Kommentar:Europa braucht Chip-Fabriken

Infineon Technologies AG Open New Automated Chip Plant

Ein sogenannter Wafer in der neuen Infineon-Fabrik in Villach: Aus dieser Scheibe werden am Ende die einzelnen Chips gesägt.

(Foto: Akos Stiller/Bloomberg)

Halbleiter sind weltweit knapp, der Wirtschaftsaufschwung könnte abgewürgt werden. Europa muss dringend seine fatale Abhängigkeit abbauen. Doch es geht zu langsam.

Von Caspar Busse

Sie sind sehr klein und verursachen derzeit weltweit sehr großen Ärger. Halbleiter sind plötzlich Mangelware geworden. Fast alle Autohersteller müssen ihre Produktion unterbrechen, weil es keinen Nachschub gibt, gerade haben Experten errechnet, dass der Autobranche insgesamt Einnahmen von mehr als 200 Milliarden Dollar entgehen, alleine in diesem Jahr. Auch viele andere Branchen leiden: Waschmaschinen können nicht gebaut werden, bei Mobiltelefonen gibt es Probleme, die Produktion von Windkraftanlagen verzögert sich. Die große Chipkrise ist bereits zu einer ernsten Gefahr für die Weltwirtschaft geworden. Denn durch die Engpässe könnte der Aufschwung abgewürgt werden, der nach dem starken Rückgang in der Pandemie so sehr erwartet wird.

Die US-Regierung unter Präsident Joe Biden führt bereits Krisengespräche mit allen Beteiligten. Ursula von der Leyen, die Präsidentin der Europäischen Kommission, hat ein Europäisches Halbleitergesetz angekündigt, um Investitionen anzuschieben. Die Politik hat die Brisanz entdeckt, leider aber nicht in Deutschland. In der deutschen Öffentlichkeit, auch im Bundestagswahlkampf, ist das Thema bisher so gut wie nicht angekommen. Unverständlich, leidet die deutsche Industrie doch besonders.

Die Chipkrise zeigt, wie wichtig eine starke Halbleiterindustrie für Europa ist. Halbleiter sind schon seit Langem die entscheidende Schlüsseltechnologie, der Bedarf steigt und steigt. Überall steckt heute Elektronik drin, es kommt entscheidend auf die vielen kleinen Schaltkreise und Sensoren auf Siliziumchips an. Ein Elektroauto, noch dazu eines, das autonom fahren soll, braucht zum Beispiel deutlich mehr Halbleiter als herkömmliche Fahrzeuge, ohne Elektronik kann man heute nicht mal mehr das Autofenster öffnen. Aber auch für wichtige Projekte wie die Energiewende oder die Digitalisierung braucht es unbedingt die richtigen Halbleiter in ausreichender Menge.

Es gibt nur noch einen Europäer unter den großen: Infineon

Die Industrie hat sich viel zu lange darauf verlassen, dass es schon irgendwie Nachschub geben wird. Die Abhängigkeit von Asien und den USA in dieser Schlüsseltechnologie ist dabei immer weiter gewachsen, in Zeiten von Handelsstreitereien und politischen Unsicherheiten ist das fatal. Taiwan etwa ist weltweit führend in der Produktion von Halbleitern. Die Sorge ist groß, was passiert, wenn China seinen Einfluss dort verstärken würde und Warenströme umgelenkt werden.

Heute werden nur weniger als zehn Prozent aller Halbleiter weltweit in Europa hergestellt, die europäische Wirtschaft aber braucht viel mehr. Unter den zehn größten Chip-Produzenten der Welt befindet sich heute nur noch eine europäische Firma: Infineon aus München. Die EU-Kommission will den Anteil aus Europa jetzt auf 20 Prozent bis 2030 verdoppeln. Das Problem: Der Bau eines Halbleiterwerks, kurz Fab genannt, ist kompliziert, teuer und braucht Zeit. Deshalb muss alles schneller gehen, doch die Politik ist zu langsam, Verhandlungen mit Interessenten, Förderprozesse und Genehmigungsverfahren dauern lange.

Dabei gibt es auch positive Beispiel: Infineon hat gerade im österreichischen Villach eine neue Fabrik für insgesamt 1,6 Milliarden Euro eröffnet. Die Bauzeit betrug nur drei Jahre. Bosch, der weltweit größte Autozulieferer, hat im Sommer eine neue Produktion in Dresden eröffnet. Die sächsische Landeshauptstadt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem vorbildlichen Chip-Standort entwickelt - es ist ein Biotop entstanden, aus großen Werken, Zulieferern und vielen Experten.

In vielen wichtigen Bereichen hat Europa bereits den Anschluss verloren, in der Produktion von Batterien oder Solaranlagen, in der Netzwerktechnik, im Mobilfunk. In der Chipbranche, in der der technologische Wandel so rasant wie kaum woanders ist, muss die Rückkehr gelingen.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB