bedeckt München 13°

Augsteins Welt:Ungewöhnliche Allianz

An dieser Stelle schreibt künftig jeden zweiten Freitag Nikolaus Piper.

(Foto: Bernd Schifferdecker)

Vielen gilt der Staat als Feind der freien Wirtschaft. Angesichts der Globalisierung und des Klimawandels ist diese Ansicht überholt. Weltkonzerne und der Rechtsstaat sollten zusammen agieren

Von Franziska Augstein

Dass der englische König Charles I 1649 im Zug einer Revolution enthauptet wurde, wissen viele. Weniger geläufig ist, dass es Kaufleute und andere Geschäftsmänner im Parlament waren, die auf seine Absetzung drangen und anschließend Regeln für die parlamentarische Demokratie aufsetzten. Dass die Boston Tea Party 1773 die amerikanische Revolution einleitete, wissen viele. Weniger geläufig ist, dass die Federführenden bei der Entwicklung erster Ideen, wie ihre Demokratie funktionieren solle, auf eine Vorlage zurückgriffen, die eigentlich für die Abläufe innerhalb einer Geschäfts-Korporation gedacht war.

Das sind zwei Beispiele, die Rebecca Henderson anführt, um zu belegen: Das Geschäfte-Machen und der Kapitalismus als solcher hätten nicht bloß zur Industrialisierung, sondern auch zur Demokratisierung eine Menge beigetragen. Wie bei allen Erfolgsgeschichten gibt es allerdings auch bei dieser ein "Aber". Die in Harvard lehrende Wirtschaftsprofessorin ist unzufrieden mit dem gegenwärtigen Zustand des kapitalistischen Systems. Was im Argen liegt und wie es behoben werden sollte, hat Henderson in einem luziden Buch dargelegt, das auch und gerade von Wächtern des Kapitalismus in höchsten Tönen gepriesen wird: "Reimagining Capitalism. How Business can save the World". (Frei übersetzt: Den Kapitalismus neu denken. Wie der Geschäftssinn die Welt retten kann. Penguin, 2020).

Die Ausgangslage ist bekannt: Die weltweite Ungleichheit ist ein Problem; Wohlhabende, Individuen ebenso wie Staaten, schotten sich ab hinter Mauern und Zäunen, damit sie nicht von den Besitzlosen überrannt werden. Wird der Klimawandel nicht aufgehalten, werden viele Gebiete der Erde unbewohnbar, weil da zu trocken und dort vom Meer verschlungen.

Im 19. Jahrhundert, als Britannien bei der Industrialisierung die Nase vorn hatte, war es ausgemachte Sache, dass Arbeit und Kapital in unversöhnlichem Gegensatz zueinander stünden.

Wäre es anders gewesen, der in London lebende Karl Marx hätte "Das Kapital" so nicht geschrieben. Es brauchte eine gigantische Depression in den 1930er Jahren und den Zweiten Weltkrieg, um zu einem Umdenken zu führen. Die Systemkonkurrenz zwischen der Sowjetunion und dem Westen tat ein Übriges: Wenn auch die sozialistischen Ideale von gesellschaftlicher Gleichheit hinter dem Eisernen Vorhang nicht umgesetzt wurden, so waren sie doch eine stete Mahnung für die Demokratien, ihre Staaten nicht allein nach den Interessen der Besitzenden zu führen; man wollte die Wähler nicht dem Kommunismus zutreiben - einerseits. Andererseits wirkte die repressive Planwirtschaft des Ostens auf Ökonomen wie August von Hayek und Milton Friedman dermaßen abschreckend, dass sie den Staat per se als Gefahr für Freiheit und Wohlstand betrachteten. In den 1970er-Jahren fanden ihre Ideen Gehör. Seither heißt es nicht mehr Arbeit gegen Kapital, sondern Staat gegen Wirtschaft.

Die Überwindung dieser Vorstellung hält Henderson für überfällig. Ganz konkret und kenntnisreich legt sie dar, was möglich und zu tun wäre. Das dem Kapitalismus eigene Grundproblem besteht in der Maximierung des Profits ohne Rücksicht auf die Kosten für die Umwelt und das allgemeine Menschenwohl. Was der Raffgier früher Grenzen setzte - Religion, Tradition, lokale Abhängigkeiten und damit einhergehende Verpflichtungen - hat sich in der globalisierten Welt einigermaßen aufgelöst.

Auch der größte Konzern, wohlmeinend, kann die Welt nicht retten

Die erste und einfachste Maßnahme wäre, dass Manager nicht mehr per kurzfristig ausgezahlter Boni dazu angehalten werden, in kürzester Zeit maximalen Profit zu erwirtschaften, so dass sie sich anderswohin begeben können und aus der Ferne zuschauen, wie die Firma, die sie einst leiteten, den Bach hinabgeht.

Dass auch Unternehmen auf die Umwelt Acht geben müssen, ist seit einigen Jahren Allgemeinwissen. Große Fonds haben sich der Politik des ethischen Investments verschrieben. Sie müssen derzeit aber mit unzuverlässigen Ziffern arbeiten. Wie dem Abhilfe schaffen? Buchhalter sind in der Literatur bekanntlich die langweiligsten aller Zeitgenossen, sind laut Goethe "trockne Schleicher": Genau sie aber, so Henderson, seien jetzt wichtiger denn je. Die bei jeder Produktion anfallenden Schäden für die Allgemeinheit müssten taxiert und verbucht werden, noch viel exakter als bisher der Fall, so dass Investoren genau wissen, ob ihr ethisches Investment tatsächlich eines ist.

Große Konzerne, Hendersons Paradebeispiele sind der amerikanische Haushaltswarenhändler Walmart und der Tee-Produzent Lipton, waren völlig baff, als die Öffentlichkeit sich gegen sie wandte. Als Ausbeuter und Umweltverpester wurden sie gebrandmarkt. Beide Unternehmen änderten daraufhin ihre Geschäftsstrategie und machen seither wieder guten Profit. Big Business - je größer, desto besser - kann viel dazu beitragen, der gemeinen Ungleichheit und der Zerstörung des Planeten Erde Einhalt zu gebieten, dies zumal in jenen armen Staaten, deren Regierungen bekanntermaßen korrupt sind.

Aber selbst Konzerne mit Milliardenumsätzen können die Welt nicht retten. Großunternehmen mögen anständige Arbeitsbedingungen schaffen und sich um eine ausgeglichene Umweltbilanz bemühen, aber es wird immer andere geben, die deren - natürlich etwas teurere - Angebote unterbieten.

Und hier kommt die Rechtsstaatlichkeit ins Spiel. Es müssen auf internationaler - gern auch auf nationalstaatlicher - Ebene Gesetze verabschiedet werden, die alle Firmen nötigen, im Sinne des Gemeinwohls zu handeln. So Rebecca Henderson. Wer ihr Buch liest, wird ihr zustimmen.

© SZ
Zur SZ-Startseite