bedeckt München 23°

Idee aus Oxford für die EZB:500 Euro für alle

Damit die Wirtschaft in Schwung kommt, soll Europas Zentralbank jedem Erwachsenen 500 Euro schenken - so die Idee eines Professors der Universität Oxford. Ist die Lösung gegen sinkende Preise wirklich so einfach?

Von Markus Zydra

Es gibt Vorschläge, die Menschen einerseits verzücken, andererseits aber sofort große Skepsis hervorrufen. Wie wäre es beispielsweise mit der Idee, dass die Europäische Zentralbank (EZB) jedem Bürger der Euro-Zone Anfang Dezember 500 Euro überweisen würde? Einfach so. Als Geschenk. Damit das europäische Weihnachtsgeschäft mit einem zusätzlichen Umsatzbeschleuniger forciert wird.

Die Euro-Zone braucht ja dringend Wachstum, und Notenbanken können Geld aus dem Nichts schaffen. Ein Knopfdruck genügt.

"Wenn jeder der rund 275 Millionen Arbeiter und Rentner in der Euro-Zone einen Scheck in Höhe von 500 Euro erhielte, dann könnte die Nachfrage um 34 Milliarden Euro steigen. Das entspräche 1,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts", sagt John Muellbauer, Professor für Ökonomie an der Universität Oxford, der dabei unterstellt, dass die Empfänger nicht alles Geld ausgeben würden. Die Euro-Staaten, so Muellbauer, würden mehr Steuern einnehmen und könnten ihre Haushaltsschulden reduzieren. Das Wachstum in der Euro-Zone erhalte so den entscheidenden Impuls, meint Muellbauer. Könnte die Lösung so einfach sein?

Die Menschen haben in ihrer langen Geschichte immer wieder versucht, den Weg zum Wohlstand abzukürzen. Der Traum vom schnellen Reichtum, ohne dafür arbeiten zu müssen, entfaltet eine ungeheure Magie. Heutzutage sitzt die Alchemie in den Zentralbanken, die über die Notenpresse so viel Geld in Umlauf bringen können, wie ihnen lieb ist.

Die EZB hat mit ihren Billionen in den vergangenen Jahren vor allem die Banken versorgt. Der Leitzins liegt bei 0,05 Prozent. Geld gibt es damit nahezu umsonst, dennoch verleihen die Banken in Europa zu wenig, um einen Boom auszulösen. Die Wirtschaft wirkt phlegmatisch, zu wenig Investition, zu wenig Nachfrage. EZB-Präsident Mario Draghi fürchtet eine gefährliche Deflation. Die möchte er mit allen Mitteln verhindern, und zwar durch den Ankauf von Pfandbriefen und Kreditverbriefungen. Im Gespräch sind auch Staatsanleihen und Unternehmensanleihen. Theoretisch wäre es auch möglich, dass die EZB Gold und Aktien aufkauft. Doch wie verhält sich das mit einem respektablen Bürgergeld aus der Notenpresse?

Die Aktion gilt als letzte Waffe gegen sinkende Preise

Es war der frühere amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke, der im Jahr 2002 die Milton Friedman zugeschriebene Metapher vom "Helikoptergeld" aus der Konserve holte. Eine Notenbank, so die Idee, müsse in einer Deflation aus dem Helikopter über dem ganzen Land für die Verbraucher Dollarnoten abwerfen - bildlich gesprochen. Diese Maßnahme gilt als letzte Waffe gegen Deflation, in der sinkende Preise eine Wirtschaft zugrunde richten können. Japan erlebt das seit mehr als einem Jahrzehnt.

Auch bei der EZB denkt man über den Tag hinaus: Was tun, wenn alles nichts hilft? Vereinzelt und inoffiziell wird deshalb auch in den Fluren des Eurotowers und am Mittagstisch der Kantine über den Einsatz von Helikoptergeld diskutiert. Auf der Arbeitsebene, nicht im EZB-Direktorium. Die EZB sagt, das Helikoptergeld sei ein "nettes akademisches Thema", doch die "offizielle Maschinerie der EZB" werde das wohl nie aufnehmen. Bislang gebe es dazu in der Notenbank auch kein einziges offizielles Dokument.

Die Zurückhaltung ist verständlich, zumal es juristische Bedenken gibt, ob die EZB überhaupt Geld an Bürger verschenken dürfte. Verheerend wäre auch das Signal an die Bevölkerung: Die EZB spendiert Geld - warum dann noch arbeiten? Wenn die Notenbank einmal 500 Euro gibt, dann könnten es im nächsten und übernächsten Monat doch auch 1000 Euro sein. Daran könnte man sich als Verbraucher schon gewöhnen. Wann würde die Notenbank da den Schlussstrich ziehen? Die Idee vom Helikoptergeld scheint ebenso sehr verrückt zu sein, wie sie intellektuell stimuliert.

© SZ vom 19.11.2014/sana

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite