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Insolvenzverwalter in der Kritik:Ex und hopp

Sie sollen marode Firmen sanieren, doch häufig wicklen sie nur ab: Experten monieren, viele Insolvenzverwalter seien schlicht inkompetent.

Stefan Weber

Für seine Frühjahrstagung hat sich der Verband der Insolvenzverwalter Deutschland (VID) an diesem Wochenende einen besonderen Ort ausgesucht. Nicht Hamburg oder Bremen wie in den vergangenen beiden Jahren. Diesmal geht es nach Venedig. Dort gibt es viel zu besprechen, zum einen aus Sicht der Juristen Erfreuliches. Denn die Krise beschert den knapp 1900 in Deutschland tätigen Insolvenzverwaltern so viel Arbeit wie lange nicht.

Insolvenzverwalter, istock

Fachleute kritisieren die mangelnde Qualifikation: Viele Insolvenzverwalter stehen in der Kritik.

(Foto: Foto: istock)

Nach Schätzung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform werden in diesem Jahr etwa 35.000 Unternehmen Insolvenz anmelden müssen. Das wäre ein Anstieg von fast 18 Prozent gegenüber 2008. Viel stärker zeigt sich die Dramatik der Situation jedoch daran, dass vermehrt große Unternehmen in Schwierigkeiten geraten. Ob Schiesser, Märklin oder Rosenthal - in den ersten drei Monaten dieses Jahres stellten 16 Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 100 Millionen Euro Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres hatte es nur zwei Anträge von Firmen dieser Größenordnung gegeben.

Zwei Drittel des Vermögens für Verwertung

Ausgerechnet in dieser Situation gibt es Zweifel an der Professionalität der Verwalter. "Die überwiegende Mehrzahl der Treuhänder ist nicht ausreichend qualifiziert, um ein Unternehmen zu sanieren. Stattdessen geht es den meisten nur um eine schnelle Abwicklung. Da bleiben viele Firmen auf der Strecke", meint Hans Haarmeyer. Der ehemalige Richter und Professor an der Fachhochschule Koblenz gehört zu den führenden Insolvenzrechtlern in Deutschland. Er ist überzeugt, dass Tausende von Arbeitsplätzen und Milliardenforderungen der Gläubiger gesichert werden könnten, wenn die Insolvenzverwalter besser qualifiziert wären.

Nach Berechnungen von Haarmeyer werden im Durchschnitt mehr als zwei Drittel des Vermögens eines insolventen Unternehmens für dessen Verwertung und Verwaltung verwendet. "Statt die Gläubiger bestmöglich zu befriedigen, versorgt die Abwicklung eines Insolvenzverfahrens offenbar weitgehend und flächendeckend nur die Insolvenzverwalter und die mit ihnen verbundenen Strukturen", sagt der Jurist. Er kritisiert, dass viele Verwalter "Heerscharen von teuren Beratern" in die ihnen anvertrauten Firmen schicken, weil es ihnen selbst an Kenntnissen mangele.

Honorar an Erfolg koppeln

Der Professor hat ein Ranking entwickelt, um gute von weniger guten Insolvenzverwaltern zu trennen. Eines der 28 Kriterien, anhand derer die Einstufung erfolgt, ist die Quote, mit der die Ansprüche von Gläubigern befriedigt werden. Von 140 Treuhändern, die sich jetzt freiwillig dieser Prüfung unterzogen haben, erhielten 50 ein "Triple A" oder eine noch bessere Bewertung. Dennoch sind viele Verwalter auf Haarmeyer nicht zu gut zu sprechen. Er vergleiche Äpfel mit Birnen, meint etwa Frank Kebekus, Sprecher des Gravenbrucher Kreises, in dem sich viele überregional tätige Insolvenzkanzleien zusammengeschlossen haben. Haarmeyer dagegen verweist auf ein Gutachten der Universität Dortmund. Danach ist sein "Verfahren zur Messung der Leistungsfähigkeit von Insolvenzverwaltern" wissenschaftlich korrekt.

Der Insolvenzrechtler stört sich vor allem daran, dass nicht transparent ist, nach welchen Kriterien die Gerichte Verwalter bestellen. Und dass es niemanden gibt, der sie kontrolliert. Viel wäre nach seiner Einschätzung schon gewonnen, wenn die Honorierung stärker an den Erfolg gekoppelt würde. "Da lässt sich viel zu schnell viel Geld verdienen."

Haarmeyer steht mit seiner Kritik nicht allein. Selbst Siegfried Beck, den Vorsitzenden des Branchenverbandes VID, plagen Zweifel an der Qualifikation vieler Verwalter. Er zählt nur die Hälfte der Berufsangehörigen zu den "Vollprofis", die in der Lage sind, die Fülle der Aufgaben zu bewältigen.

© SZ vom 09.05.2009/tob
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