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Ackergift:"Ein solches Vorgehen ist skandalös"

Doch was ist in diesem Fall relevant und wer legt das fest? Tatsache ist, dass sich die deutsche Behörde für ihre Risikoanalyse von Glyphosat vor allem auf Auswertungen der Industrie stützt, und das ist vom Gesetzgeber sogar so vorgeschrieben. Ein Verfahren, das zwar legal, aber hoch umstritten ist. "Ein solches Vorgehen ist skandalös", sagt der Toxikologe Peter Clausing vom industriekritischen Pestizidaktionsnetzwerk Pan. "Damit bleibt es weitgehend der Industrie überlassen, Publikationen, in denen die Risiken beschrieben werden, auszuwählen und zu bewerten." Das BfR hält dem entgegen, dass man alle eingereichten Unterlagen unabhängig prüfe und selbst bewerte, außerdem würden auch andere Dokumente berücksichtigt, die etwa von Umweltschützern und anderen Organisationen stammten. Clausing überzeugt das nicht. Das ganze Verfahren sei anfällig für Manipulationen durch die Industrie. "Auch wenn die Hersteller alle erforderlichen Daten liefern, können sie unbedeutende Effekte besonders hervorheben und besonders kritische verharmlosen oder schlimmstenfalls ganz verschweigen", sagt er. Bei den großen Datenmengen sei es für die Behörden kaum möglich, bis ins Detail alle Angaben zu überprüfen.

Die Sache ist heikel, besonders weil in Europa und den USA in den nächsten Monaten die Zulassungen für Glyphosat auslaufen. Eines der bekanntesten Mittel, das den Wirkstoff enthält, ist Roundup. Für die Hersteller, allen voran der US-Konzern Monsanto, geht es um Milliardenumsätze. Für eine neue Zulassung müssen die Risiken neu bewertet werden. Für die Neubewertung in der gesamten EU ist das BfR zuständig. Den Prüfbericht hat die Behörde vor einigen Monaten nach Brüssel geschickt. Grob zusammengefasst heißt es darin, Glyphosat sei unbedenklich.

Zusammengestellt wurde ein großer Teil der Unterlagen für den BfR-Prüfbericht von der sogenannten Glyphsate Task Force (GTF), einer Organisation, in der sich Hersteller und Verkäufer des Stoffs zusammengeschlossen haben. Zu den 24 Mitgliedern gehören unter anderem Monsanto Europe, der Schweizer Konzern Syngenta und die US-Agrarfirma Dow Agroscience.

Auf der Homepage der Glyphosate Task Force heißt es, die von der GFT zusätzlich eingereichten Unterlagen "umfassen mehr als 150 neue Studien.... , sowie mehr als 900 aktuelle wissenschaftlich Veröffentlichungen". Auffällig ist, dass die BfR genau diese Zahlen in einer früheren Anfrage der SZ zwar nennt, aber nicht angibt, dass es sich dabei um Unterlagen der Industrie handelt. Für den Bericht an die EU seien "mehr als 150 neue toxikologische Originalstudien beschrieben und ausgewertet worden", heißt es da. Weiterhin seien mehr als 900 neu in wissenschaftlichen Zeitungen publizierte Arbeiten berücksichtigt worden.

Diese Zusammenhänge werfen die Frage nach der Unabhängigkeit der Behörde auf. Erst vor kurzem haben Recherchen der SZ gezeigt, dass das BfR in der Neubewertung des Unkrautvernichters im Auftrag der EU-Regierung unter anderem Leserbriefe als Studien gewertet hat. Weiter stellte sich heraus, dass ein Teil dieser Briefe entweder direkt von Mitarbeitern von Monsanto stammt oder aus dem weiteren Umfeld des Konzerns. Solche Leserbriefe können nach Einschätzung von Experten allenfalls als wissenschaftliche Kommentare in eine Bewertung einfließen, aber nicht als Studien. Die BfR sieht darin kein Problem, sie will Liste mit Studien, auf der die Leserbriefe auftauchen, als Quellensammlung verstanden wissen. Auch im übergeordneten Bundeslandwirtschaftsministerium sieht man darin offenbar kein Problem. Man könne "keine Ungereimtheiten" im Prüfbericht des BfR erkennen, heißt es da. Und weiter: "Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist eine Bundesoberbehörde, die unabhängig hinsichtlich der Forschung und der gesundheitlichen Risikobewertung arbeitet."

© SZ vom 30.07.2015/jasch
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