Interview mit Werber Amir Kassaei:"Im Privatjet begreife ich das Leben nicht"

Lesezeit: 7 min

SZ: Sie haben kürzlich ein neues Unternehmen gegründet, Hubble Innovations. So wenig Vertrauen in die Werbebranche, dass Sie schon an Alternativen basteln?

Kassaei: In zehn Jahren werde ich wahrscheinlich nicht mehr in der Werbung arbeiten, zumindest nicht in der Werbung in ihrer derzeitigen Form. Hubble Innovations ist eher ein Think-Tank. Wir produzieren Innovationen, die das Leben der Menschen einfacher, besser und effizienter machen. Wir haben keine Kunden, sondern Partner. Wir können aus dem Wissen über Märkte, Technologien und Menschen andere Schlüsse ziehen als Unternehmen selbst und kommen zu ganz anderen Konzepten. Das Beste aus der Welt der Unternehmensberatung mit multidisziplinärer Kreativität.

SZ: Aber wollen die Unternehmen wirklich von ihren Werbeleuten gute Ratschläge, wie sie ihr Geschäft führen sollen?

Kassaei: Wenn wir den Anspruch haben, auch ein Unternehmen und seine Herausforderung zur Gänze zu verstehen, dann ja. Bei Reebok etwa bin ich auch für die Kommunikation verantwortlich. Aber mit Hubble beraten wir das Unternehmen von der Produktentwicklung bis hin zum Vertrieb. Meiner Erfahrung nach sind Unternehmenslenker viel eher bereit, innovative Wege zu gehen, als ihr Stab es einem weismachen will.

SZ: Tatsächlich?

Kassaei: Werbeagenturen sind üblicherweise nicht so irre, den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen, und ihren Kunden zu sagen: Die Kommunikation, die wir machen, hat keinen Mehrwert. Dabei wollen die Unternehmen das sogar. Vorstandsvorsitzende sind immer von Jasagern umgeben, die begrüßen das, wenn ihnen mal einer sagt, was er wirklich denkt. Es ist doch so: Wenn ich immer im Heck einer Limousine oder im Privatjet sitze, kann ich doch das wahre Leben nicht begreifen. Wie soll ich dann Produkte entwickeln, die die wahren Bedürfnisse von Menschen befriedigen und einen nachvollziehbaren Mehrwert haben? Das geht doch gar nicht. Man sollte mal eine Umfrage machen, wie viele Dax-Vorstände regelmäßig mit der Straßenbahn fahren oder im Supermarkt einkaufen. Das würde mich interessieren.

SZ: Sie gehen selbst in den Supermarkt?

Kassaei: Natürlich. Viele Menschen in Spitzenpositionen laufen Gefahr, in einer Scheinwelt zu leben, weil das so ein eigener Kosmos ist. Mit meinem Hintergrund bin ich da sicher weniger gefährdet. Wenn man das normale Leben kennt, zieht man auch für seine Arbeit die richtigen Schlüsse. Ob man Werbung macht oder Unternehmen dabei hilft, Innovationen zu produzieren. Ich weiß, wie es ist, auf 20 Quadratmetern zu leben, und das ist wichtig.

SZ: Und wie viele Quadratmeter hat Ihre Wohnung heute?

Kassaei: (lacht) Viel zu viele. Ich hab die Wohnung selbst ausgebaut, mit ein paar Kumpels. Wir haben für ganz wenig Geld eine Rohbaustelle gekauft und zweieinhalb Jahre gewerkelt. Aber ich könnte jederzeit auch wieder in eine 20 Quadratmeter-Wohnung ziehen, das wäre kein Problem für mich. Diese innere Freiheit haben nicht viele Menschen in meiner Position. Es ist immer noch alles besser, als Klos am Bahnhof zu putzen, oder sich eine Woche lang von zehn Scheiben Extrawurst zu ernähren. Oder mit 13 zuzusehen, wie zehn Meter weiter der beste Freund in einem Minenfeld zerfetzt wird.

SZ: Haben Sie damals auch jemanden erschossen?

Kassaei: Ja, mehrere.

SZ: Beschäftigt Sie das heute noch?

Kassaei: Ich habe nachts Albträume, und das wird auch immer so sein. Es wird im Laufe der Zeit weniger. Aber als ich vor fünf Jahren zum ersten Mal in Dubai war, das ist nur ein paar Kilometer südlich von der Frontlinie, an der ich damals gekämpft hatte, da wollte ich nur mal kurz raus aus dem Flughafengebäude, um eine Zigarette zu rauchen. Aber als ich durch diese Tür trat, war da plötzlich wieder diese ganz spezielle Luft, die gleiche Luft wie damals. Da kam plötzlich alles wieder hoch, all diese Bilder. Das war heftig, richtig heftig. Eigentlich gibt es kein Wort, das dieser Erfahrung gerecht wird.

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