Glyphosat Das Vertrauen ist weg

Glyphosat kommt in der Regel nach der Ernte respektive vor der Aussaat bei der Unkrautbekämpfung zum Einsatz.

(Foto: Steven Lüdtke/dpa)

Bayer ringt um die Gunst der Öffentlichkeit. Deshalb sind nun Hunderte Monsanto-Studien einsehbar. In der Frage, ob Glyphosat Krebs verursacht, werden sie nicht helfen.

Von Kathrin Zinkant, Berlin

Im Fall Glyphosat gibt es nicht mehr viele Nachrichten, die Bayer mit Stolz verkünden kann. Vor gut zwei Wochen muss der Konzern aber zumindest für einen kurzen Moment das Gefühl gehabt haben, das Richtige zu tun. Der Konzern hat vor Ostern mehr als 100 Monsanto-Studien zum umstrittenen Ackergift offengelegt, die bislang unter Verschluss gehalten worden waren. "Transparenz ist ein Katalysator für Vertrauen, deshalb ist mehr Transparenz eine gute Sache für die Konsumenten": Mit diesem denkwürdigen Satz begründete Manager Liam Condon diesen zweiten Schritt bei der neuen Transparenz des Konzerns. Bereits im Dezember hatte Bayer Zusammenfassungen von 300 Sicherheitsstudien verfügbar gemacht.

Ob die gut 100 nun verfügbaren Sicherheitsberichte Bayer allerdings wirklich mit der Vertrauensbildung helfen werden, ist mehr als fraglich. Im Wesentlichen handelt es sich bei den offengelegten Studien nämlich um Tests an Getreide, Bodenproben, Ratten, Kaninchen, Wachteln und Wasserflöhen, die zum größten Teil in den 1980er-Jahren vorgenommen wurden. Die Experimente sind klein und umfassen kurze Zeiträume. In den Tierversuchen wurden nur in wenigen Fällen Einflüsse von Glyphosat auf Blutzellen, Immunsystem, trächtige oder ungeborene Tiere untersucht. Hauptsächlich ging es um mögliche Hautreizungen oder Vergiftungserscheinungen, die aber fast nie festgestellt wurden. Und wen würde heute noch eine Hautirritation interessieren? Seit Jahren geht es schließlich nur noch um eine andere Sache: Löst Glyphosat Krebs aus?

Die Frage ist schwieriger zu beantworten, als es auf den ersten Blick erscheint - und als es das Urteil der International Agency for Research on Cancer (IARC) suggeriert. Die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation WHO stuft das Pflanzengift seit 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" für Menschen ein. Grundlage des Urteils sind Studien, die seit Ende der 1990er-Jahre einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz des Herbizids und einer unter Landwirten mutmaßlich gehäuft auftretenden Gruppe von Blutkrebsformen untersucht. Zusammengefasst werden die Krebsleiden Non-Hodgkin-Lymphome (NHL) genannt.

Gerichte in den USA haben entschieden, dass das Herbizid Blutkrebs ausgelöst hat

Mittlerweile gibt es Dutzende Bevölkerungsstudien zu Glyphosat und Krebs, zumeist an Landarbeitern. In der Mehrheit legen sie mal ein geringfügig, mal ein deutlich erhöhtes Risiko für NHL durch das Ackergift nahe. Auch für andere Krebsarten könnte Glyphosat demnach das Krebsrisiko erhöhen. Dazu kommen Tests an Tieren, von denen ein Experiment aus dem Jahr 2012 besonders großes Aufsehen erregte. Die sogenannte Séralini-Studie an Ratten zeigte angeblich, das sowohl Glyphosat als auch Glyphosat-resistente Gentech-Pflanzen Krebs verursachen.

Obwohl die Séralini-Studie zurückgezogen werden musste, bestärkt sie Glyphosatgegner bis heute in der Überzeugung, das Herbizid löse Krebs aus. Ebenso tun dies die besagten Bevölkerungsstudien, die auch in einem aktuellen Report der amerikanischen Agency for Toxic Substances and Disease Registry aufgezählt sind. Umweltschutzorganisationen behaupten, der Report bestätige die Bewertung der IARC, Glyphosat sei "wahrscheinlich krebserregend". Zudem haben zwei Gerichte in den USA zuletzt entschieden, dass Glyphosat für den Blutkrebs eines Schulwarts und eines Privatgärtners verantwortlich ist.

