bedeckt München
vgwortpixel

Hauptversammlung bei Thyssen-Krupp:Veranstaltung der Vorwürfe

Krisen wie die bei Thyssen-Krupp kommen nicht oft. Selten stand ein Dax-Konzern so im Fokus. Selten hat sich ein Unter-nehmen solche Fehler geleistet. Der Stahl- und Maschinenbaukonzern hatte sich den Bau von zwei Stahlwerken in Brasilien und den USA zugetraut. Diese Anlagen können den Konzern noch in den Abgrund reißen, denn sie haben existenzbedrohende Verluste eingebracht. Wenn diese Anlagen nicht bis Ende September verkauft werden, würden die Milliardenverluste auch noch den Rest des Eigenkapitals fressen.

Dazu kommen unerlaubte Preisabsprachen und Pressegeschichten über luxuriöse Reisegewohnheiten von Vorstandsmitgliedern und Aufsichtsräten. Drei von sechs Vorstandsmitgliedern wurden inzwischen gefeuert. Aber der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme tut so, als trage er keine Verantwortung für die Misere. Er werde auf keinen Fall zurücktreten. Diese Haltung stößt auch hier, bei den Aktionären in Bochum, auf Unverständnis.

Das Desaster für Cromme beginnt kurz nach Start der Veranstaltung, als er ankündigen muss, dass ein Aktionär beantragen will, ihn als Versammlungsleiter abzuwählen. Da braust Beifall auf, und der Kühle ist bereits angezählt. Cromme bellt in sein Mikrofon: "Ich sehe dafür keinen Grund." Der aufmüpfige Redner lässt sich nicht beirren und fährt fort: "Sie haben ihre Aufgabe nicht erfüllt!". Wieder kommt Beifall. "Ich werde diesen Antrag nicht zur Abstimmung stellen", faucht Cromme in den Saal. Da gibt es sogar Pfiffe. Es ist vorbei mit Crommes Ruhe. Er verzettelt sich, stottert herum und vergisst fast, korrekt die Tagesordnung bekanntzugeben.

Es ist eine Veranstaltung der Vorwürfe. Selten wurden auf einem Aktionärstreffen so wenig Fragen gestellt, es wird ausgeteilt. Viele Aktionärsvertreter kündigen an, den Aufsichtsrat nicht zu entlasten. Der Grund: Das Kontrollgremium habe sich zu viele Verfehlungen geleistet. Wieviele Nein-Stimmen es bei der Entlastung gibt, das ist ein wichtiges Indiz für das Ansehen eines Managers.

"Heinrich der Löwe" soll den Konzern retten

Ein fast hämisches Lachen geht durch den Saal als der Umstrittene mitteilt, der Aufsichtsrat habe angesichts der Misere beschlossen, auf die Hälfte seines Gehalts zu verzichten. Crommes also erhält etwa 100.000 Euro weniger, aber das kommt bei den Aktionären nicht gut an. Er hätte wohl besser nichts zu diesem Thema gesagt. Nur selten geht die Diskussion vom Aufsichtsratsvorsitzenden weg. Cromme kann sich davon nichts kaufen: Denn dann feiern die Aktionäre den seit zwei Jahren amtierenden Vorstandschef Heinrich Hiesinger als Retter. Einer bezeichnet den neuen Mann, den Cromme selbst vor zwei Jahren von Siemens abgeworben hatte, theatralisch sogar als "Heinrich den Löwen".

Hiesinger hatte freimütig eingeräumt, ihm sei anfangs "nicht annähernd bewusst gewesen, wie tiefgreifend der nötige Veränderungsprozess sein würde". Er gilt als der Mann, der den Cromme-Konzern verwandeln soll, von einem Konzern der Seilschaften und der Intransparenz in ein neues Unternehmen "der Offenheit, Ehrlichkeit und gegenseitiger Wertschätzung". Fast jeder der Redner fordert den Neuanfang - auch für den Aufsichtsrat.

Der bedrängte Cromme arbeitet daran, seine gewohnten Souveränität zurückzufinden. Er räumt en passant ein paar Fehler ein. "Hinterher ist man immer klüger", sagt er locker dahin. "Wir sind auch betroffen." Im Auditorium rührt sich keine Hand. Ein Aktionär zitiert die Sottise des legendären Deutsch-Bankers Hermann Josef Abs, es sei leichter eine eingeseifte Sau am Schwanz zu packen, als einen Aufsichtsrat zur Verantwortung zu ziehen. Hohngelächter im Saal. Es hilft Cromme auch nicht, dass er treuherzig zu Protokoll gibt, der Aufsichtsrat habe gute Arbeit geleistet: "Es wurde gehandelt. Wir hatten die Kraft, Fehler zu entdecken."

Die Stimmung des Gescholtenen wird erst besser, als es auf den Abend zugeht. Er ist entspannter und macht wieder Scherze. Aber da sitzen nur noch ein paar Versprengte im Saal. Es drohen keine verbalen Attacken mehr. Spät dann, es ist schon fast 22 Uhr, sozusagen das amtliche Endergebnis der Abrechnung im Ruhrkongress: Cromme bekommt von den Aktionären ein Zustimmungsergebnis von 69,16 Prozent, im vergangenen Jahr waren es 94 Prozent. Einziger Trost: Andere Kontrolleure schnitten noch schlechter ab.