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Nahaufnahme:Was übrig bleibt

Lex Greensill (2018): "Unser Mantra war die Demokratisierung des Kapitals."

(Foto: oh)

Der Bauernsohn Lex Greensill hat binnen zehn Jahren eine milliardenschwere Finanzfirma aufgebaut, die jetzt spektakulär untergeht. Wer ist dieser Mann?

Von Jan Willmroth

Mit Bescheidenheit hat es Lex Greensill nicht so, der Mann im Privatjet zwischen London, New York und Bundaberg in Queensland, der in diesen Tagen den Zusammenbruch seiner Firmengruppe erlebt. "Greensill hat einen anderen Blick auf die Dinge", heißt es in einem Werbespot, "und sucht nach Antworten auf Fragen, die andere nicht beantworten können." Greensill, eine Firma verändert die Welt, das Leben von Millionen Menschen und die Finanzindustrie sowieso - dicker als in diesem kurzen Film kann man nicht mehr auftragen. Wie wäre es da mal mit einer einfachen Frage, die auf einmal sehr schwierig zu beantworten ist: was nun?

Sehr wahrscheinlich wird die Firmengruppe zerschlagen, die Alexander "Lex" Greensill, 44, innerhalb von zehn Jahren aufgebaut und zu einem milliardenschweren Finanzkonzern geformt hat. Mit einer eigentlich alten Idee: Weil Lieferanten oft lange auf ihr Geld warten, bezahlt Greensill ihnen die Forderungen vorab, mit einem kleinen Abschlag. Später holt sich die Finanzfirma den vollen Rechnungsbetrag von den Schuldnern wieder. Lieferkettenfinanzierung heißt das. Das machen Banken schon seit Jahrzehnten, aber niemand zuvor hat dieses Geschäft mit so viel Geld aufgeladen und zugleich so komplizierte Strukturen für seine Kunden entwickelt wie Greensill.

Das Handwerkszeug dazu lernte Lex Greensill im Dienst von Wall-Street-Banken in der Londoner City. Aufgewachsen als Sohn von Großfarmern in Queensland, studierte Greensill Jura im Fernstudium, bevor er hinauszog in die Welt. Mit Anfang 20 nach Sydney, in die Welt der Technologie-Start-ups der Jahrtausendwende, später nach London, Morgan Stanley und Citibank. Seine Brüder blieben zu Hause, im australischen Bundaberg: Melonen, Süßkartoffeln, Zuckerrohr, ein Großbetrieb mit 2000 Hektar Land.

Über diesen Betrieb sprach Lex Greensill, wenn er seine Gründungsgeschichte erzählte. Seine Eltern, Farmer in zweiter Generation, hätten allzu oft auf das Geld ihrer Abnehmer gewartet. Wegen der schlechten Zahlungsmoral großer Handelsketten seien sie regelmäßig in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Das habe ihn angetrieben, einen besseren Weg zu finden. Er gründete Greensill Capital, kaufte eine Bank in Deutschland, richtete Standorte auf der ganzen Welt ein und lernte eines Tages Masayoshi Son kennen. Der investierte mit seinem Softbank Vision Fund im Jahr 2019 fast 1,5 Milliarden Dollar in Greensills Firmengruppe. Lex und sein Bruder Peter wurden zu Milliardären.

Noch im Dezember war sogar der Gang an die Börse im Gespräch

Bis heute wirbt der Konzern, er habe allein in 2019 143 Milliarden Dollar an Finanzierungen bereitgestellt für mehr als zehn Millionen Kunden und Lieferanten in 175 Ländern. "Unser Mantra war die Demokratisierung des Kapitals", sagte Lex Greensill 2018, ein Jahr nach seinem Ritterschlag wegen Verdiensten um die britische Wirtschaft, zwei Jahre nachdem er den gescheiterten Ex-Premier David Cameron zum Berater gemacht hatte. Hinter solchen Sätzen blieben dann die hochriskanten Finanzierungen verborgen, die Greensill etwa dem Stahlmagnaten Sanjeev Gupta organisiert hatte, seit der ersten Stunde ein enger Geschäftspartner des Australiers.

Noch im Dezember sprach Greensill sogar über einen Börsengang. Wozu das, nachdem er doch erst 2019 so viel Geld eingesammelt - und die Corona-Krise gerade weltweit die Lieferketten durcheinandergebracht hatte? Solche Fragen wischte Lex Greensill noch einfach beiseite, sprach im Interview mit dem Magazin The Australian lieber von neuen Möglichkeiten im Bereich der Finanzierung von Löhnen und Gehältern und den nächsten Umsatzrekorden.

Drei Monate später geht es nur noch darum, was von seinen Erfolgsstorys übrig bleibt.

© SZ
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