Süddeutsche Zeitung

100 Jahre Grundig:Der Untergang eines Patriarchen

Lesezeit: 6 min

100 Jahre Max Grundig: Er war Ton- und Bildmeister des Wirtschaftswunders, bis sich die Welt änderte, er aber nicht - von seinem Werk ist deshalb wenig übriggeblieben.

Uwe Ritzer

Zur Begrüßung schaltet Alexander Mayer ein Kofferradio ein, nicht irgendein Radio, sondern den Weltempfänger "Satellit 500" von Grundig. "Da! Teheran, die deutschsprachigen Nachrichten", sagt Mayer. Kurzwelle 15,0805 Megahertz. "Luftlinie 3500 Kilometer, das geht noch."

Weiches Rauschen umwölkt die Stimme der Nachrichtensprecherin. Es hört sich an wie früher, als Rundfunk noch nicht digitalrein klang, sondern nach Abenteuer. Alexander Mayer drückt weiße und graue Knöpfchen, dreht am Regler, und die wohl einen Meter hohe Antenne des "Satellit 500" holt die Welt in das verglaste Esszimmer am Stadtrand von Fürth.

"Vietnam kriegt man kaum rein", bedauert Mayer. "Auch Thailand ist schwierig." Aber hier, Radio Kairo, das ginge gut. Vorausgesetzt, das Wetter passt. "Das Gerät ist technisch perfekt", sagt der schlanke Mann mit der hohen Stirn. "1989 war es ein echter Trendsetter". Das war das Jahr, in dem Max Grundig starb.

Mit ihm ist Alexander Mayer, 48, quasi aufgewachsen. Wenn seine Familie zu Abend aß, saß Max Grundig unsichtbar mit am Tisch. An Vater Walters Gemütszustand konnte man die Laune seines Chefs ablesen. Viele Geschichten hat er von ihm erzählt.

Zum Beispiel, wie ein zorniger Grundig Prototypen, die ihm nicht passten, im sechsten Stock aus dem Fenster warf. Viele Jahre hat Vater Mayer Grundig für seinen sicheren Instinkt bewundert, den Geschmack der Kundschaft zu treffen.

Am Ende war er enttäuscht darüber, wie Grundig ihn, den Entwicklungsleiter Walter Mayer, kaltgestellt hat, der sogar sonntags mit Technikern an neuen Geräten tüftelte, in Alexanders Kinderzimmer.

Der Junge bekam zur Konfirmation ein Vierspur-Tonbandgerät geschenkt, selbstredend Marke Grundig. Als Student jobbte er bei Grundig am Band. Heute ist er Historiker und pflegt das Andenken an den Unternehmer: als Sohn anstelle des schwerkranken Vaters, und als Stadtheimatpfleger von Fürth.

Mayer hat gerade ein Buch über den berühmten Bürger geschrieben, dessen Geburtstag sich nächsten Mittwoch zum 100. Mal jährt. Max Grundig war der Ton- und Bildmeister des deutschen Wirtschaftswunders. Ein Pionier und Patriarch, ein charismatisches Genie und ein sturer Despot. Sein Aufstieg ist in der Geschichte dieses Landes beispiellos - ebenso wie sein Scheitern daran, dass die Welt sich veränderte, aber er sich nicht. Von Grundigs Werk ist deshalb bis heute nicht viel übriggeblieben.

Mit jedem Trümmerhaufen, den die Deutschen nach dem verlorenen Krieg wegräumten, war ihr Bedürfnis nach Unterhaltung gewachsen. Grundig lieferte ihnen die Radios und Fernseher, Tonbänder und Hi-Fi-Anlagen. Er stampfte ein Werk nach dem anderen aus dem Boden. In Nürnberg baute er sogar eine ganze Grundig-Stadt mit 10.000 Arbeitsplätzen und zwei Wohntürmen für die Beschäftigten.

In Spitzenzeiten standen 38.500 Menschen bei ihm in Lohn und Brot. Grundig selbst baute am Ende seines Lebens keine Radios und Fernseher mehr, sondern im Badischen das Luxushotel Bühlerhöhe. "Als er damit fertig war", erzählte einmal sein inzwischen verstorbener Biograf Egon Fein, habe Grundig ihn ratlos gefragt: "Jetzt hab' ich alles erledigt. Und, Fein, was mache ich jetzt?" Zwei Monate nach der Einweihung ist Max Grundig gestorben.

