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Europäische Zentralbank:Geld vom Himmel

Wissenschaftler fasziniert die Idee, dass Notenbanken Bürgern Geld schenken könnten, um die Konjunktur zu fördern. Die EZB aber ignoriert das Thema "Helikoptergeld".

Von Markus Zydra, Frankfurt

Es regnet Dollarscheine, abgeworfen aus einem Helikopter, und die Menschen auf der Erde sammeln diese begierig auf. Der amerikanische Ökonom Milton Friedman ersann dieses Gedankenspiel, um den Zusammenhang von Geldmenge und Inflation zu illustrieren. Die Brüder Grimm und das Märchen "Sterntaler" lassen grüßen - aus aktuellem Anlass grüßen aber auch Mitglieder des EU-Parlaments: Eine kleine Gruppe Abgeordneter aus verschiedenen Fraktionen haben sich in einem Brief an Christine Lagarde gewandt: Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank möge sich doch endlich das trauen, was andere Zentralbanken schon länger tun: Das Thema Helikoptergeld auf die Agenda nehmen. Doch für die EZB bleibt das ein großes Tabu. Lagarde antwortete schmallippig: Man habe sich offiziell nicht damit beschäftigt.

In der Eurozone sinkt die Inflation, die EZB gibt den Banken Geld, um Preise und Wirtschaft anzukurbeln. Kritiker meinen, die Notenbank solle das Geld lieber direkt an die Bürger überweisen. Zum Beispiel 1000 Euro an jeden. Doch wie oft? Einmal, zweimal oder regelmäßig jeden Monat? Und an wen? Wirklich an jeden Bürger, auch an die Reichen? Man sieht schon, mit dem Helikoptergeld stellen sich zutiefst politische Fragen, die nach Ansicht der EZB eher vom Parlament denn von der Notenbank beantwortet werden sollten. Aber deshalb die Idee komplett ignorieren?

Sven Giegold, EU-Parlamentarier der Grünen, sagt dazu: "Man kann kaum glauben, dass sich in der EZB niemand mit dem prominenten Thema beschäftigt haben soll, das würde ja an Arbeitsverweigerung grenzen. Aber ich halte wenig davon, dass die EZB Geld an die Bürger verschenkt." Vielmehr solle die Notenbank ihre Geldpolitik mehr an Gemeinwohlkriterien ausrichten. Kredite für Immobilienspekulation etwa müssten erschwert und grüne Investitionen begünstigt werden, meint Giegold.

Geld direkt zu verteilen, sei effizienter, als es Banken zu geben

Immerhin: Lagardes Vorgänger Mario Draghi hat das Helikoptergeld einmal als "interessantes Konzept" bezeichnet, mehr aber auch nicht. "Unter dem Begriff Helikoptergeld kann man viel verstehen. Sollte die Notenbank direkt Geld verschenken an die Bürger, so wäre das zum einen mit großen Problemen bei der Umsetzung verbunden", sagt Dirk Schumacher, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung in Europa der Investmentbank Natixis. Zum anderen greife die Notenbank dann noch direkter in die Wirtschaft ein, was eigentlich nicht ihre Aufgabe sei. Schumacher würde bei einer Umsetzung juristische Klagen erwarten. "Schon die aktuellen Anleihekäufe sind ja massiv umstritten."

Die Befürworter von Helikoptergeld meinen: Die Bürger würden den Betrag sofort ausgeben, was Wirtschaft und Konjunktur fördere. Diese Strategie sei daher effizienter, als das Geld den Banken zu geben, die es erst verleihen müssten. Andererseits: Viele Menschen sparen aktuell eher, als dass sie Geld ausgeben. "Die Effekte von Helikoptergeld wären sehr heterogen", schreiben die Autoren einer aktuellen Studie der Oesterreichischen Nationalbank. Am ehesten würden Haushalte mit niedrigem Einkommen das geschenkte Geld sofort wieder ausgeben. Auch die Bank of England möchte mit ihren Spezialisten das Sujet weiter erforschen. Ungewöhnliche Situationen erfordern frisches Denken.

Aber im Frankfurter Eurotower herrscht Schweigen. Man fürchtet den Vorwurf, die Notenbank plane eine illegale Staatsfinanzierung. "Doch ich bin sicher, dass in der EZB darüber diskutiert wird", sagt Chefvolkswirt Schumacher: "Und wenn es nur beim Essen ist."

© SZ/sana
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