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Geldanlage:Auf dem Radar

Weltweite Rüstungsindustrie verkauft 4,6 Prozent mehr Waffen

Radare des Herstellers Hensoldt sollen sogar Kampfjets wie die F-35 orten können - obwohl die eigentlich unsichtbar sein soll.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Ethische Geldanlage, bei Finanzprofis ist das seit Jahren ein Thema. Nun geht ein deutsches Rüstungsunternehmen an die Börse - aber wer möchte in diesen Tagen damit noch Rendite machen?

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Dass die Börse bei vielen Menschen nicht sonderlich beliebt ist, mag auch an ihrer Einstellung zur Moral hängen. Früher, da machten am Parkett schließlich martialische Sprüche die Runde: "Kaufen, wenn die Kanonen donnern." Oder: "Zugreifen, wenn Blut über die Straßen rinnt." Finanzprofis? Die gelten vielen Privatleuten als Inbegriff der gewissenlosen Profitmaximierer. Und der Börsengang des Rüstungsunternehmens Hensoldt am Frankfurter Parkett scheint diese Vorurteile nun zu bestätigen - zumindest auf den ersten Blick.

Denn vielen Privatanlegern wird erst langsam klar, dass sich in der Fondsindustrie ein Gesinnungswandel zu vollziehen scheint: Statt auf Rendite um jeden Preis zu gehen, kann es vielen Fondsmanagern in letzter Zeit gar nicht grün, ethisch und nachhaltig genug sein. Vor kurzem meldete der deutsche Fondsverband BVI sogar, dass nun erstmals mehr als 100 Milliarden Euro in nachhaltige Fonds investiert sind. Da mag es nicht recht ins Bild passen, dass am Freitag dieser Woche allerdings ausgerechnet der Rüstungselektronik-Konzern Hensoldt an die Börse gehen will. Wer möchte in diesen Tagen noch Rendite mit Rüstung machen?

Hensoldt hatten bisher nur wenige Kenner auf dem Radar

Das Rüstungsunternehmen Hensoldt sitzt am südlichen Rand Münchens, die Universität der Bundeswehr ist nicht weit, Airbus sitzt um die Ecke, die Straßen heißen hier "Lise-Meitner-Straße" oder "Lilienthalstraße". Hensoldt selbst produziert keine Waffen, keine Bomben oder Kriegsschiffe, das Rüstungselektronik-Unternehmen stellt vor allem Radare her. Was zunächst unverdächtig klingt, kann jedoch konkret militärisch genutzt werden: Hensoldts Sichtgeräte stecken in Kampfflugzeugen wie dem Eurofighter, rotieren in Fregatten - und in Panzern sollen Radare und Kameras von Hensoldt den Soldaten künftig gar einen 360-Grad-Rundumblick nach innen liefern. "Viele Investoren werden Hensoldt attraktiv finden, weil es ein Hochtechnologie-Unternehmen ist", sagt Finanzprofessor Christoph Schalast von der Frankfurt School of Finance and Management. Nicht ohne hinterherzusetzen: "Ich bedauere das, aber die Rüstungsausgaben global dürften nun einmal steigen."

Um bei den Anlegern nicht sofort unter Beschuss zu kommen, hat das Unternehmen seine Börsenstory auf dem Papier gut vorbereitet: Man sei eigentlich gar kein Rüstungsunternehmen, sondern bloß ein "Verteidigungselektroniker". Diese Beschwichtigung war wohl auch nötig, damit manche Fondsmanager die Aktie nicht sofort von ihrer Auswahlliste streichen. Doch rund 80 Prozent seiner Umsätze macht Hensoldt eben im militärischen Bereich, zivile Überwachungsanlagen für Großveranstaltungen oder die Flugsicherung machen nur einen kleinen Teil des Geschäfts der Taufkirchener aus.

Dass diese Gesamtlage an der Börse inzwischen doch ein Hemmschuh sein kann, zeigte sich am Mittwochabend: Insgesamt bringt der Börsengang dem Unternehmen zwar rund 460 Millionen Euro ein, den Ausgabepreis für eine Aktie legten die Banken jedoch bei zwölf Euro fest. Und genau diese Zahl ist pikant: Denn eigentlich hatte das Unternehmen eine Preisspanne von zwölf bis 16 Euro angepeilt. Dass man den Aktien nun ein vergleichsweise günstiges Preisschild anheften musste, kann auf eine Zurückhaltung der Investoren zumindest hindeuten. "Fondsmanager werden sich schwer tun, so eine Aktie ins Buch zu holen", sagt Finanzprofessor Volker Brühl vom Center for Financial Studies. Schon bei Sensoren reagieren manche offenbar sensibel.

Anleger setzten auf den Waffen-Effekt an der Börse

Lange waren Rüstungsunternehmen bei den Profianlegern durchaus beliebt, gerade in turbulenten Zeiten galten sie manchen als krisenfeste Sicherheitsanker im Depot. Das zeigt sich auch in Zahlen: Während der amerikanische Leitindex S&P500 in den vergangenen fünf Jahren um um 68 Prozent gestiegen ist, hat der Branchenindex NYSE Arca Verteidigung um 127 Prozent zugelegt. Auch im Frühjahr und Sommer zeigte sich der Waffen-Effekt an der Börse: Vor dem Hintergrund von Corona und Massenunruhen in den USA kletterte der Kurs des Pistolenherstellers Smith Wesson von rund fünf Dollar auf über 20 Dollar in der Spitze.

Viele Privatanleger dürften angesichts solcher Kursreaktionen bloß den Kopf schütteln. So zeigte eine repräsentative Umfrage der Verbraucherzentrale Bremen, dass für rund 80 Prozent der Anleger Waffenunternehmen ein Tabu sind. Wer das am Ende tatsächlich ausschließen will, sollte jedoch seine Anlagen gut durchkämmen. Denn auch in manchen beliebten deutschen Privatanlegerfonds stecken zum Beispiel Aktien von Unternehmen wie Raytheon oder Leonardo, die bei Radarsystemen Mitbewerber des Börsenneulings Hensoldt sind. "Anleger wissen zum Teil gar nicht, dass in ihren Fonds auch Waffen stecken", sagt Rüstungsexpertin Kathrin Petz von der Nichtregierungsorganisation Urgewald.

Selbst in beliebten Anlageprodukten können Waffen stecken

Wer sich einen Überblick verschaffen will, wie ethisch der eigene Fonds aufgestellt ist, kann zum Beispiel die Seite "faire-fonds.info" ansteuern - ein Angebot der Nichtregierungsorganisation Facing Finance und von Brot für die Welt. Dort lässt sich schnell sehen, welche Fonds an Rüstungsunternehmen beteiligt sind. Eine andere Anlaufstelle ist "geld-bewegt.de" von den Verbraucherzentralen.

Doch auch beliebte Weltbörsen-Indizes wie der MSCI World umfassen Rüstungsaktien: Wer 100 Euro in den Industrieländer-Index schiebt, kauft immerhin mit 61 Cent auch Aktien von Unternehmen, die an Geschäften mit umstrittenen Waffen beteiligt sind - wie zum Beispiel Streumunition, Landminen oder Brandwaffen. "Wer nicht will, dass sein Geld in Waffen fließt, sollte das auf jeden Fall überdenken", sagt Rüstungsexpertin Petz.

Alternative Angebote zu finden, ist jedoch gar nicht so einfach. Nicht alle Fonds, auf denen ein grün-ethisches Label klebt, liefern am Ende auch tatsächlich durch und durch ein gutes Gewissen. Manche ethische Fonds schließen zum Beispiel nur Unternehmen aus, die mehr als fünf Prozent ihres Geschäfts mit Rüstung machen. Dass jedoch in großen, breit aufgestellten Industriekonzernen selbst fünf Prozent Rüstung am Ende ein großes Geschäft sein können, bleibt da unberücksichtigt.

Da mag es überraschen, dass in den USA ausgerechnet eine Gruppe Nonnen mit besonderer Leidenschaft in Waffen-Aktien investiert. Ihre Idee: Statt die Aktien einfach zu verkaufen, wollen sie den Managern als Miteigentümer der Unternehmen lieber mächtig Dampf machen.

© SZ/ma/sry
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