Süddeutsche Zeitung

Interview mit dem Wirtschaftsethiker Homann:"Wettbewerb ist solidarisch"

Verhält sich Nokia unanständig? Der Wirtschaftsethiker Karl Homann über die Globalisierung - und die Werksverlagerung des Handyherstellers.

Karl Homann, 64, hält die Verlagerung des Bochumer Nokia-Werks für folgerichtig. Aus ethischer Sicht gebe es für Nokia keinen Grund, die deutschen Arbeitnehmer gegenüber den rumänischen zu bevorzugen. Die Boykott-Aufrufe einiger Politiker hält Homann für blanke Heuchelei. Es sei verantwortungslos, diese Anti-Unternehmensstimmung anzuheizen.

SZ: Herr Professor Homann, verhält sich Nokia unanständig?

Karl Homann: Das hängt davon ab, wie man Anstand definiert. Wir leben in einer Wirtschaft mit globalem Wettbewerb und müssen mit einem forcierten Strukturwandel rechnen. Dazu gehören auch Werksverlagerungen ins Ausland, die deswegen nicht unanständig sind.

SZ: Ist es ethisch in Ordnung, dass Nokia die Öffentlichkeit vor vollendete Tatsachen gestellt hat?

Homann: Man kann dem Nokia-Management vorwerfen, dass es die Entscheidung verkündet, sie aber nicht ausreichend begründet hat. Die Entscheidung ist aber folgerichtig. Der Konzern muss auf seine zukünftige Wettbewerbsfähigkeit schauen und nicht darauf, ob er heute in Bochum profitabel ist.

SZ: Sind Werksverlagerungen wie bei Nokia Ausgeburten eines Turbokapitalismus?

Homann: Das sind populistische Schlagworte. Aber wenn Sie so wollen: Sie sind Ausgeburten eines stinknormalen Wettbewerbs, der die Bedingung unseres Wohlstands ist. Die Mehrheit profitiert davon, indem sie möglichst billig einkaufen kann.

SZ: Ist diese Geiz-ist-geil-Mentalität moralisch?

Homann: Wenn die Kunden das wollen, dann sollen sie dort einkaufen, wo sie die Ware am günstigsten bekommen.

SZ: Auch wenn das zu Lasten anderer geht?

Homann: Wettbewerb geht immer zu Lasten anderer. Er bringt aber auf lange Sicht uns allen die größten Vorteile. Letztlich ist Wettbewerb solidarischer als Teilen.

"Wettbewerb ist solidarisch"

SZ: Wie bitte? Teilen gilt als eine der solidarischsten Verhaltensweisen überhaupt. Wettbewerb hat das eigene Wohlergehen im Blick.

Homann: Seit wir auf dem Telefonmarkt Wettbewerb zulassen, ist das Telefonieren so billig wie nie zuvor. Jetzt erst ahnen wir, wie viel Milliarden Euro uns der frühere Monopolist, die gelbe Post, aus der Tasche gezogen hat. Monopole sind brutal, sie beuten die Kunden aus. Das alte Mütterchen mit kleiner Rente, das seine sozialen Kontakte über das Telefon aufrecht erhält, hat vom Wettbewerb ganz klar profitiert.

SZ: Zeigt der Fall Nokia nicht vielmehr, dass Solidarität eine Floskel von gestern ist?

Homann: Keineswegs. Solidarität ist für mich die moderne Übersetzung für das christliche Gebot der Nächstenliebe. Doch was bedeutet Solidarität in einer Wettbewerbswirtschaft? Solidarität darf nicht bedeuten, dass wir den Wettbewerb bändigen wollen, als sei er ein wildes Tier. Um der Solidarität willen sollten wir den Wettbewerb forcieren, wie auf dem Telefonmarkt.

SZ: Die Nokia-Mitarbeiter, die ihre Arbeit verlieren, sehen das sicher anders. Ist unternehmerisches Handeln nicht auch daran zu messen, welche kurzfristigen Folgen es für die Arbeitsplätze hat?

Homann: Grundsätzlich nein. Die Arbeitsplätze stehen immer zur Disposition. Unternehmerisches Handeln ist daran zu messen, ob und wie weit es der Allgemeinheit und nicht den Arbeitsplatzbesitzern dient.

SZ: Unternehmer haben keine soziale Verantwortung gegenüber ihren Beschäftigten?

Homann: Doch, natürlich haben sie die. Unternehmer haben eine Fürsorgepflicht und für menschengerechte Arbeitsplätze zu sorgen. Wenn Unternehmer keine Verpflichtung gegenüber ihren Mitarbeitern zeigen, dann haben sie eine Belegschaft, bei der die innere Kündigung an der Tagesordnung ist. Das wirkt sich auch wirtschaftlich aus. Wertschöpfung erfolgt durch Wertschätzung. Deshalb wird kein Unternehmer leichtfertig Mitarbeiter entlassen. Das wäre ökonomisch nicht rational.

SZ: Der Nokia-Konzern handelt sozial verantwortlich, indem er Menschen entlässt?

Homann: Es kann in einer Marktwirtschaft keinen Bestandsschutz geben. Es gibt für Nokia aus ethischer Sicht auch keinen Grund, die deutschen Arbeitnehmer gegenüber den rumänischen zu bevorzugen. Allerdings müssen die Härten für die von Arbeitslosigkeit Betroffenen abgefedert werden. Wir müssen den Menschen die Chance geben, wieder in den Arbeitsprozess zu kommen. Dazu müssen wir die Arbeitnehmer besser qualifizieren und vor allem die Jugend gut ausbilden. Da geschieht leider zu wenig.

"Wettbewerb ist solidarisch"

SZ: Politiker fordern den Boykott von Nokia-Handys. Was halten Sie davon?

Homann: Das ist sehr populistisch und blanke Heuchelei. Wenn wir alle im Ausland produzierten Produkte aus unseren Haushalten entfernten, dann wären unsere Wohnungen leer. Die Politiker verschlechtern mit solchen Boykottaufrufen die Stimmung gegenüber den Unternehmen in unserem Land. Sie behindern damit auch langfristig die Ansiedlung ausländischer Unternehmen in Deutschland, auf die wir dringend angewiesen sind. Der Markt ist heute ein Weltmarkt. In der Globalisierung ist es normal, dass deutsche Unternehmen im Ausland Arbeitsplätze schaffen. Im Gegenzug müssen ausländische Unternehmen nach Deutschland kommen. Deshalb ist es verantwortungslos, wenn Politiker die Anti-Unternehmensstimmung anheizen.

SZ: Zeigt der Fall Nokia, dass es zu wenig gesetzliche Regelungen für internationale Wirtschaftsverflechtungen gibt?

Homann: Jeder Wettbewerb braucht Spielregeln. Der internationale Wettbewerb hat in der Tat bisher noch relativ wenig Spielregeln. Daran müssen wir arbeiten.

SZ: Machen internationale Ethikstandards die globale Wirtschaftswelt menschlicher oder ineffizienter?

Homann: Sie machen sie menschlicher und damit effizienter. Wir dürfen nicht von diesem Gegensatz ausgehen. Wenn das Wirtschaftsleben menschlicher wird, dann zahlt sich das langfristig aus.

SZ: Wer Kindern die Bildung verweigert und sie zur Arbeit schickt, bleibt arm.

Homann: Ja, Kinderarbeit ist ein gutes Beispiel. Langfristig steigt der Wohlstand eines Landes, wenn es seine Kinder gut ausbildet. Die Frage ist jedoch, ob wir das gesetzlich regeln können. Denn wenn das Einkommen der Eltern so gering ist, dass die Kinder zum Einkommenserwerb beitragen müssen, dann führt das Verbot der Kinderarbeit beispielsweise die Mädchen in die Prostitution.

SZ: Was kann man dagegen tun?

Homann: Das Einkommen der Eltern steigern. Die Menschen wollen keine Kinderarbeit, sie können jedoch oft nicht anders überleben. In China geht die Kinderarbeit wegen des exorbitanten Wirtschaftswachstums deutlich zurück. Wenn der Wohlstand steigt, schicken die Menschen ihre Kinder nicht zur Arbeit, sondern in die Schule. Diese Entwicklung kennen wir aus unserer eigenen Geschichte ja nun auch.

Karl Homann ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

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SZ vom 29.01.2008/sho/mah
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