich nicht. Von Grundigs Werk ist deshalb bis heute nicht viel übriggeblieben.

Mit jedem Trümmerhaufen, den die Deutschen nach dem verlorenen Krieg wegräumten, war ihr Bedürfnis nach Unterhaltung gewachsen. Grundig lieferte ihnen die Radios und Fernseher, Tonbänder und Hi-Fi-Anlagen. Er stampfte ein Werk nach dem anderen aus dem Boden. In Nürnberg baute er sogar eine ganze Grundig-Stadt mit 10.000 Arbeitsplätzen und zwei Wohntürmen für die Beschäftigten.

In Spitzenzeiten standen 38.500 Menschen bei ihm in Lohn und Brot. Grundig selbst baute am Ende seines Lebens keine Radios und Fernseher mehr, sondern im Badischen das Luxushotel Bühlerhöhe. "Als er damit fertig war", erzählte einmal sein inzwischen verstorbener Biograf Egon Fein, habe Grundig ihn ratlos gefragt: "Jetzt hab' ich alles erledigt. Und, Fein, was mache ich jetzt?" Zwei Monate nach der Einweihung ist Max Grundig gestorben.

Feins Biografie ist ein in dunkelblaues Leinen gebundener Bildband, in dessen Umschlag goldene Lettern eingeprägt sind. Tausendfach hat man ihn an Betriebsjubilare verschenkt, und selbst überzeugte Gewerkschafter gaben dem Buch zu Hause einen Ehrenplatz. Bei vielen Grundig-Veteranen schwingt Bewunderung mit, wenn sie von ihm erzählen.