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Infineon:Gefragte Chips

Bilanz-Pk Infineon

Da kann man schon mal eine Fahne mehr hissen: Infineon profitiert von der Digitalisierung.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Das Halbleiterunternehmen Infineon macht mehr Umsatz, aber weniger Gewinn. In wichtigen Bereichen wirkt die Pandemie wie ein Beschleuniger.

Von Caspar Busse, München

Es gibt auch Menschen, die sind bei ihrer Arbeit besonders gut geschützt während dieser Corona-Pandemie. Die rund 20 000 Mitarbeiter in der Halbeiterproduktion bei Infineon etwa, die in den Reinräumen vollständig verhüllt in Ganzkörperanzügen tätig sind. Dazu kommen sehr gründliche Filteranlagen, die nicht nur für extrem saubere Luft bei der Chipfertigung sorgen, sondern auch das Eindringen aller Viren verhindern. "Einen besseren Infektionsschutz gibt es einfach nicht", sagte Infineon-Chef Reinhard Ploss am Montag. Infineon ist es bislang gelungen, die Produktion weitgehend aufrechtzuerhalten und lieferfähig zu bleiben. Die Mitarbeiter in den Werken erhielten deshalb eine Prämie.

Der Münchner Chip-Produzent, der vor 20 Jahren als Ausgliederung aus dem Siemens-Konzern angefangen hat, profitiert und leidet unter der Corona-Pandemie. Negativ schlägt vor allem zu Buche, dass die Autoindustrie ein wichtiger Kunde der Münchner ist, der weltweite Absatzrückgang bei Fahrzeugen macht sich deshalb besonders bemerkbar. Gut für Infineon ist dabei, dass in den Fahrzeugen generell immer mehr Elektronik verbaut wird, etwa für Steuerelemente bei Elektrofahrzeugen oder für Assistenzsysteme. "In der Krise profitieren wir davon, dass der Halbleiteranteil pro Fahrzeug kontinuierlich steigt", sagt Ploss. Hybrid- und Elektro-Fahrzeuge finden derzeit gerade in Europa immer mehr Käufer. In dem neuen E-Auto von Volkswagen, dem ID 3, steckten beispielsweise mehr als 50 Halbleiter von Infineon. Auch für Tesla liefert Infineon zu. Man habe früher als die Konkurrenz in diesen Markt investiert und könne so besser von der flächendeckenden Verbreitung von Elektrofahrzeugen profitieren, freute sich Ploss.

Gut für das Unternehmen ist auch der weltweit beschleunigte Trend zur Digitalisierung infolge der Corona-Pandemie. So bietet Infineon auch Halbleiter und Lösungen für Rechenzentren, Kommunikationsnetzwerke oder Energieanbieter an - all das ist derzeit massiv gefragt. Gleichzeitig nehme der Trend zu kontaktlosem Bezahlen zu, die Akzeptanz steige. Infineon stellt unter anderem Chips und Systeme für viele kontaktlose Technologien her und profitiert deshalb besonders. "Auch in schwierigen Zeiten ist unser Geschäft robust", sagte Ploss. Infineon könne dem heftigen weltweiten Konjunktureinbruch dank Diversifizierung trotzen. In einzelnen Bereichen wirke die Pandemie sogar als Beschleuniger. "Wir sind verhalten optimistisch", meinte der Vorstandschef. Für das neue Geschäftsjahr 2020/21, das Anfang Oktober begonnen hat, wird ein deutlicher Umsatzanstieg auf rund 10,5 Milliarden Euro erwartet, was aber vor allem auf die erstmalige vollständige Konsolidierung der neuen US-Tochter Cypress zurückzuführen ist. Die Umsatzrendite soll bezogen auf das Segment-Ergebnis auf 16,5 Prozent steigen und damit wieder auf das Vorkrisen-Niveau. Im vergangenen Jahr war diese auf 13,7 Prozent gesunken.

2019/20 war der Infineon-Umsatz zwar um sieben Prozent auf 8,57 Milliarden Euro gestiegen, der Jahresüberschuss brach aber um 58 Prozent auf nur noch 368 Millionen Euro ein. Infineon will deshalb auch die Dividende auf 22 Cent je Aktie kürzen, vor einem Jahr waren es noch 27 Cent gewesen. Dadurch spare das Unternehmen etwa 50 Millionen Euro, was in diesen unsicheren Zeiten wichtig sei. Die Infineon-Aktie, die im Dax-30 notiert ist, stieg am Montag zunächst deutlich an. An der Börse ist Infineon, einer der zehn größten Halbleiterhersteller weltweit, etwa 35 Milliarden Euro wert.

Mit Sorge blickt Ploss auf den anhaltenden Technologiestreit zwischen den USA und China. Er erwartet auch mit dem neuen US-Präsidenten Joe Biden keine schnelle Entspannung, auch wenn der Dialog jetzt kooperativer werden könnte: "Wir gehen nicht davon aus, dass sich der Wettbewerb um die Technologieführerschaft ändert." Europa müsse hier mehr tun und einen eigenen Weg finden: "Europa muss eine eigene Stärke und Souveränität entwickeln", forderte Ploss.

© SZ/koe
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