Es gibt allerdings eine Menge Probleme in dieser scheinbar schlüssigen Beweiskette. Mit Blick auf die Gerichtsverfahren haben sich die Jurys zum Beispiel über die biologische Tatsache hinweggesetzt, dass der Auslöser einer Krebserkrankung niemals eindeutig zu identifizieren ist. Eine Vielzahl von Einflüssen kann zur Entartung von Zellen führen, wie Abgase, Strahlung, Rauchen, Alkohol oder schlicht das Alter eines Menschen. Das bedeutet zwar nicht, dass Glyphosat sicher unschuldig am Leiden der Männer ist. Allerdings ist bislang kein Mechanismus bekannt, der zuverlässig erklärt, wie Glyphosat in Zellen Krebs auslöst. Und am Krebs selbst ist später nicht mehr feststellbar, welcher der vielfältigen Einflüsse die Verantwortung trägt.

Die Bevölkerungsstudien zum krebsauslösenden Potenzial von Glyphosat haben ein ähnliches, aber noch größeres Problem, weil die zumeist betrachteten Landwirte und -arbeiter nicht nur alltäglichen Einflüssen ausgesetzt sind, sondern zugleich auch mehrere Dutzend andere Pestizide einsetzen. Diese Wirkstoffe sind weniger gut untersucht als Glyphosat, viele von ihnen entfalten zudem in anderen, viel geringeren Mengen ihre biologischen Effekte als das am häufigsten eingesetzte Herbizid. Vor diesem Hintergrund lassen sich aus den Daten durch viel Rechnerei zwar immer noch "Assoziationen" zwischen Substanzen und Krebserkrankungen herausarbeiten. Wie bei Untersuchungen zum Einfluss einzelner Lebensmittel auf die Gesundheit, gilt aber, dass ein so berechneter Effekt auch Zufall sein kann.

Ob dem so ist, hängt im wesentlichen damit zusammen, wie die betreffende Untersuchung geplant und ausgeführt wurde. Die zuverlässigsten Ergebnisse liefern Studien, die zufällig ausgewählte Teilnehmer über viele Jahre begleiten und dabei klar unterscheiden können zwischen jenen, die dauerhaft intensiv mit Glyphosat in Kontakt kommen, und solchen, die niemals mit dem Stoff hantieren. Für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerungsuntersuchungen zu Glyphosat ist dies nicht der Fall. In der Agricultural Health Study wiederum, die dem Ideal halbwegs nahe kommt und zu den aktuellsten Untersuchungen zählt, wurde kein Zusammenhang zwischen Glyphosat und Non-Hodgkin-Lymphomen beobachtet.

Im Übrigen bestätigt deshalb auch die Agency of Toxic Substances and Disease Registry nicht, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserregend ist. Und die Mehrzahl der Bewertungsgremien weltweit kommt zu dem Schluss, dass der fachgerechte Einsatz der Ackerchemikalie kein Risiko darstellt. Dazu gehören das deutsche Bundesamt für Risikobewertung, die Europäische Lebensmittelaufsicht, die Europäische Chemikalienagentur, die amerikanische Umweltbehörde EPA sowie entsprechende Einrichtungen in Japan, Neuseeland, Australien und Kanada.

Das größte Problem von Glyphosat bleibt von diesen Umständen unberührt. Genauso wenig, wie sich ein krebsauslösendes Potenzial des Stoffs durch die vorhandenen Studien beweisen lässt, wird es sich ein für alle Mal ausschließen lassen. In der Ernährung kann man mit solchen Unklarheiten leben, Eier, Salz oder rotes Fleisch haben immer noch viele Fans. Mit Pestiziden in einer Landwirtschaft, die in ihrer heutigen Form zumindest in westlichen Industrienationen wegen fehlender Nachhaltigkeit, Artensterben und Klimawandel in der Kritik steht, sieht es anders aus. Und selbst wenn Bayer durch seine Transparenzoffensive zumindest den Willen zeigt, Vertrauen zu schaffen: Monsanto hat es längst verspielt.