Feins Biografie ist ein in dunkelblaues Leinen gebundener Bildband, in dessen Umschlag goldene Lettern eingeprägt sind. Tausendfach hat man ihn an Betriebsjubilare verschenkt, und selbst überzeugte Gewerkschafter gaben dem Buch zu Hause einen Ehrenplatz. Bei vielen Grundig-Veteranen schwingt Bewunderung mit, wenn sie von ihm erzählen.

In ihren Erinnerungen fährt ein kleiner Mann im 600-er Mercedes-Pullmann vor das Werk, inspiziert die Hallen und spricht in knappem Fränkisch mit den Arbeitern. Sie respektierten - und sie fürchteten ihn. Wenn sie wussten, dass er kam, putzten sie die Maschinen und kehrten die Hallen. Er zahlte gut, und das soziale Netz war dicht. "Ein Großteil der Leute wäre für Max Grundig durchs Feuer gegangen", sagte einmal der langjährige Betriebsrat Dieter Appelt.

An seinem Fürther Esszimmertisch kramt Alexander Mayer aus vielen Mappen, Alben und Ordnern einen Grundig-Report hervor; so hieß die Firmenzeitschrift. "Damals hätte er seine Nachfolge längst geregelt haben müssen", sagt Mayer und legt die Doppelausgabe 3-4 des Jahres 1983 auf den Tisch.

Seitenweise handelt sie von Grundigs Feier zum 75. Geburtstag. Franz-Josef Strauß war da. Kanzler Helmut Kohl gratulierte per Telegramm. Das Fest im Fürther Hotel Forsthaus, das praktischerweise dem Jubilar gehörte, war eine einzige Lobhudelei. Im Nachhinein liest es sich wie Hohn, wenn Strauß damals "die Weitsicht, Umsicht und Entscheidungsfreude" Grundigs pries. Denn damit war es nicht mehr weit her.

"Irgendwann in den siebziger Jahren hat Grundig seinen Instinkt verloren", sagt Alexander Mayer. Als die ersten japanischen Konkurrenten mit ihren Radios und Fernsehern in Europa auftauchten, machte sich Grundig über die Billigheimer aus Fernost lustig. Gewiss, die Geräte waren preiswerter, aber seine technisch besser. Von wegen flotteres Design! Nur er wusste doch genau, was die Europäer wollen.

Mayer stellt einen "City boy 500" von Grundig auf den Tisch. Das Design des Kofferradios von 1971 ähnelt dem seines zehn Jahre alten Vorgängers. Die Modellreihe hieß schon 20 Jahre "Primaboy". Als wäre das Lebensgefühl in den Flower-Power-Siebzigern noch so wie in den frühen Nachkriegsjahren. "Man baute Radios und Fernseher, die aussahen, wie man sich in der Provinz moderne Geräte vorstellte", sagt Mayer. Max Grundig verstand die Welt nicht mehr und begann, sie zu ignorieren.

Ausgerechnet seine großen Stärken von einst wurden nun seine Schwächen. Ein Mensch, dem immer alles gelang, tut sich schwer damit, auf andere zu hören.

Max Grundig wuchs in einer armen Arbeiterfamilie im Nürnberger Kleine-Leute-Stadtteil Gostenhof auf. Er war 12, als sein Vater starb. Mit 14 begann er eine Kaufmannslehre, mit 22 machte er sich im benachbarten Fürth selbständig. Der Hausbesitzer pochte auf die Unterschrift seiner Mutter als Sicherheit, ehe er Grundig den Erdgeschossladen in der Sternstraße 4 vermietete.

Zwei Schaufenster, dazwischen die Eingangstür, ein Verkaufsraum, dahinter Büro und Werkstatt. Grundig verkaufte nicht nur Radios und Trafos, sondern reparierte sie auch. Die Geschäfte liefen, der Betrieb wuchs. Durch den Krieg kam Max Grundig listenreich und unbeschadet. Parteimitglied war er nie, und für 150 bei ihm eingesetzte ukrainische Zwangsarbeiterinnen soll er oft Sonderrationen organisiert haben.

Seinen Durchbruch brachte 1946 der Heinzelmann. Ein Radio zum Selberbauen, deklariert als eine Art Spielzeug und damit kein Verstoß gegen das Radio-Verkaufsverbot der Alliierten. Von jetzt an hielt Max Grundig scheinbar nichts mehr auf. "Monarch der Marktwirtschaft" wurde er genannt. Starke Könige sind misstrauisch, lassen niemanden neben sich groß werden und erst recht nicht mitregieren.

