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Gnadenhof-Imperium Aiderbichl:Goldbesteck in der Wohnung

Nein, eine Show ist das nicht, sondern vielmehr ein Tierschutz-Konzern. Drei der Güter stehen Besuchern offen, sie sollen sich selbst tragen und sind darum als GmbHs organisiert. In Henndorf bei Salzburg, in Iffeldorf nahe dem Starnberger See und im niederbayerischen Deggendorf zahlen die Besucher Eintritt, fahren Bimmelbahn oder kaufen Lose. 6,5 Millionen Euro Umsatz habe man so zuletzt in Österreich, 2,3 Millionen in Deutschland erzielt, sagt Geschäftsführer Ehrengruber. Die übrigen 23 Höfe finanzieren sich aus Spenden an eine Privatstiftung: aus den Patenschaften der 56 000 Aiderbichler, aus Schenkungen und aus Erbschaften: Allein 2014 fielen Aiderbichl 27 Nachlässe zu, in Höhe von 2,2 Millionen Euro. "Im Regelfall wickeln wir Testamente ab von Leuten, die wir nicht kennen", sagt Ehrengruber.

Gutsverwalter verhaftet

Dass man vermögenden, hochbetagten Herrschaften gezielt die Hand führe, wenn es um ihren Nachlass geht, das weist Ehrengruber weit von sich. Nur "allgemeine Richtlinien" gebe man solchen Leuten wie den Geschwistern V. an die Hand, die ihr Vermögen Aiderbichl vermachen wollten, keinesfalls vorgefertigte Texte, beteuert er. Den Text des Testamentes von Ursula V. hat Ehrengruber allerdings per Mail an die Betreuerin der Dame geschickt. Das handschriftliche Testament, das die Betreuerin ihr noch am selben Tag diktiert haben will, ist tatsächlich wortgleich.

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Auch die Ermittler haben inzwischen viele Unterlagen gesammelt. Und vor allem haben sie einen der insgesamt vier Beschuldigten verhaftet, den Gutsverwalter. Noch auf der Fahrt in die Justizvollzugsanstalt Wien-Josefstadt legte er ein Teilgeständnis ab. Der Gutsverwalter räumte ein, sich selbst an dem alten Herrn bereichert zu haben, um 125 000 Euro, die hatte er einfach von dessen Konto abgehoben. V. selbst hatte den Überblick über sein stattliches Vermögen von sieben Millionen Euro nämlich längst verloren, glaubte zunächst, nur mehr 300 000 Euro zu besitzen.

Mit dem Chauffeur zur Nachlass-Sichtung

Gerd V. habe es zwar grundsätzlich für richtig befunden, sein Vermögen für "arme Tiere" zu verwenden, sagte der Gutsverwalter aus. Die Aiderbichler hätten aber all das, was sie dem alten Herrn versprochen hätten, zu zögerlich umgesetzt, V. habe das immerzu moniert. Man habe ihn schlicht hingehalten. Auch seine Schwester Ursula V. sei widerspenstig gewesen. Doch auf Gut Aiderbichl habe man offenbar eine "Chance auf Vermögens-Akquise gewittert", habe Ursula V. ein paar Mal von ihrem Wohnort Stuttgart nach Salzburg gebracht und dort "umgarnt", sagt der Mann. Schließlich sei Ursula V. in eine Seniorenresidenz in Salzburg gezogen und in "Griffweite" gewesen. Es gibt Fotos, auf denen die Aiderbichler Ursula V. groß zum Essen ausführen, Aufhauser machte das Wohl der Ursula V. zur Chefsache. Seine rechte Hand Ehrengruber sagt, er habe niemals Zweifel am Geisteszustand der Frau gehegt - anders als Ärzte, die ihr erstmals 2008 eine beginnende Demenz und zahlreiche andere Gebrechen attestierten.

Nach ihrem Tod reiste der Aufhauser-Vertraute mit Chauffeur nach Stuttgart, um den Nachlass zu sichten, der dem Gut Aiderbichl zufiel. In der Wohnung habe er Goldbesteck gefunden, "3 Löffel und 1 Kuchenheber", protokolliert er penibel. Sie kommen in ein Lager in Salzburg. Dort lagern schon seit dem Umzug in die Seniorenresidenz allerlei Besitztümer der älteren Dame. Persianermäntel, Nerze und andere Pelze. Ein schwieriges Erbe für eine Tierschutz-Organisation. Wenigstens die Vögelchen, die auch dazugehörten, waren kein Problem. Sie waren aus Porzellan.

© SZ vom 08.08.2015
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