bedeckt München 14°

Interview mit dem Wirtschaftsethiker Homann:"Wettbewerb ist solidarisch"

SZ: Wie bitte? Teilen gilt als eine der solidarischsten Verhaltensweisen überhaupt. Wettbewerb hat das eigene Wohlergehen im Blick.

Homann: Seit wir auf dem Telefonmarkt Wettbewerb zulassen, ist das Telefonieren so billig wie nie zuvor. Jetzt erst ahnen wir, wie viel Milliarden Euro uns der frühere Monopolist, die gelbe Post, aus der Tasche gezogen hat. Monopole sind brutal, sie beuten die Kunden aus. Das alte Mütterchen mit kleiner Rente, das seine sozialen Kontakte über das Telefon aufrecht erhält, hat vom Wettbewerb ganz klar profitiert.

SZ: Zeigt der Fall Nokia nicht vielmehr, dass Solidarität eine Floskel von gestern ist?

Homann: Keineswegs. Solidarität ist für mich die moderne Übersetzung für das christliche Gebot der Nächstenliebe. Doch was bedeutet Solidarität in einer Wettbewerbswirtschaft? Solidarität darf nicht bedeuten, dass wir den Wettbewerb bändigen wollen, als sei er ein wildes Tier. Um der Solidarität willen sollten wir den Wettbewerb forcieren, wie auf dem Telefonmarkt.

SZ: Die Nokia-Mitarbeiter, die ihre Arbeit verlieren, sehen das sicher anders. Ist unternehmerisches Handeln nicht auch daran zu messen, welche kurzfristigen Folgen es für die Arbeitsplätze hat?

Homann: Grundsätzlich nein. Die Arbeitsplätze stehen immer zur Disposition. Unternehmerisches Handeln ist daran zu messen, ob und wie weit es der Allgemeinheit und nicht den Arbeitsplatzbesitzern dient.

SZ: Unternehmer haben keine soziale Verantwortung gegenüber ihren Beschäftigten?

Homann: Doch, natürlich haben sie die. Unternehmer haben eine Fürsorgepflicht und für menschengerechte Arbeitsplätze zu sorgen. Wenn Unternehmer keine Verpflichtung gegenüber ihren Mitarbeitern zeigen, dann haben sie eine Belegschaft, bei der die innere Kündigung an der Tagesordnung ist. Das wirkt sich auch wirtschaftlich aus. Wertschöpfung erfolgt durch Wertschätzung. Deshalb wird kein Unternehmer leichtfertig Mitarbeiter entlassen. Das wäre ökonomisch nicht rational.

SZ: Der Nokia-Konzern handelt sozial verantwortlich, indem er Menschen entlässt?

Homann: Es kann in einer Marktwirtschaft keinen Bestandsschutz geben. Es gibt für Nokia aus ethischer Sicht auch keinen Grund, die deutschen Arbeitnehmer gegenüber den rumänischen zu bevorzugen. Allerdings müssen die Härten für die von Arbeitslosigkeit Betroffenen abgefedert werden. Wir müssen den Menschen die Chance geben, wieder in den Arbeitsprozess zu kommen. Dazu müssen wir die Arbeitnehmer besser qualifizieren und vor allem die Jugend gut ausbilden. Da geschieht leider zu wenig.