Je älter er wurde, desto herrischer regierte Grundig und desto mehr Manager verschliss er. "Sie gingen zu ihm mit weichen Knien", sagt Mayer. Doch wer Angst hat, ist nicht kreativ. Grundig selbst, der 14 Jahre in einer Dreizimmerwohnung gelebt hatte, umgab sich plötzlich mit Statussymbolen. Er kaufte sich ein Privatflugzeug, baute Villen und Europas größtes Farbfernseherwerk. Fünf Millionen Geräte konnten dort jährlich vom Band laufen. Allein, der Markt brauchte gar nicht so viel.

In einer prächtigen Villa umgeben von viel Grün am Europakanal in Fürth arbeitet Karl-Heinz Kleinschnittger. Wie Alexander Mayer verwaltet auch er das Erbe des Max Grundig, allerdings für die 1971 gegründete Max-Grundig-Stiftung. Früher sollte sie den Fortbestand des Unternehmens sichern, später die Interessen der Familie Grundig wahren.

Das tut sie bis heute. Nein, sagt Kleinschnittger, "Chantal Grundig gibt keine Interviews, und auch sonst niemand aus der Familie." Dreimal war Max Grundig verheiratet, seine letzte Frau war die 43 Jahre jüngere Chantal Rubert. 1981 heiratete er die Elsässerin. Um diese Zeit verlor der Unternehmer seinen letzten Kampf. In einem Brüsseler Konferenzraum versuchte er vergeblich, mit den Chefs anderer europäischer Unterhaltungselektronikfirmen ein Kartell zu schmieden.

Um das japanische VHS-System vom Kontinent fernzuhalten, sollte sein "Video 2000" zum europäischen Standard erklärt werden. Die anderen winkten ab. Viele von ihnen kooperierten bereits mit den Asiaten. Grundig flog nach Japan, um mit Panasonic zu verhandeln. Zu spät, dort brauchte man ihn nicht mehr. War Max Grundig also ein erstes großes Opfer der Globalisierung, lange bevor diesen Begriff jemand kannte?

In seiner Not holte er Philips als Teilhaber ins Unternehmen. 1984 übernahmen die Niederländer ganz das Kommando. Max Grundig kassierte dafür 600 Millionen D-Mark, plus 20 Jahre lang jeweils 50 Millionen Mark Leibrente für sich und seine Familie. "Er war ein Familienmensch", sagt Kleinschnittger. Tausende Beschäftigte verloren ihre Arbeitsplätze.

Den endgültigen Untergang seines Imperiums erlebte Max Grundig nicht mehr. Philips bekam die Probleme nie in den Griff. Nach Milliardenverlusten zogen die Niederländer 1997 die Notbremse. Das Siechtum ging weiter. Investoren kamen und gingen, die Politik griff vergeblich ein, und in der Presse wurde Chantal Grundig zur raffgierigen schwarzen Witwe erklärt, weil sie lange nicht auf ihre jährlichen 50 Millionen verzichten wollte.

Am 1. Juli 2003 meldete Grundig Insolvenz an. Die Firma wurde zerstückelt und häppchenweise verkauft. Eine Handvoll kleiner Unternehmen firmiert heute noch unter dem Namen Grundig. Mit dem Glanz von einst haben sie nichts mehr gemein. Zwei von ihnen sind in der ehemaligen Grundig-Stadt in Nürnberg angesiedelt.

Dort leuchtet über den beiden einstigen Grundig-Wohntürmen noch immer der Firmenname. Die heruntergekommenen Häuser dienten als Unterkunft für Asylbewerber. In der Konzernzentrale in der Fürther Kurgartenstraße ist heute das Rundfunkmuseum untergebracht. Max Grundigs Chefbüro ist eine Cafeteria.Alexander Mayer führt zum Abschied zu einem modernen, japanischen CD-Player in sein Wohnzimmer.

Er klingt, wie solche Geräte heutzutage eben klingen. "Jetzt hören Sie mal", sagt Mayer und schaltet ein 20 Jahre altes Steuergerät und ebenso alte Boxen von Grundig dazu. Plötzlich erfüllt ein voller, angenehmer Sound den Raum. So klingt sie also, die Vergangenheit.

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Quelle:
SZ vom 03.05.2008/jkr
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