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Gleicher Lohn für Mann und Frau:Nein - es braucht kein Gesetz!

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit - das ist eine jahrzehntealte Forderung der Frauenbewegung und vieler Gewerkschaften. Aber: Ob Mann und Frau gleich viel verdienen, ist eine Frage des gesellschaftlichen Klimas, nicht der Bürokratie.

Ein Kommenar von Nikolaus Piper

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit - das ist eine jahrzehntealte Forderung der Frauenbewegung und vieler Gewerkschaften. Sie ist bis heute nicht erfüllt, in Deutschland noch weniger als in anderen Industrieländern. Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen beträgt hierzulande 22 Prozent. Erst am 20. März werden Frauenverbände den Equal Pay Day zelebrieren können, also jenen Tag, bis zu dem Frauen theoretisch über Silvester hinaus arbeiten müssen, um das Gleiche wie ihre männlichen Kollegen im Jahr 2014 zu verdienen. Die Lohnlücke ist unfair, und sie ist dumm. Angesichts des globalen Wettbewerbs um die besten Talente müssten deutsche Firmen eigentlich qualifizierte Frauen mit Spitzengehältern unwerben. Und weil sie es offenkundig nicht tun, muss der Staat eingreifen und alle Beteiligten zu ihrem Glück zwingen.

Muss er wirklich?

Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig glaubt dies jedenfalls und bereitet aus diesem Grund, gedeckt durch den Koalitionsvertrag, ein "Gesetz zur Entgeltgleichheit" vor. Nach dem, was sie zu dem Thema jüngst vor Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften sagte, soll das Gesetz die Gehälter in Betrieben "transparent" machen. Die Personalabteilungen werden verpflichtet, Übersichten über die Gehälter in der Firma zu erstellen. Aus denen soll Kollegin Müller zwar nicht herauslesen können, was Kollege Meier verdient, wohl aber, was ähnlich Qualifizierte bekommen. Mit diesem Wissen ausgestattet kann Kollegin Müller dann besser mit dem Chef um mehr Gehalt verhandeln. Dabei soll kein "Bürokratiemonster" entstehen, versichert die Ministerin.

Die Lohnlücke hat wenig mit Gesetzen zu tun

Die Wette sei gewagt: Aus dem Gesetz wird genau das werden - ein Bürokratiemonster. Es dürfte nach allem, was man bisher weiß, ein klassisches Beispiel für ein Medikament werden, dessen Nebenwirkungen schlimmer sind als die Krankheit, die es kurieren soll. Zumindest wird es Unfrieden in die Betriebe bringen.

Im Einzelnen: Um einen Nutzen für Kollegin Müller zu haben, muss die Gehaltsübersicht hinreichend differenziert sein. Sie darf aber auch nicht zu differenziert sein, besonders nicht in kleineren Betrieben, sonst kann sich Kollegin Müller ja ohne Probleme das Gehalt des Kollegen Meier ausrechnen. Und es gibt ja noch so etwas wie Datenschutz, auch wenn es um Lohngleichheit geht. Die Statistik kostet Zeit und Geld und sie kommt noch zur neuen Mindestlohnbürokratie dazu. Man kann sich vorstellen, wie sich dies auf das Klima im Betrieb auswirkt.

Oder was ist mit diesem Fall: Der Chef der Firma will eine Spitzenkraft, den Kollegen Huber, bei der Konkurrenz abwerben. Zu diesem Zweck muss er ihm ein besonders gutes Gehalt anbieten. Wenn Huber tatsächlich wechselt und in die Statistik eingeht, dann wird nicht nur Kollegin Müller, sondern auch Kollege Meier mehr Gehalt verlangen, schließlich geht es ja um "Entgeltgleichheit". Das jedoch bringt das ganze Gehaltsgefüge durcheinander. Soll der Chef also auf den dringend benötigten Herrn Huber verzichten?

Gleichheit durch Vorbilder, nicht durch Bürokratie

Und schließlich die Frage der Gerechtigkeit. Die Bundesfrauenministerin spricht bei dem Thema meist gar nicht von Lohngleichheit, sondern von Lohngerechtigkeit. Über die Frage des gerechten Lohnes haben Theologen, Philosophen und Ökonomen schon Bibliotheken vollgeschrieben, ohne dass sie zu einem schlüssigen Ergebnis gekommen wären. Angenommen, Kollegin Müller ist effizient und entwickelt Führungsqualitäten, während Kollege Meier den Tag am Computer vertrödelt. Ist es dann gerecht, wenn beide gleich viel verdienen? Wird mit dem Terminus "Gerechtigkeit" das Thema "Gleichheit" nicht völlig unangemessen emotional aufgeladen?

Die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern gibt es, und sie wird vielleicht nie ganz verschwinden. Es gibt sie ja, die Chefs, die Vorurteile gegen Frauen haben und habituell nur Männer befördern. Es gibt aber eben auch Frauen, die, aus welchen Gründen auch immer, zu lange zögern und daher forschen männlichen Kollegen unterlegen sind. Es gibt Frauen, die sich zu wenig zutrauen und solche, die nach der Geburt eines Kindes auf Karriere verzichten (müssen), weil der Partner oder der Arbeitgeber nicht mitzieht.

Laut Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist die Lohnlücke von 2001 bis 2011 sowohl in hochregulierten Staaten wie Norwegen und Schweden, als auch in den USA mit ihrem weitgehend deregulierten Arbeitsmarkt gesunken. In Deutschland ist sie gestiegen. Das zeigt: Entgeltgleichheit ist eine Frage des gesellschaftlichen Klimas. Sie kann durch Vorbilder erreicht werden, durch Ermutigung und durch Aufklärung, aber nicht durch Bürokratie.

© SZ vom 03.03.2015/hgn/sana

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