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Greensill:Risikojongleure

Die Greensill Bank in Bremen konnte lange unauffällig agieren, weil sie Bilanzrisiken versicherte - bis das schiefging.

Von Markus Zydra, Frankfurt

Die Ursachenforschung in der Causa Greensill geht weiter. Im Mittelpunkt stehen nun das Risikomodell und die Überwachung der Bank durch die Finanzaufsicht Bafin. Die Behörde hatte die Bremer Tochter des britisch-australischen Finanzkonglomerats Greensill, die am Montag Insolvenz anmelden musste, vergangene Woche wegen drohender Überschuldung geschlossen. Es stehen rund 3,6 Milliarden Euro an Einlagen im Feuer, Privatkunden dürfen davon ausgehen, dass sie entschädigt werden - Kommunen und bestimmte Wertpapierfirmen hingegen nicht.

Der Clou: Die Greensill Bank sicherte ihre Kreditforderungen mit Ausfallversicherungen ab. Man wähnte sich auf der sicheren Seite: Sollte der Kredit ausfallen, würde die Versicherung greifen. Das bedeutete: Wachstum volle Kraft voraus. Der Branchennewsletter Finanz-Szene.de berichtete am Montag, dass das Kreditvolumen der Greensill-Bank binnen kürzester Zeit um 74 Prozent anschwoll, gleichzeitig aber die Verlustpuffer für diese Geschäfte um elf Prozent zurückgingen. Das verwundert, denn Banken müssen Verlustpuffer bilden, um das zu verhindern, was nun mit der Greensill Bank passiert ist: drohende Überschuldung. Wie war es möglich, dass die Bafin zugelassen hat, dass die Verlustpuffer schrumpfen? Antwort: Hat sie wohl gar nicht. Aber hätte ihr die Sache nicht auffallen müssen? "Die Prüfung und Entscheidung erfolgt durch die Institute selbst und bedarf keiner aufsichtlichen Erlaubnis", teilte die Bafin der SZ mit, ohne auf den Fall der Greensill Bank einzugehen. Der Begriff der "Kreditversicherung" sei generell in der einschlägigen Capital-Requirements-Verordnung nicht definiert. Die Banken würden in diesen Fällen die Ausfallwahrscheinlichkeit ihrer Kredite mit der Ausfallwahrscheinlichkeit des Garantiegebers ersetzen. Das klingt kompliziert und bedeutet: Hatte die Kreditversicherung ein gutes Rating, dann musste die Greensill Bank wenig Kapital als Sicherheit zurücklegen. Doch dann passierte das Malheur: Die Versicherungen zogen ihre Deckung zurück, wegen inexistenter Forderungen musste die Bafin daraufhin ein Moratorium über die Bank verhängen.

Bislang sieht es so aus, als ob die Schieflage des Instituts keine Gefahr darstellt für den Rest des deutschen Finanzsystems. Der Deutschen Bank drohen durch Greensill nach eigenen Angaben keine Ausfälle, wie ein Sprecher sagte. Ähnlich klingt es bei der Commerzbank. Bevor Anleger entschädigt werden, wird nun die Finanzaufsicht Bafin wohl in Kürze die Insolvenz der Bank und den Entschädigungsfall feststellen. Für diese Prüfung hat die Aufsicht bis zu sechs Wochen Zeit. Die Behörde betonte, sie habe mit dem Bundesverband deutscher Banken und dem Prüfungsverband deutscher Banken (PdB) bei der Überprüfung der Greensill Bank eng zusammengearbeitet. Die Prüfung des PdB habe ein Konzentrationsrisiko gezeigt, nicht aber Indizien für Betrug oder andere strafbare Handlungen. Parallel zum Vorgehen des Prüfungsverbandes hat die Bafin dem Vernehmen nach im ersten Halbjahr 2020 eine Sonderprüfung initiiert und später Maßnahmen erlassen. So durfte die Bank seit Anfang 2021 nicht mehr uneingeschränkt Einlagen einsammeln.

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